Audi 50 und VW Polo I — 07.03.2003

Die kleinen Strolche

Sie haben Geschichte geschrieben: die deutschen Minis Audi 50 und VW Polo. Zwei aufgeweckte Jungs haben genau das kapiert. Und kümmern sich liebevoll um die kantigen Kisten.

In schrilles "Rallyegelb" und fieses "Lidogrün" getaucht, brettern die beiden Stars der kompakten Komödie die Landstraße rauf und runter: Ein Geschwisterpaar, fast schon Zwillinge und eigentlich nur am Gesicht zu unterscheiden. Vier Ringe trägt der eine, VW der andere. Zwei von über 1,2 Millionen, kaum ein Verwandter überlebte, diese kamen gerade so durch. Jetzt kümmern sich Dirk Schneider und Elmar Schmitz um die Vollwaisen. Dirk und Audi sind die Älteren, der eine Baujahr 1971, der andere fünf Jahre jünger und 107.000 km alt. "Der hatte einer 89-jährigen Oma gehört", sagt Schneider. Ein Fiat-Händler (!) nahm sich des flotten Fuffzigers an, dort traf der Ingolstädter auf den ebenfalls irgendwie angespülten Wolfsburger Polo. Einer der letzten der ersten Serie, ein modellgepflegter 81er, aber von Elmar auf die alte, pure Form zurückgerüstet.

Altes Armaturenbrett, flacher Grill – "fertig ist der Einse", sagt Flexodrucker Elmar von der "IG Typ 86", wie Audi 50 und Polo im Modellreihen-Deutsch gerufen werden. Viel älter (und sehr groß) ist die Liebe zu den Kleinen: "Meine Mutter kaufte einen Polo, als ich sieben war. Und schon damals wusste ich, dass mein erstes Auto ein Polo sein wird", sagt Christian Ricken, zusammen mit Schneider 86er der ersten Stunde und IG-Ansprechpartner. "Klar, das erste Auto hinterlässt immer Spuren. Heute gefallen mir aber vor allem die Form und das moderne Fahrverhalten", meint der Maschinenbau- Ingenieur.

An der Schwelle zum Klassiker

Männer und ihre Minis: Dirk Schneider (links) und Elmar Schmitz pflegen automobiles Kulturgut.

"Außerdem steht der Audi 50 an der Schwelle zum Klassiker und ist inzwischen seltener als manch hochpreisiger Edel-Sportwagen." Was nicht nur an VAG-interner Verdrängung, sondern am schlechten Blech der frühen Jahre liegt. Audi 80, Golf, Passat – Recycling-Stahl aus der DDR machte einer ganzen Autogeneration den Garaus. Und der Rest verröchelte als billiger Gebrauchter. Nicht Premium, sondern preisgünstig fiel vielen seinerzeit zu alten Audi ein. Einen Liebhaberpreis zahlte Dirk Schneider dennoch für seinen grellgelben Audi 50. Notgedrungen; denn der Wagen ist fit, und "restaurieren kann man fast vergessen", da sind sich die Arbeitskollegen aus Warburg in der Nähe von Kassel einig. Denn manche Teile gibt’s so gut wie nicht mehr. Motoren ja, Radlager auch, die blieben 20 Jahre lang, bis 1994, unverändert. Aber Bleche, Sitze, Grill? "Keine Chance. Eine frühe Audi-Stoßstange oder vordere Ausstellfenster zählen zu den gesuchten Preziosen."

Doch es lohnt sich. Über ein Vierteljahrhundert später lassen die 50 Pferdchen des modernen 1,1-Liter-Querläufers noch immer Spaß aufkommen. Übereifrig scharrt die Kronkorken-Bereifung, die Schaltwege sind länger als mein Arm, und das Lenkrad ist ein Witz: dünn wie ein Hupring, schlüpfrig wie Herrenwitz. Aber wertvoll. "So was war in gutem Zustand schon vor Jahren eine Rarität", sagt Dirk, als wir wieder zum Club-Lager kommen. "So wie der da hinten. Der gehört auch zur Familie." Ein Derby! Also nein, zu viel ist zu viel.

Lebenslauf Audi 50 und VW Polo I

In der VAG-Familie herrschten raue Sitten: Schon 1974, im Geburtsjahr des Audi 50, kündigte VW-Chef Rudolf Leiding an, "der schönen Tochter Audi gelegentlich unter den Rock fassen zu wollen". Und so kam es. Mal wieder. In Wolfsburg wurde mit Ingolstädter Entwicklungen gutes Geld verdient. Zuerst mit dem Passat und dann mit dem Polo. Der war eigentlich ein Audi 50, welcher seit 1974 den ausländischen Kompakten modernen Zuschnitts wie Autobianchi A112, Fiat 127, Renault 5 und Peugeot 104 Paroli bieten sollte.

Nicht gerade eine Kommadozentrale, aber der Griff ans spindeldürre Lenkrad steuerte im Audi 50 bis zu 60 quicklebendige PS.

Was er erfolgreich tat, denn der "feine Kleine" war auf der Höhe seiner Zeit. Mit großer Heckklappe, umlegbarer Rückbank, modernem Fahrwerk und quer eingebautem 1,1-Liter-Vierzylinder. 50 PS leistete die Grundversion LS, 60 PS waren es beim höher verdichteten, 8510 Mark teuren GL. Die härteste Konkurrenz kam seit 1975 aus der eigenen Familie. Der spartanische Polo, in der 40-PS-"Normalvariante" noch nackter, als es ein Bundespost-Käfer je war, machte dem edlen Vorgänger das Leben schwer. Nach und nach näherten sich die ungleichen Geschwister an, bis sie nur noch das Emblem unterschied. Der letzte Audi 50 lief 1978 vom Band, zugunsten des Ablegers wurde der Vorläufer eingestellt. Immer stärker und luxuriöser wurde der Polo (bis zu 60 PS aus 1,3 Liter Hubraum beim Topmodell GLS), 1979 kommt das erste Facelift, und ab 1981 steht die zweite Generation am Start. Familienzuwachs hatte es schon 1977 gegeben – mit dem Stufenheck-Modell Derby hatte der Polo einen Bruder bekommen. Entwickelt hatte ihn natürlich die schöne Schwester.

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