Audi 80

Deutschlands Top 200, Folge 20: Audi 80 Deutschlands Top 200, Folge 20: Audi 80

Audi 80

— 02.11.2005

Im Zeichen der Ringe

Der größte Erfolg aus Ingolstadt kam im Olympiajahr 1972: Der Audi 80 galt erst als fortschrittlich, dann als spießig – und jetzt als Kult.

Das wichtigste Zubehör gibt es bei Audi weder für Geld noch gute Worte. Es steht in keinem Katalog, es hat keine Artikelnummer, und es ist in dieser Qualität auch nur mit guten Beziehungen zu bekommen. "Die? Ach, die habe ich von Tante Grete bekommen. Hat sie selbst gemacht", sagt Martin Hoffmann (34) und grinst. Wir stehen am Heck seines Audi 80 GL von 1973, und mein entgeisterter Blick amüsiert den Klempner sichtlich: Da liegt tatsächlich eine gehäkelte Klopapierhaube auf der Heckablage – und zwar direkt neben zwei Wackeldackeln. Es gibt Klischees, die sterben nie. Eines davon ist, dass Audi-80-Fahrer Hüte tragen, einen Jägerzaun vor der Hütte haben und ihren Klopapiervorrat mit sich führen. Martin Hoffmann nimmt diese Klischees mit Humor.

Auf Anhieb Auto des Jahres

Das Cockpit strahlt mit dem Charme der 70er Jahre.

Aber vielleicht ist es auch mal an der Zeit, eine Lanze für den Audi 80 zu brechen. Als die Mittelklasse-Limousine im Olympiajahr 1972 auf den Markt kam, da überzeugte sie mit viel Innenraum trotz knapper Außenmaße. Mit einem dank neuer Materialien auf 850 Kilo gedrückten Leergewicht. Mit einem laufruhigen und problemlosen Vierzylinder. Und mit dem berühmt gewordenen "negativen Lenkrollradius", durch den sich das Fahrzeug – kurz gesagt – beim Bremsen selbst stabilisierte. Kein Wunder, dass es gleich im ersten Jahr "Auto des Jahres" wurde. Alle Generationen zusammengenommen, verkaufte sich der Audi 80 in Deutschland fast 2,5 Millionen Mal. Er ist bis heute der größte Erfolg aus Ingolstadt – und belegt in "Deutschlands Top 200 " Platz neun. Die Spitzenposition geht mit 9,6 Millionen Einheiten erwartungsgemäß an den Golf.

Was man zu seinen Lebzeiten kaum für möglich gehalten hat: Der frühe Audi 80 wird wie sein (anfangs bis zur B-Säule identischer) Ableger Volkswagen Passat allmählich zum Kultauto mit Seltenheitswert. Martin Hoffmann zum Beispiel hatte zehn Jahre gesucht, bis er sein Auto bei einem Rentner in Krefeld fand. "Als er die Garage aufgemacht hat, hat mich fast der Schlag getroffen", sagt Hoffmann. "Erstzulassung 1973, nur 73.500 Kilometer gelaufen, perfekter Zustand." Und vor allem: kein Rost – was bei den frühen Modellen (bis zur Einführung der vollverzinkten Karosserie 1986) eine Sensation ist. Über 90 Prozent der Audi 80 aus der ersten Zeit sollen inzwischen weggegammelt sein. Klar, dass Hoffmann auf der Stelle zugriff, das Auto für 2050 Mark kaufte und es jetzt liebevoll pflegt: "Es hat keinen Kratzer, keine Beule und noch nie Regen gesehen."

Willkürlich schwankender Ölverbrauch

Unter deutschen Dächern: der Audi 80 GL im Münchner Olympiapark.

Die Vorsicht zahlt sich aus: Im Münchner Olympiapark, wo wir das Auto passend zum Erscheinungsjahr 1972 im Zeichen der Ringe fotografieren, bleiben die Passanten staunend stehen. Schauen sich lächelnd die coronagelbe Lackierung im Zusammenspiel mit der dunkelgrünen Innenausstattung an, über die Hoffmann selber sagt: "Das sieht so schlimm aus, dass es fast schon wieder schön ist."Die Leute schwelgen schnell in Erinnerungen über ihre eigenen Fahrten im Audi 80. Ihre Touren an die Ostsee oder in den Harz. Und stellen erstaunt fest, wie zeitlos die immer als spießig beschimpfte Karosserie inzwischen wirkt – gerade vor der luftig-leichten Kulisse des Olympiadaches, das wegen seiner mutigen Konstruktion die Sensation bei den Olympischen Spielen war und heute unter Denkmalschutz steht. Wobei wir nichts verklären wollen: Es war nicht alles toll am Audi 80. Neben den Rostproblemen nervte er seine Fahrer vor allem mit dem oft horrenden und meist willkürlich schwankenden Ölverbrauch. Man munkelt, daß die Audi-80-Fahrer früher an der Tankstelle als erstes "einmal Öl voll" verlangten – und dass der Tankwart daraufhin freundlich fragte: "Soll ich denn auch nach dem Benzinstand sehen?"

Technische Daten Audi 80 GL (1973)

Martin Hoffmann ist von solchen Sorgen verschont geblieben. Er schwört, dass er noch nie einen Tropfen Öl nachfüllen musste. Dass er an dem Auto nie etwas verbasteln wird, daß alles immer original bleibt. Okay, bis auf die Räder, die hat er irgendwann mal vom 78er-Modell genommen. "Viele junge Leute sagen, dass ich das Auto tieferlegen soll. Aber so was mache ich nicht, es würde mir das Herz brechen." Seine Treue zum Original hat Hoffmann schon viele Preise eingebracht. Zum Beispiel beim US-Car-Treffen in Köln: "Die wollten mich mit dem Audi erst gar nicht aufs Gelände lassen. Und am Ende habe ich bei den europäischen Fahrzeugen Platz eins belegt." Kann natürlich sein, dass es gar nicht der Audi selbst war, der die Jury so begeistert hat – sondern mehr die tolle Häkelrolle von Tante Grete ...

Technische Daten Reihen-Vierzylinder, vorn längs eingebaut • obenliegende Nockenwelle, durch Zahnriemen angetrieben • Registervergaser • Bohrung x Hub 76,5 x 80 mm • Verdichtung 9,7:1 • Hubraum 1471 cm³ • Leistung 63 kW (85 PS) bei 5800/min • max. Drehmoment 123 Nm bei 4000/min • Frontantrieb • Viergang • Tank 46 Liter • Länge/Breite/Höhe 4201/1600/1374 mm • Reifen 155 SR 13 • Leergewicht 855 kg • Spitzengeschwindigkeit 170 km/h.

Autor: Alex Cohrs

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