AUTO BILD bei der Mille Miglia 2008

— 20.05.2008

1000 Meilen. 34 PS. Drei Zylinder.

AUTO BILD-Redakteur Christian Steiger hat es hautnah erlebt: das Mille-Miglia-Gefühl. In einem DKW 3=6 absolvierte er die historischen 1000 Meilen durch Italien – und würde es immer wieder tun.

Genau einmal haben sie es gewagt, im Mai 1954. Die schwarzweißen Beweise liegen bis heute im Audi-Archiv: Fotos, die einen DKW 3=6 auf der Mille-Miglia-Startrampe in Brescia zeigen. Er trägt noch ein altes schwarzes Besatzungskennzeichen, Buchstabe R für Rheinland – ein Werkswagen aus Düsseldorf. Er war der Erste und Einzige seiner Art, der damals das Rennen durch Italien bestritt. Der schwarze 3=6 startete in der Tourenwagen-Klasse, die er vor 54 Jahren sogar gewann. Es war die Zeit, als die Mille Miglia noch keine Zweieinhalb-Tages-Fahrt war wie heute, sondern ein knüppelhartes Non-Stop-Rennen. Wer anhielt, verlor. Schnitte von 140 km/h waren normal, die DKW-Crew wird davon geträumt haben. Ihr Zweitakter ging maximal 120.

Das gilt noch heute. Und deshalb wagen sie es bei Audi wieder, schicken den schwarzen Museums-3=6 nach Italien, lassen ihn von Presse-Menschen mit Hang zu Wirtschaftswunder-Wagen auswringen. Vertrauen haben sie, die Ingolstädter: Die Einweisung dauert zehn Minuten. Sie behandelt das schrullige Schema der Lenkradschaltung, mit Erstem und Drittem unten statt oben, den Zweitakt-typischen Freilauf und mögliche Hitzewallungen des Dreizylinders. Wenn er heiß wird, mag er beim Starten einen ganz leicht gezogenen Choke. Beim Tanken bitte Zweitakt-Öl nicht vergessen, Mischung 1:40. Das war's. Gute Fahrt.

Mit 34 PS zwischen den Sportwagen-Juwelen aus vier vergangenen Jahrzehnten. Herzklopfen im Zweitakt. Er ist schwach, der kleine DKW, aber er liegt erstaunlich gut mit den härteren Federn seines Sportfahrwerks. Er bremst nicht wirklich entschieden mit seinen zierlichen Trommeln, aber bald nach dem Start in Brescia zeigt sich, dass das nicht die größte Rolle spielt. Viel wichtiger ist, dass so ein Zweitakter turbinenhaft und spontan hochdreht. Und dass beim Hochdrehen keine Ventile flattern können. Weil es gar keine gibt. Er muss nicht allzu oft bremsen, weil es während der nächsten 1600 Kilometer kaum eine rote Ampel für ihn gibt. Die Polizisten – und oft auch Polizistinnen – an den Kreuzungen winken ihn durch. Auch wo es sich staut, muss er nicht stehen bleiben. Weil fast immer irgendwo ein Motorrad-Polizist darauf wartet, mit Blaulicht in den Gegenverkehr zu stechen und eine Gasse freizumachen für einen Haufen von 371 Wahnsinnigen, die mit antiken Automobilen durch Italien kacheln.

Es ist nicht wichtig, ob sie drei oder acht Zylinder fliegen lassen. Ob ihre Autos 8000 oder 1,8 Millionen Euro wert sind. Ob Mika Häkkinen am Steuer sitzt oder ein AUTO BILD-Redakteur. Ankommen ist wichtig. Und Winken. Und Hupen. Und Gasgeben, überall da, wo an der Strecke Menschen stehen. Sie stehen an den umöglichsten Ecken. Sie schreien am lautesten, winken am heftigsten, wenn die Mille-Miglia-Besatzungen es schaffen, gleichzeitig zu winken und zu hupen und Gas zu geben. Das funktioniert in Ferrara, in Assisi, in Rom, Florenz und Mantua. Es funktioniert bei Kindern und Greisen und sogar bei den grell geschminkten Damen, die an Vorstadt-Plätzen und Waldstücken auf alle warten, nur nicht auf Kerle, die mit Vollgas an ihnen vorbeirasen. Es funktioniert am Tag und bei Nacht, bei sengender Hitze und im Regen, wenn die Mille Miglia wirklich so aussieht wie auf den Schwarzweiß-Fotos aus den 50ern.

Es funktioniert bei den Italienern und denen, die sich noch viel italienischer benehmen als sie, nämlich den Mille Miglia-Fans mit Autokennzeichen aus Starnberg, Wesel und Pforzheim. Und am Ende funktioniert es am besten bei den 377 Teams im Starterfeld: Die fahren und winken und hupen, bis ihnen das Zeitgefühl abhanden kommt. Müde sind viele von ihnen am ersten Abend, nach vier Stunden Fahrt, aber nicht mehr am zweiten, wenn sie erst nach 14 Stunden ins Ziel rollen. Und am letzten Tag, der noch länger ist, würden sie kurz schlafen gehen, aufstehen, einen doppelten Espresso nehmen und dann wieder losfahren, wenn sie einer ließe. Vielleicht nicht mit Vollgas, sondern mit ein paar Pausen dazwischen, um sich dort noch mal umzusehen, wo in der Wertung 30 Sekunden zum Durchfahren reichen mussten. San Marino, Siena, Urbino. Und nachts noch mal durch Rom. Das ist es, das Mille-Miglia-Gefühl, von dem manche Teilnehmer behaupten, dass es das größte ist.

Tatsächlich, es braucht dafür nicht mehr als 34 PS. Kein einziges Mal ist der schwarze DKW am Ende zu heiß geworden. Aber sein Fahrer, der stand am Ende in Flammen. Jede Menge tolle Fotos über das Abenteuer Mille Miglia gibt es in Kooperation mit www.chromjuwelen.com in der Bildergalerie.

Hier geht es zur kompletten Rangliste der Mille Miglia 2008.

Autor: Christian Steiger

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