AUTO BILD Klassik

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— 11.06.2004

Von harten Jungs und Damenstrümpfen

Wahre Klassiker kriegen erst beim Polieren Frühlingsgefühle.

Ist das nicht eine herrliche Zeit?! Aus allen Löchern und Winkeln kommen sie angekrochen – spotzend und trotzend der langen Zwangspause des Winters. Und endlich darf wieder poliert werden, was das Zeug hält. Habe sogar überflüssigerweise die fünf Meter Weißlack meines Mazda-Busses auf Hochglanz gebracht – klassischer Fall von Putz-Zwang, behauptet mein Nachbar. Aber der spielt lieber Golf, als seinen Golf zu putzen. Was gibt es schließlich Schöneres, als mit den Fingernägeln über die frisch polierte Außenhaut zu fahren? Hauchfein bestrumpfte Damenbeine vielleicht.

Polieren und in Watte packen

Seht die dünnen Dinger: Käfer mit 145er-Trennscheiben beim Straßenrennen – ging damals auch irgendwie.

Ach nee, lieber nicht, musst ja immer auch gleich den ganzen Rest nehmen ... Gebe zu, ich schweife ab. Also zu den Fakten: Das Sonax-Zeugs ist genial, nach dem Polieren die Versiegelung nicht vergessen, sonst fressen die offenen Poren den Dreck. Und immer hübsch kleinflächig arbeiten, die alten Lacke unserer Schätze vertragen kein großzügiges Drüberhuschen. Selbst alten Nitro-Stumpflack hab ich wieder hingekriegt und meine Autos dabei buchstäblich in Watte gepackt.

Umrüstsätze, damals wie heute

Die ganz harte Nummer bringen Beetle-Fahrer demnächst auf die Straße: Brezel- oder Ovali-Heckfenster aufs Dachende des Golf, der ein Käfer sein will. Find ich ja total krank, so was; beim Durchblättern der letzten "VW Scene" ist mir fast das Heft aus der Hand gefallen. Nun denn: Heute ist eben nichts mehr heilig, zum Glück ist die Sichtbehinderung nach hinten nur zum Aufkleben.

Andererseits: Was haben wir noch Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger mit den damals gar nicht so seltenen Brezel-Käfern gemacht? Genau! Antiquierten Mittelsteg rausgetrennt und moderneren Oval-Look verpasst, war ganz einfach. Richtige "Umrüstsätze" gab es im Zubehörhandel damals übrigens auch, doch die waren zu teuer, schließlich brauchten wir das Geld für die Porsche-Felgen, und die schlichte Chromstoßstange vorn gehörte natürlich per Winkeleisen hochgesetzt. Das sah deutlich schneller aus.

Ich hatte an meinem späteren 65er natürlich noch Zusatzscheinwerfer auf die Haube montiert, Talbot-Spiegel und Rallyestreifen an der Seite. Und immerhin schon 40 gut gehende PS im Heck, denn mein mit Damenstrumpf über dem Vergaser sowie TT-Rohren hinten (ohne Siebe) soundfrisierter 1300er rannte Tacho 140 – na ja, Kasseler Berge runter. Nur für die Porsche-Felgen hat es leider nie gereicht.

Menschen metallischen Ursprungs

Wie beeindruckend dagegen die Leistung des Schorndorffer VW-Händlers, der, wie in Heft 18/04 berichtet, mit dem 1500er-Porsche-Motor im Heck seines gebrauchten Brezel 1954 die Mille Miglia unter seine Schmalräder genommen hatte. Ja, schaut Euch mal dieses Foto an, das ich jetzt bei VW im Internet gefunden habe, schaut auf die Reifen: 145er, schätz ich mal, höchstens. Dass der auf solchen Trennscheiben nicht umgekippt ist ...

Es waren eben noch richtige Autofahrer. Mechanische Menschen, metallischen Ursprungs. Solche, die den Hintern raushängen lassen konnten, ohne jemanden auch nur ansatzweise zu gefährden. Die hörten, ob der Motor gesund ist oder krank, und ihre Autos mit dem 13er-Schlüssel auseinander nahmen und wieder zusammenbauten. Im Hinterhof, zur Not auf dem Autobahnparkplatz. Einige taten es eher mit dem Vorschlaghammer. Das war die ganz harte Abteilung: Fernfahrer – Kapitäne der Landstraße. Helden der Arbeit.

Eine meiner Lieblingslektüren, das gebe ich zu, ist seit geraumer Zeit der "Historische Kraftverkehr". Das Blatt kostet zwar 5,50 Euro, ist aber jeden Cent wert. Hier tauchst du ein in die Welt der Arbeit, als es noch reichlich Arbeit gab. Hier fahren die wahren Helden des Alltags vor, die Hanomag und Henschel, die Büssing und Benz, die Magirus und Krupp. Und hier schreiben Leute, die’s erlebt haben. Harte Jungs, die selbst mit 66 Jahren noch auf ihre Muckis stolz sein können (kommt vom Rudern am riesigen Steuerrad).

Außer dem brillanten Druck durchzieht das Fachblatt im Übrigen genau jene Patina, die von Herzen kommt. Und deshalb auf Herzen wirkt. Etwas, das selten geworden ist in dieser Zeit der elektronischen und menschlichen Defekte, findet Euer Karl Auto

Fragen, Anregungen oder Tipps aus der Szene? Schreiben Sie an: Karl Auto, Redaktion AUTO BILD, Axel-Springer-Platz 1, 20355 Hamburg. Oder: redaktion@autobild.de, Stichwort: Karl Auto

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