Autobau im Osten

Autobau im Osten

— 14.09.2007

Die alten Meister aus dem neuen Europa

Aus den jungen EU-Staaten Polen und Tschechien kommen Autos, die an die guten alten Zeiten erinnern. So entstehen einerseits exklusive Fahrzeuge wie der Leopard Roadster, auf der anderen Seite kuriose Billigautos wie der Kaipan 14.

Tak, takatatak, tak tak, takatatak, tak tak, takatatak... Der Trick besteht darin, die Augen zu schlieen und die Ohren zu ffnen. Du musst die gelben Ohrstpsel, die sie dir vorher gegeben haben, in die Hosentasche stecken und einen Moment warten, um dich an die Lautstrke zu gewhnen. Tak, takatatak, tak tak, takatatak, tak tak, takatatak... Pltzlich ist der Lrm kein Lrm mehr. Es bilden sich Strukturen heraus, eine Art Rhythmus. Und irgendwann denkst du, dass du nicht mehr in einer alten Fabrikhalle stehst, sondern mitten in einem Konzertsaal. Tak, takatatak, tak tak, takatatak, tak tak, takatatak... Es sind Mnner in blauen T-Shirts, die mit ihren verschieden groen Hmmern diesen Rhythmus erzeugen. In gewisser Weise kann man sie als Knstler bezeichnen, als Virtuosen des Handwerks. Ihre Arbeit klingt wie Musik und ihre Autos sehen aus wie Gemlde. Das sind alte Meister aus dem neuen Europa.

Die Legende lebt: AC Cobra

Alles Handarbeit: Um die 100 Karosserien (sowohl Cobra 427 als auch Cobra 289) baut Kirkham Motorsports jährlich in Mielec, etwa 90 Prozent davon gehen in die USA.

Die Werkhalle von Kirkham Motorsports im sdostpolnischen Mielec ist Schauplatz dieses handwerklichen Spektakels. Frher haben hier 20.000 Menschen Flugzeuge fr die Landwirtschaft und das Militr gebaut, bis in die 70er-Jahre sogar MiG-Jets. Heute entstehen am selben Ort Repliken einer automobilen Legende der AC Cobra. Die Firma gehrt den Brdern David und Thomas Kirkham aus dem US-Bundesstaat Utah. "Die beiden haben nach Leuten gesucht, die sich mit der Verarbeitung von Aluminium auskennen", sagt Werkleiter Greg Pawlick (36), "und bei uns haben sie die gefunden." Die geschwungene Karosserie des Sportwagens und der sensible Werkstoff passen denkbar schlecht zusammen: Aluminium ist schwer zu formen, bricht leicht und wlbt sich oft wieder zurck. "Man muss sogar das Alter des Materials kennen, weil es sich in verschiedenen Phasen unterschiedlich verhlt", erklrt Vorarbeiter Jan Ozg (52). Die Arbeiter legen das Aluminium ber eine Form, spannen es fest und formen es mit Hilfe ihrer Hmmer. Das ergibt dieses rhythmische Tak, takatatak, tak tak, takatatak, tak tak, takatatak. Aus ber 20 Teilen bestehen die Karosserien der Cobra-Varianten 289 und 427. Pawlick: "Wir haben erst probiert, diese mit Maschinen zu formen. Aber das hat nicht so gut funktioniert wie per Hand."

Selbst Shelby importiert aus Polen

Fast ein echter Engländer: Die Form des Leopard erinnert an einen klassischen Morgan, unter dem Blech steckt aber moderne Technik. Im Cockpit ist sogar ein Navigationssystem vorhanden.

Rund 100 Karosserien verlassen die Fabrik pro Jahr, und selbst Carroll Shelby, der die Cobra einst berhmt machte und heute wieder einige Exemplare in Sdafrika zusammenbauen lsst, bezieht den Aufbau aus Mielec. "Was die Jungs in Polen machen, ist einzigartig", sagt Uwe Beckbye. Er vertreibt die Kirkham Cobra bei uns. Das Knnen der Polen hat allerdings seinen Preis: Ein fahrfertiges Exemplar kostet mit Steuern etwa 100.000 Euro. Wer auf die Idee kommt, Zbyslaw Szwaj als netten alten Herren abzutun, der hat noch nie das Blitzen in seinen Augen gesehen. "Ich bin ein Diktator", sagt der 75-Jhrige, "wenn wir alles ausdiskutieren wrden, htten wir den Kommunismus zurck." Der ehemalige Atomwissenschaftler liebt klare Ansagen. Eine davon lautet: "Wir arbeiten zwlf Stunden pro Tag." Eine andere heit: "Ich will das perfekte Auto bauen." Fr Szwaj heit das perfekte Auto Leopard und entsteht ebenfalls in Mielec, etwa fnf Gehminuten von Kirkham entfernt. Ein klassischer Roadster im englischen Stil, mit Aluminium-Karosserie, angetrieben von einem Sechsliter-V8-Motor aus der Corvette. Der leistet 405 PS und beschleunigt den 1000 Kilo leichten Zweisitzer in vier Sekunden auf 100 km/h, bei Tempo 250 wird abgeregelt. Die Philosophie hinter dem Projekt erklrt Szwaj so: "Der Leopard soll an die Zeit erinnern, als die Menschen noch ein ganz besonderes Gefhl fr ihre Autos hatten."

Billig-Sportler auf Basis des Skoda Favorit

Dazu gehrt die Form, die an einen Morgan erinnert, dazu gehrt das edle Leder im Innenraum, und dazu gehrt der Preis: 130.000 Euro soll das polnische Luxusauto kosten, wenn es auf den Markt kommt. Derzeit versucht Szwaj, fr den Wagen eine europaweite Typgenehmigung zu bekommen. Die Crashtests hat der Leopard Roadster bereits bestanden, allerdings verlangen die Beamten zwei Konstruktionsnderungen: Das Nummernschild sitze zwei Zentimeter zu tief und die Befestigungsstifte fr das Stoffverdeck seien noch ein wenig zu dick. Zwischenfrage: 100.000 Euro fr die Cobra, 130.000 fr den Leopard, dazu 80.000 Euro fr den Gordon Roadster aus Tschechien knnen die in Osteuropa denn nur teuer? Ortswechsel. Ein verfallenes Fabrikgebude im nordbhmischen Smrzovka. Wer die Stufen in den ersten Stock nimmt, hat das Gefhl, mitten in Abbrucharbeiten zu stehen und schleicht sich schnell wieder herunter. Hinter einer schlichten weien Metalltr liegt das Bro der Firma Kaipan. Der Ex-Stuntman Michal Hradsky (52) baut mit 15 Angestellten den Kaipan 14 einen Billig-Sportwagen. Der offene Zweisitzer mit dem grimmigen Blick und der ewig langen Haube basiert auf dem Skoda Favorit: "Den bekommst du hier fr eine Krone", sagt Hradsky, "die Ersatzteile sind auch gnstig."

In 1000 Stunden ist der Kaipan selbst gebastelt

Ungleiche Brüder: Ein fertiger Kaipan 14 (rotes Auto) kostet weniger als die Hälfte des Kaipan 57 (orange).

Der 1,3-Liter-Motor, der Blinkerhebel, der Tacho, alles stammt vom Favorit. Umgerechnet 16.500 Euro kostet der komplette Umbau, knapp 90 Prozent der Kunden basteln aber selbst: Den Bausatz gibt es schon ab 5150 Euro. Die Nachfrage fr den Kaipan 14 entstand aus einem anderen Projekt Hradskys: Als Kaipan 57 bietet er eine Lotus-7-Kopie an. "So ein Auto wollte ich schon immer besitzen und habe es mir schlielich gebaut. Dann wollten Freunde auch einen, die hatten wiederum Freunde. Pltzlich stellte ich fest, dass ich eine Manufaktur habe." Gut 140 Exemplare der 42.900 Euro teuren Lotus-Nachahmung hat Hradsky seit 1997 verkauft. Auch sie gibt es als Bausatz: Der "Baukasten C" kostet knapp 6300 Euro, verlangt aber auch bis zu 1000 Stunden Arbeit. Heit: Wer jede Woche fnf Stunden schafft, ist nach rund vier Jahren fertig und kann sich selbst wie ein alter Meister fhlen: Genau so lange hat Michelangelo einst fr die Deckengemlde in der Sixtinischen Kapelle gebraucht.

Darf man Autos einfach nachbauen?

Schon das Wort ist seltsam: "Geschmacksmusterschutz" heit der Fachbegriff, unter dem sich Autohersteller die Erscheinungsform eines Fahrzeugs sichern lassen knnen. Dieser Schutz kann ber allen Autos liegen, die in den letzten 26 Jahren auf den Markt gekommen sind. Oft werden dabei nicht nur die Fahrzeuge selbst geschtzt, sondern auch Einzelteile. Wer diesen Schutz verletzt, muss unter anderem mit Klage auf Unterlassung und Schadenersatz rechnen. "Auf den nichtgewerblichen, privaten Bereich hat dieser Schutz aber keine Auswirkung", sagt Marcus Khne, Leiter der Geschmacksmusterstelle beim Deutschen Patentamt. Mit anderen Worten: Wer fr sich persnlich ein Auto nachbaut, sollte keine Probleme bekommen. brigens: Besonders einzigartige Autos knnen unter Umstnden sogar unter den Urheberrechtsschutz fallen und der erlischt erst 70 Jahre nach dem Tod des Erstellers.

Sie wollen einen dieser Klassiker haben? Kein Problem: Hier sind alle wichtigen Adressen auf einen Blick: Kirkham Motosports, Mr. David Kirkham, 2575 W 1680 N Provo, Utah 84601-1156, USA Kirkham Motorsports, Greg Pawlick, Ul. Wojska Polskiego 3, 39-300 Mielec, Polen Leopard Automobile, Zbyslaw Szwaj, Ul. Wojska Polskiego 3, 39-300 Mielec, Polen Kaipan s.r.o., Michal Hradsky, Rooseveltova 839, 46851 Smrzovka, Tschechische Republik AUTO PROJEKT CENTRUM s.r.o., Hrbitovni 17, 312 16 Pilsen, Tschechische Republik J.A.K. Sp.C., Jan Kwiatkowski, ul. Lubiny 10 D, 40-534 Katowice, Polen Deutsches Patent- und Markenamt, Dienststelle Jena, z.Hd. Herrn Marcus Khne, 07738 Jena

Autor: Alex Cohrs

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