Autobianchi Bianchina Cabrio

Autobianchi Bianchina Cabrio

— 18.06.2014

Aufstrebender Autobianchi

21 PS, drei Meter Länge und viel Sonne – ein Bianchina Cabriolet ist großzügig im Kleinen und beweist, dass Luxus nichts mit Leistung und Größe zu tun hat.

Erfreuen Sie sich an der hübschen Trapez-Linie. Lächeln Sie, wenn Sie glückliche Menschen darin vorbeifahren sehen, meinetwegen streichen Sie sogar unbeobachtet mit den Fingerspitzen über eine der kecken Heckflossen. Aber lachen Sie nicht über dieses Auto! Niemals! Denn es ist ihm verdammt ernst. Es fällt zu leicht, ein Autobianchi Bianchina Cabriolet einfach nur putzig, süß oder ulkig zu finden. Hihihi, wohl vom Kinderkarussell gefallen, was? Aber dabei handelt es sich um ein Missverständnis! Vor 50 Jahren war es einfach das Schönste, Exklusivste und Teuerste, was ein Fiat 500 nur werden konnte. Und wo eine Lambretta das kleine Glück bedeutete, galt eine Bianchina als großer Luxus. Nur 9300 Stück wurden über drei nahezu identische Serien verteilt gebaut (Serie 1: 1960, Serie 2: 1961 bis 1964, Serie 3: 1965 bis 1969), während vom Fiat Cinquecento bis 1975 über 3,35 Millionen vom Band liefen. Noch Fragen?

Die fesche Bianchina ist ein richtiges und flottes Auto. Der kleine Luxus garantiert den ganz großen Auftritt.

©H. Neu

Aber weil die fesche Bianchina im Grunde ihres Wesens eben auch nur ein Fiat ist, bleibt sie bei allem Edel-Chic bodenständig und praktisch: Ein kleineres Cabriolet, das vier Insassen Platz bietet, ist kaum vorstellbar. Gut 40 Jahre lang, von 1957 bis Mitte der 90er, war Autobianchi der feinere Fiat. Aus dem Gemeinschaftsprojekt der gleichberechtigten Anteilseigner Bianchi, Pirelli und Fiat entsprang erst die komplette Bianchina-Familie auf 500-Basis, dann wurde ein Premium-Testlabor daraus. Moderne Fahrzeugkonzepte wie Primula und A112 feierten als Autobianchi ihr Debüt und wurden anschließend von der großen Mutter übernommen. Trotzdem ging’s bergab: Erst benannte Fiat die feine Tochter ohne Not in Lancia um, dann ließ sie sie 1995 sterben. Einfach so. Deshalb wundert es nicht, dass Name und Exoten-Status heute nur noch Kenner begeistern.

Miniatur eines US-Straßenkreuzers

Mit schmucken Heckflösschen, Chrom und feinem Pastell-Lack schrumpft das Bianchina Cabrio die Automode der fünfziger Jahre ins XXS-Format.

©H. Neu

Eine Bianchina tut ja auch alles, um die Fiat-Verwandtschaft zu verleugnen. Selbstbewusst zeigt sie, dass sie kein knubbliger 500, sondern ein richtiges Auto ist. Mit kleiner Kühlergrill-Attrappe, Stufenheck und Chrom. Selbst wenn die Weißwandreifen fehlen, die Teilhaber Pirelli jeder Bianchina serienmäßig spendierte, wirkt unser Cabriolet mit farblich abgesetztem Zierstreifen, Heckflossen und Lack in "Turchese" wie die Karikatur eines US-Straßenkreuzers. Aber alles passt! Türkis, die Hausfarbe Bianchis, war ab Werk Desio lieferbar, und im norditalienischen Städtchen Crema, wo dieses Serie-1-Cabrio 1960 zugelassen wurde, passte es perfekt zu den Hüten der Damen, zum Licht des Sommers und seinem wolkenlosen Himmel. Hinten rattert energisch der Halbliter-Twin des 500 Sport, 21 PS stark. Die weniger prominenten Bianchina-Modelle, Trasformabile, Berlina und Panoramica, können mit weniger auskommen, aber im Cabrio sitzt immer der stärkste Motor. Dass es nie schneller fährt als 105 km/h, ist hier egal, der kleine Luxus garantiert den großen Auftritt. Lächerlich macht sich nur, wer meint, es brauchte viel mehr zum Glück.

Technische Daten

Dem feinen Topmodell der Baureihe gönnt Autobianchi Leistung satt: Im Heck des Cabriolets hämmert der halblitergroße Parallel-Twin mit 21 PS.

©H. Neu

Autobianchi Bianchina Cabrio Motor: Reihenzweizylinder, Parallel-Twin, hinten längs • eine zentralliegende Nockenwelle, über Steuerkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Weber-Fallstromvergaser 26 IMB 3 • Hubraum 499 ccm • Leistung 15 kW (21 PS) bei 4600/min • max. Drehmoment 34 Nm bei 3600/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an oberen Querlenkern und Querblattfeder, hinten an Schräglenkern und Schraubenfedern • Räder/Reifen 3,5 x 12'' mit 125 SR 12 • Maße: Radstand 1840 mm • L/B/H 3040/1340/1320 mm • Leergewicht 520 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h: k. A. • Spitze 105 km/h • Verbrauch 6 l S pro 100 km • Neupreis: 5430 Mark (1963).

Historie

1885 beginnt Edoardo Bianchi in Mailand mit der Herstellung von Fahrrädern. 1901 wird das erste Bianchi-Automobil vorgestellt, die Auto-Fertigung unter eigenem Namen endet mit dem Zweiten Weltkrieg. 1955 gründen Bianchi, Reifenhersteller Pirelli und Fiat zu gleichen Teilen die Firma Autobianchi, für die Fertigung wird in Desio bei Mailand ein eigenes Werk errichtet. 1957 präsentiert Autobianchi das erste Modell auf Fiat-500-Basis, die Cabrio-Limousine Bianchina Trasformabile (35.500 Stück). Nach dem Tod des Firmengründers verkauft Bianchi seine Anteile an die Partner und konzentriert sich auf die Zweirad-Produktion. 1960 wird die Baureihe ergänzt durch das Cabriolet (9300 Stück) und den Kombi Panoramica (160.000 Stück), auf Basis des Fiat 500 Giardiniera. In Deutschland läuft die Kombi-Variante als NSU-Fiat Panorama vom Band, in Italien wird auch der Kleinstlieferwagen Furgoncino angeboten, wahlweise mit Kombiheck oder Kastenaufbau. 1962 ersetzt die Stufenhecklimousine Berlina (69.000 Stück) mit Stahldach den Trasformabile. 1969 endet die Fertigung, der neu konstruierte A112 löst die Bianchina ab.

Plus/Minus

Im Fall Bianchina Cabrio gilt: Wer schön sein will, muss leiden.

©H. Neu

Das größte Plus der hübschen Generation Bianchina ist ihre Abstammung vom robusten, weit verbreiteten Fiat 500. Dessen Technik ist überwiegend haltbar, millionenfach erprobt, einfach instand zu setzen und fast immer günstig zu bekommen – unter der schönen, offenen Schale steckt ein rauer, ehrlicher Kern. An den Nehmer-Qualitäten des offenen Cinquecento gibt es somit keinen Zweifel, aber der moderne Auto-Alltag stellt harte Anforderungen an das Luxusleben im winzigen Cabrio: Komfort und Kraft zählen nicht zu dessen Stärken. Und auch wenn ganz wenig Autobianchi sehr viel Spaß bereitet, will der in Relation zum Gebotenen teuer bezahlt werden. Für den Preis des offenen Autobianchi gibt es auch schon deutlich größere, stärkere und bequemere Klassiker. Im Fall Bianchina Cabrio gilt die alte Weisheit: Wer schön sein will, muss leiden.

Ersatzteile

Hier steckt alles drin, was Klassiker-Liebhabern Sorgen bereiten kann: kleine Stückzahlen, Exotik, null Rostvorsorge. Und dann? Stellt sich heraus, dass für die Bianchina schon einige Nachfertigungen im Handel sind (Frontemblem, Gummimatten, Hecktraverse) und dass sich selbst Zentralinstrument, Blinker und Rückleuchten noch vergleichsweise günstig finden lassen. Bei Karosserieteilen wird es zwar eng, und Cabrio-Chrom ist teuer (Stoßstangensatz: 1590 Euro, siehe fiat500126.com), aber viele Komponenten sind innerhalb der Baureihe austauschbar. Die Technik ist ohnehin kein Thema.

Marktlage

Von den fast 274.000 gebauten Bianchina waren nur 9300 Cabriolets. Trotzdem: Wer im Internet auf die Suche geht und nebenbei auch mal in Italien vorbeischaut, findet ein erstaunlich großes Angebot an ordentlichen Fahrzeugen. Restaurierungsobjekte kosten um die 5000, wirklich gute Cabriolets um die 20.000 Euro.

Empfehlung

Cabriolet kaufen, auch wenn’s teuer ist? Oder lieber einen anderen aus der Autobianchi-Sippe für weniger Geld nehmen? Der Panoramica ist originell und sogar ein bisschen praktisch, die Berlina ist ein Edel-Cinquecento, der Trasformabile mittendrin. Das große Rolldach lässt Luft rein, die Herzen der Menschen fliegen ihm nur so zu. Bei Preisen zwischen 15.000 und 25.000 Euro ist ein Cabriolet deshalb eher eine Empfehlung für frisch Verliebte.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: H. Neu

Stichworte:

Cabrio

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