Automobile Architektur — 01.03.2008
Deutschland, eine Zeit-Reise
Alte Tankstellen, Motels, historische Parkhäuser. Fotograf Ulrich Sonntag und Redakteur Hauke Schrieber auf der Suche nach jenen geheimen Orten im Land, die noch heute den Charme der guten alten Zeit haben.
Travemünde: Autohaus Kittner
Der Boden ist sumpfig hier, ein paar Hundert Meter von der Ostsee entfernt. Also sehen die Baupläne des Architekten Gerhard Sylla aus Lübeck vor, dass das neue Autohaus von Edgar Kittner in Travemünde auf 75 langen Eichenpfählen zu errichten sei. Es ist 1952, als in der Straße mit dem Namen Godewind, Hausnummer 5, ein VW-Autohaus entsteht. Mit Verkaufsraum, zwei Räumen mit Hebebühnen, in denen auch Porsche repariert werden, und einer Shell-Tankstelle. Herzstück aber ist der geschwungene Pavillon mit seiner Fensterfront. Im Jahr 2002 saniert, sieht er noch heute genauso aus wie damals, als die fabrikneuen Brezelkäfer davorstanden. Hier, ganz im Norden, kann die Zeit-Reise beginnen. Manfred Kohnke ist bei der Eröffnung 17 Jahre alt und einer von zwei Lehrlingen, er verdient 25 Mark im Monat. Wenn er heute zurückblickt, dann fällt ihm ein, wie er 1953 die Lehre abschloss, wie er 1966 Meister wurde, 1997 in Rente ging, um anschließend als Betriebsfahrer auszuhelfen. Ganz besonders aber erinnert er sich an die Glücksspieler, die in den 50er-Jahren mit ihren großen Schlitten die wenigen Hundert Meter vom Casino zum Autohaus rollten, um ihre Armbanduhren oder ihre Autos zu verpfänden. "Oder sie kamen nach dem Zocken vollkommen pleite an die Tankstelle und bezahlten das Benzin mit ihrem Reservereifen."Vor ein paar Jahren bekam Kittner Besuch aus Wolfsburg. VW-Abgesandte sollten prüfen,ob das Autohaus nach der Sanierung eine Sondererlaubnis erhält, sich nicht an das VW-Einheits-Design halten zu müssen. Die Genehmigung wurde schließlich erteilt, dann verließen die Männer das sumpfige Gelände. Noch heute sackt der Boden um das Autohaus jedes Jahr ein paar Millimeter ab. Adresse: Godewind 5, 23570 Travemünde.
Wolfsburg: Esso-Tankstelle
Es gibt Hausmannskost und selbst gebackenen Kuchen für die Fernfahrer. Das ist der Raststätten-Teil. Es gibt Neuwagen von Borgward und ab 1963 auch von VW, der Abschleppdienst hat Tag und Nacht Dienst. Das ist der Autohaus-Teil. Und es gibt Benzin der Marke Esso, weithin sichtbar angekündigt durch das leuchtende Markenzeichen auf dem Dach. Das ist der Tankstellen-Teil. Auto-Franke wird 1951 am Stadtrand von Wolfsburg von Helene und Willy Franke eröffnet. Ein Rundbau, weiß, schlichte Eleganz. Er wird zu einem Markenzeichen der Stadt, er begrüßt den Gast auf der Fahrt ins Zentrum. Mehr als fünf Jahrzehnte lang. Edeltraut Preussner ist 16 Jahre alt, als sie nach der Schule in das Geschäft ihrer Eltern geht und hilft, Autos zu verkaufen.Frankfurt/Main: Parkhaus Hauptwache
Frankfurt am Main, mittendrin. Vier vollverglaste Etagen, hinter den Fenstern parken Wagen, seit51 Jahren. Damals eine Sensation. Platz für 392 Autos und 60 Motorroller. Das Parkhaus Hauptwache, erstes Parkhochhaus in Deutschland. 1956 als Monument des Fortschritts eröffnet, seit 1986 Kulturdenkmal, zehn Jahre später grundsaniert. Heute neomodern. "Geparkt wird übereinander", staunte die Lokalzeitung einst. Das ist noch immer so. Nur die Preise stiegen. Aus 20 Pfennig pro Stunde wurden zwei Euro. Auch die Autos wuchsen, die Plätze aber blieben schmal. Nur nicht im Untergeschoss. Dort noch immer: die Dauerparkplätze. Nur hier sind die Boxen nummeriert. Immer noch stehen hier Aston Martin, Jaguar, Mercedes-Benz.
1957 parkte dort ein schwarzes Mercedes 190 SL Cabriolet mit roten Ledersitzen. Das Auto der Rosemarie Nitribitt, Edel-Dirne im Wirtschaftswunder-Deutschland. Auch in der Nacht vor ihrer nie aufgeklärten Ermordung fuhr die Nitribitt zum Parkhaus. Damals stand zwischen Ein- und Ausfahrt noch die Tankstelle mit Waschanlage. Am Abend des 28. Oktober 1957 tat Tankwart Herbert Machner Dienst. In einem Polizeiverhör gab er an, die Nitribitt habe "in Begleitung eines großen und kräftigen dunkelhaarigen Mannes" 40 Liter Aral getankt und 40 Pfennig Trinkgeld spendiert. Aber welcher Parkplatz war es? Niemand erinnert sich. Nicht Adolf Jetter, nicht Gertrud Strotmann, nicht Günther Lohmann. Sie alle arbeiteten damals hier. Ans Auto ja, an den Platz nein. Wer aber ins Untergeschoss geht, sich umsieht, der findet ihn. Nummer 73, kein Zweifel. So mittendrin, und doch gleich beim Ausgang. Adresse: Am Kornmarkt, Frankfurt am Main.
Wesendorf Landgasthaus "Zum Pilz"
Ohne Geld, aber mit einem Plan kam das junge Paar Willy und Maly Hörtel 1954 ausSüddeutschland in die Lüneburger Heide. Willy (29) baute am Straßenrand der B 4 zwischen Gifhorn und Uelzen aus Holzbrettern einen Pilzkiosk. Diese kleinen Buden in Form von Fliegenpilzen entstanden in den 50er-Jahren in ganz Deutschland. Man fuhr mit dem Auto direkt vor und kaufte Milchshakes, Eis und Limonade für unterwegs. "Die Autos standen Schlange auf der B 4", erinnert sich Maly Hörtel 53 Jahre später. "Der Pilz wurde mein Glückspilz."
Eine Brauerei versprach den Hörtels Startkapital, wenn das Paar expandieren und ein Restaurant aufmachen würde. So entstand das Motel Zum Pilz, unverwechselbar durch den Fliegenpilz im Reetdach. Reisende machten hier Pause oder blieben über Nacht. Die zehn Zimmer hatten bereits Dusche und WC und kosteten mit Frühstück 39 Mark. 15 Jahre lang schufteten die Hörtels rund um die Uhr. 1962 wurde der Pilz in den "Varta-Führer" aufgenommen, die deutsche Gastrobibel, die für die Hörtels gleich nach dem Guide Michelin kam. "Mein Mann hatte schon immer ein Gespür für ein gutes Geschäft", sagt Maly Hörtel heute. Vor 18 Jahren starb er. Als die Witwe ihr Motel verpachtete, flog es nach zwei Jahren aus dem Gastroführer. Maly, die noch heute nebenan wohnt, musste mit ansehen, wie ihr Lebenswerk auf dem Spiel stand. Immer seltener hielten die Autos an, es musste etwas passieren. Hörtel, der in Wesendorf inzwischen ganze Ferienanlagen gehören, sanierte von Grund auf, das Motel heißt nun Landgasthaus. Elf Doppelzimmer, Preise von 49 bis 99 Euro. Das Satelliten-TV kann sogar Al Djasira empfangen. Trotzdem ist Maly Hörtel noch nicht zufrieden. "Die neuen Pächter", sagt sie, "müssen Hinweisschilder an die Straße stellen. Man sieht den Pilz zu spät." Adresse: Lüneburger Str. 9, 29392 Wesendorf.
Rüsselsheim: Alte Opel-Rennbahn
1948 läuft der Pachtvertrag aus, es wächst Gras über die Rennbahn. Doch bald könnte das Oval wiederbelebt werden. Die Regionalpark GmbH plant, die Rennbahn auf 200 Metern in ihren Ur-Zustand zurückzuversetzen und sie zu einer Touristenattraktion zu machen. Wie einst in den 20ern soll eine Holztribüne gebaut werden, auf der Besucher beste Sicht auf die Strecke haben. Nur auf rasende Autos werden sie verzichten müssen. Adresse: B 519, beim Wasserwerk Hof Schönau.
Neu-Isenburg: Autokino Gravenbruch
Ende der 50er-Jahre reiste ein Mann namens Henk Jansen aus Deutschland nach Südafrika. Dort entdeckte er etwas, das Europa noch nicht kannte: Es nannte sich "drive-in cinema". Zurück in Deutschland, eröffnete Jansen das erste Autokino des Alten Welt. Neu-Isenburg, Stadtteil Gravenbruch. Eine Asphaltfläche, größer als ein Fußballfeld, mit leichten Wellen, auf denen die Vorderreifen stehen. So kann man im Auto sitzend die 30 mal 15 Meter große Leinwand besser sehen. Am 2. April1960 warten hier 1456 Gäste in 585 Autos darauf, dass die Sonne untergeht und der Premierenfilm startet: "Der König und ich", Yul Brynner und Deborah Kerr, Eintritt zwei Mark und 75 Pfennig. An jedem Stellplatz gibt es Strom für Lautsprecher und Heizlüfter, die ins Fenster gehängt werden. In der "Hamburger-Hütte", mitten auf den Platz, kostet eine Bulette im Brötchen 1,50 Mark. Junge Paare, noch ohne eigene Wohnung, finden im Autokino für zwei Stunden Intimität.Ein Auto wie der Opel Rekord P1 ist wie geschaffen für solche Abende. Keine Mittelkonsole, kein Schalthebel zwischen zwei Einzelsitzen. Stattdessen eine Sitzbank, das Auto als Liebesnest. Heute gibt es sie nur noch selten, die Autos der letzten Reihe, 150 Meter von der Leinwand entfernt, unbeobachtet. Heute ist das mit der Romantik relativ. Statt Liebespaaren kommen Familien mit Kindern, die Krach machen können, ohne andere zu stören. Der Ton kommt aus dem Autoradio, Frequenz 95,1 UKW. Und wenn in den 60ern an Wochenenden das Kino fast immer ausverkauft war, wenn über 1000 Autos durch die gelb-rote Einfahrt rollten, dann stehen zwei Generationen später zwei Dutzend Wagen da, als Spiderman 3 läuft. In Zeiten von Multiplex und DVD haben es Autokinos nicht leicht. Doch sie bleiben einer jener Orte, an denen das Auto zum Zimmer wird. Adresse: Am Forsthaus Gravenbruch, 63263 Neu-Isenburg.
Hamburg: Motel Hamburg
Hamburg-Eimsbüttel, die 50er-Jahre sind noch jung. Die Hoheluftchaussee, im Krieg Einflugschneise für britische Bomber, liegt noch immer in Schutt und Asche. Auf einem Trümmergrundstück, das später die Hausnummer 117 erhalten wird, entsteht in einem Hinterhof etwas, das selbst in einer weltoffenen Metropole völlig neu ist: ein Motel. Entdeckt von einem Hamburger in Amerika. Zu jedem der 19 Zimmer gibt es gratis einen Parkplatz. Nicht wie in der Neuen Welt davor, sondern darunter, in 2,40 Meter breiten Garagen, die Tore in Rot und Weiß. In der Ecke ein Abstellraum für Motorroller. Der Name wird groß an eine Hauswand geschrieben, Schilder an der Straße leuchten im US-Stil blau-weiß-rot. In der Ecke die Rezeption, Messingbuchstaben noch heute. Recepcion steht da auf Spanisch. Warum, weiß niemand mehr.Die Zimmer sind so schmal wie die Garagen. Ein enges Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Nachkriegstourismus. Die Jahrzehnte vergehen. Die Hoheluftchaussee wird zu einer der Haupteinfallstraßen der Stadt. Vier Fahrstreifen, in der Mitte zwei Busspuren. Das Motel Hamburg liegt in zweiter Reihe, hinter wieder aufgebauten Wohnblocks, die den Straßenlärm schlucken. Ein Hof mit einer kleinen bepflanzten Insel. Ein Springbrunnen plätschert. Abends wird er abgestellt, damit die Gäste nicht gestört werden. Ein Idyll mitten in der Stadt. Die Autos wachsen, ein Mercedes passt irgendwann kaum noch in eine Garage. Aber das Motel bleibt. Mundzu-Mund-Propaganda, heute sagt man: Insider-Tipp. Marion Grimm, der das Motel seit 1990 gehört, vermietet 19 Zimmer mit und 16 Zimmer ohne Garage. Die Nacht ab 60 Euro. "Sie wissen ja, wie die Leute ihr Auto lieben", sagt sie. "Da ist so eine eigene Garage schon viel wert." Adresse: Hoheluftchaussee 117, 20253 Hamburg.
Bremen: Goliath-Haus
Es ist eine Schande. Wo einst Borgwards Goliath-Werk stand, ist heute ein Einkaufszentrum. Billigmöbel, Billig-Computer, ein billiger Pornoladen. Nur der Name erinnert noch an die alte Zeit: Hansa-Carré. Aber auf der anderen Straßenseite, damals wie heute: das Goliath-Haus. Gebaut 1950 als Ersatzteilewerk für die Marken Borgward und Goliath. Auf vier Etagen Lärm und Dreck und Aufbruchstimmung. Monument eines deutschen Machers. Nach dem Borgward-Zusammenbruch kommt zu Beginn der 60er ein neuer Besitzer. Er handelt mit Büromöbeln. 1992 wird die Front saniert, 1999 die Rückseite. Neue Firmen ziehen ein. Es wird ganz, ganz leise im Goliath-Haus. Die New Economy arbeitet nicht mit Hammer und Amboss. Im ersten Stock eine Software-Firma, darüber Fotodesigner. Helle Büros mit Hydrokulturen. Das einzige Geräusch ist das Klicken der Maus. Das Goliath-Haus ist im 21. Jahrhundert eine Flüster-Fabrik.Aber der Geist von Borgward ist noch immer da. Das Treppenhaus – Stufe für Stufe Zeitgeschichte. Auf halber Treppe zwischen Erdgeschoss und erster Etage hängt noch immer eine große Luftaufnahme des Werks. Darunter Bilder von acht Modellen des Auto-Imperiums. Hier warteten die Mitarbeiter auf Carl F. W. Borgward: Hey, Chef, ich brauch' mehr Geld! Auf der Rückseite, ganz hinten im Innenhof und noch immer in Betrieb: der Lastenaufzug. Anderthalb mal zwei Meter, Tragkraft 1200 Kilo, zwölf Personen. Auch heute noch zu bedienen über einen Messinghebel: links "Auf", rechts "Ab". An der Kabinenwand noch immer der Hinweis "Nur in Begleitung des Führers zu benutzen". Jetzt werden Computer darin transportiert, die teurer sind als ein Dutzend Autos in den 50ern. Nebenan der Fünf-Tonnen-Aufzug, in den Autos passen. Er steckt seit Monaten im vierten Stock fest. Adresse: Hastedter Osterdeich 222, 28207 Bremen.
Technische Daten Opel Olympia Rekord P1 Vierzylinder-Reihenmotor • seitliche Nockenwelle mit Stirnradantrieb • Hubraum 1680 ccm • Leistung 40 kW (55 PS) • max. Drehmoment 122 Nm bei 2100/min • Hinterradantrieb • Dreigang-Lenkradschaltung • Leergewicht 950 kg • Spitze 132 km/h • Verbrauch 9,5 Liter Normalbenzin/100 km • Tankinhalt 40 Liter • Reifen 5.90Ð 13 • Stahlscheibenräder 4 J x 13 • hydraulische Trommelbremsen • Stockhandbremse • Länge/Breite/Höhe 4433/1616/1490 mm • Radstand 2541 mm • Preis (1959) 7110 DM
Anzeige



