Bentley 3 Litre Speed

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Bentley 3 Litre Speed

— 18.10.2013

Held der Haltbarkeit

Walter Owen Bentley wollte eigentlich keine Rennwagen bauen, sondern vor allem langlebige Qualitätsautos. Mit dem 3 Litre Speed hat er dann beides in einem getan.

Das Steilstück rauf zum Brockley Hill ist für den Bentley 3 Litre ein Klacks. Sechseinhalb Prozent Steigung können ihn trotz seiner 87 Jahre nicht beeindrucken. Trainiert ist eben trainiert. Und Walter Owen Bentley, von Vertrauten stets nur "Dabbelju Ouh" gerufen, ließ schon 1926 kein Auto auf die Kunden los, das hier im größten Gang nicht hochkam. Drehmoment ist das prägende Erlebnis in einem Bentley der Cricklewood-Ära. So heißt die Periode von 1921 bis 1931, als das Unternehmen noch selbstständig war. Später, nach der Übernahme durch Rolls-Royce, zog die Fabrik nach Derby um. Da war die große Zeit der "Bentley Boys" und ihrer heldenhaften Rennsiege, vor allem in Le Mans, bereits Geschichte.

Dank 2,99 Meter Radstand federt selbst das Kutschenfahrwerk des Bentley 3 Litre Speed erträglich.

©S. Krieger

Unser Fotowagen ist ein Teil von ihr. Sein Erstbesitzer war Captain Woolf Barnato, Erbe einer Diamanten-Dynastie, der mit seinen Millionen den Laden am Laufen hielt, als "Dabbelju Ouh" nach 1926 klamm und klammer wurde. Später selbst Rennfahrer, nutzte Barnato den 3 Litre allerdings nur ein paar Monate. Dann gab er ihn an Leslie Callingham weiter, der damit das Sechs-Stunden-Rennen von Brooklands bestritt und ihn 1927 als Team Car in Le Mans einsetzte. Heute gehört der Wagen (im Wert von rund 1,5 Millionen Euro) Stanley Mann, Bentley-Papst und -Sammler, der in einer Backsteinscheune vor den Toren Londons residiert und mit seinem Rennwagen "Old Mother Gun" selbst mehrere Geschwindigkeitsrekorde hält. Tempo machen: Das kann der rüstige 3 Litre noch immer, auch mit 87, und nicht nur, weil er mit Nachnamen "Speed" heißt. Doch erst mal müssen wir ihn zum Laufen bringen. Einfach reinklettern und Schlüssel rumdrehen ist nicht. Mit einer Zugpumpe im Armaturenbrett will zunächst Druck im Kraftstoffsystem aufgebaut werden. Wenn das Manometer vor dem Fahrer "4 psi" zeigt, kann es losgehen. Zündverstellhebel auf früh, Anlasserknopf drücken, und nach ein paar Startversuchen sprotzt der Bentley dann die ersten Klangsalven aus seiner Auspufftröte.

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Den offenen Tourenwagenaufbau trug YO 3595 nicht durchgehend. Von 1929 bis 1966 war er auch mal Coupé.

©S. Krieger

Das dunkle Klanggewitter, das die Maschine im Leerlauf von sich gibt, führt im Umkreis von zehn Metern zu einem leichten Erdbeben. Doch auch wenn es sich anders anhört: Mehr als drei Liter Hubraum stecken tatsächlich nicht unter der endlos langen Motorhaube. Vorsicht jetzt! Das Gaspedal liegt in der Mitte, rechts sitzt die Bremse, links die Kupplung. Als sie zuschnappt, setzt sich der Bentley in Bewegung – mit einem harten Ruck, wie wenn sich kaltblütige Brauereigäule vor einer Kutsche in die Deichsel stemmen. Wir fahren! Wer den Kampf mit dem störrischen Vierganggetriebe scheut und auf das grauenhafte Knirschen der sich mit unsynchronisiertem Tempo paarenden Zahnkränze verzichten will, kann nach dem Losrollen gleich in den größten Gang schalten – und ihn dann bis zum Abend drinlassen. Der Motor nimmt das nicht übel. Mit seiner extrem überquadratischen Auslegung (80 Millimeter Bohrung zu 149 Millimeter Hub!) erzeugt der Bentley-Vierzylinder ein geradezu herkulisches Drehmoment. Wie viele Newtonmeter es wohl sind? Stanley Mann zuckt mit den Achseln. "Genug", grinst er bloß und winkt uns hinterher, als wir mit quietschenden Blattfedern vom Hof rumpeln. Obwohl Ettore Bugatti die massiv gebauten Bentley als die "schnellsten Lastwagen der Welt" verspottete: Einmal in Fahrt, fühlt sich im 3 Litre alles easy an.

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Der Fahrer sitzt im Bentley so hoch wie in einem Geländewagen, aber hinter schönem Holz.

©S. Krieger

Zwar sind die Bedienkräfte hoch. Aber die Bremsen liefern vertrauenerweckende Verzögerung, der Lenkung lässt sich leidlicher Geradeauslauf abtrotzen, und in Ermangelung von Haupthaar gibt es bei der Besatzung auch keine Frisuren, die der Wind zerzausen könnte. Die Fahrleistungen reichen, um auch im heutigen Verkehr problemlos mitzumischen. Allerdings sollten die Bandscheiben intakt sein, denn nach 87 Jahren haben die Blattfedern beschlossen, dass es irgendwann mal Zeit ist für den Ruhestand. Man muss den Hut ziehen vor Leslie Callingham, der mit diesem Auto Ende der 1920er-Jahre im Zeitraffer fast 150.000 Kilometer abspulte. Sein 3 Litre hat Europa gesehen. Er stand in der Remise, als in der Boxengasse von Le Mans die Bentley Boys im Schampus duschten. In die 30er-Jahre startete er mit einem geschlossenen Coupé-Aufbau von Vanden Plas. 1934 kaufte ihn ein Angestellter Callinghams und brachte ihn drei Jahre später letztmalig zur Inspektion. Dann brach der Krieg herein, und erst 1958 tauchte der Ex-Barnato-Bentley wieder auf – als Geburtstagsgabe für den 21-jährigen Sprössling eines gewissen James Burnett aus Bristol. Weder Vater noch Sohn wussten von seiner besonderen Geschichte, und da der junge Herr mit der Pedalerie nicht klarkam und auf dem heimischen Landsitz zu allem Überfluss noch einen Unfall baute, wurde der 3 Litre 1962 in einer Scheune abgestellt.

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Für damalige Verhältnisse war der Bentley-Vierzylinder ein Hightech-Aggregat.

©S. Krieger

Als die Burnetts später doch noch Wind von der Historie des Wagens bekamen, ließen sie den Ursprungszustand wiederherstellen – mit offener, zweisitziger Tourenwagenkarosserie. Danach ging YO 3595 durch die Hände von zwei Sammlern, bis er schließlich eine neue Heimat auf der Fruit Farm vor den Toren Londons fand: bei Stanley Mann. Ab und zu wandelt er jetzt auf den Pfaden seiner Jugend, röhrt mit Auspuff-Bariton über die schmalen, heckengesäumten country roads unweit von Cricklewood, wo einst die Bentley-Fabrik stand. Die Gebäude sind längst abgerissen. Nicht mal ein Gedenkstein erinnert noch an "Dabbelju Ouh" Bentley, der mit seinen unverwüstlichen Boliden Britanniens Ruhm im Motorsport begründete. Aber der Pub in Letchmore Heath steht noch, nur ein paar Meilen weiter. Hier erfrischten die Testfahrer aus Cricklewood einst ihre Kehlen. Heute kühlt vor der Tür der Bentley ab. Und Bullmastiff-Hündin Angel döst zufrieden in der Mittagssonne.

Technische Daten

Bentley 3 Litre Speed Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • oben liegende Nockenwelle, über Königswelle angetrieben, vier Ventile pro Zylinder • zwei SU-Vergaser • Hubraum 2996 ccm • Leistung 63 kW (85 PS) bei 3500/min • max. Drehmoment k. A. • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe (unsynchronisiert) • Hinterradantrieb • vorn und hinten Starrachsen, halbelliptische Blattfedern, verstellbare Reibungsstoßdämpfer • Diagonalreifen 820 x 120 mm auf Drahtspeichenrädern • Maße: Radstand 2985 mm • L/B/H 4382/1740/1800 mm • Leergewicht 1270 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Höchstgeschwindigkeit ca. 145 km/h • Verbrauch ca. 15 l/100 km • Tank 82 Liter • Neupreis: ca. 1300 Pfund (1926).

Historie

Das B auf rotem Grund trugen nur die "Speed"-Modelle mit höher verdichtetem Motor und Kurzchassis.

©S. Krieger

Mit zwei Le-Mans-Siegen (1924 und 1927) ist der Bentley 3 Litre in den berühmten 24-Stunden-Rennen genauso erfolgreich wie der Speed Six. Dennoch steht er (auch in der Sammlergunst) in dessen Schatten – vermutlich, weil er mit 1622 Exemplaren das meistgebaute Modell der CricklewoodÄra (1921–1931) und damit heute noch relativ häufig ist. Wie damals üblich, liefert Bentley nur ein "rolling chassis" mit Motor und Rädern. Stellmacherbetriebe, meist Vanden Plas und Gurney Nutting, stülpen dann eine nach Kundenwunsch gefertigte Karosserie darüber. Das Werk behält sich allerdings die Abnahme des Gesamtwerks vor, bevor die fünfjährige (!) Garantie in Kraft gesetzt wird. Trotz hoher Nachfrage und Rennsport-Renommee kämpft Markengründer W. O. Bentley von Anbeginn mit finanziellen Problemen, weil ihn die Entwicklungskosten auffressen. 1926 kauft daher der reiche Lebemann und Rennfahrer Woolf Barnato die Firma (W.O. ist jetzt nur noch Angestellter) und finanziert weitere fünf Jahre lang den glamourösen Rennzirkus der "Bentley Boys", bis der Laden schließlich pleite ist. 1931 übernimmt Rolls-Royce.

Plus/Minus

Ettore Bugattis abschätziger Spruch vom "schnellsten Lastwagen der Welt" ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Einen Vorkriegs-Bentley zu fahren kostet Kraft und verlangt Übung. Beim Lenken und Bremsen ist der ganze Kerl gefordert, und bis es beim Schalten nicht mehr im Getriebe knirscht, vergehen Monate. Andererseits hat auch Stanley Mann recht, wenn er sagt, er wisse nichts Aufregenderes, was man tun könne – zumindest in bekleidetem Zustand. Dank des mächtigen Drehmoments tobt ein 3 Litre auch im Verkehr des Jahres 2013 munter mit. Weil die Bauteile allesamt großzügig bis überdimensioniert sind, ist die Mechanik – fachkundige Wartung vorausgesetzt – sehr langlebig und belastbar. Nicht ohne Grund gilt es in Bentley-Kreisen als Ehrensache, auch weite Strecken quer durch Europa nicht im klimatisierten Anhänger zurückzulegen, sondern auf eigener Achse. Gibt’s auch Nachteile? Ja. Einen: den Preis.

Ersatzteile

Die Versorgungslage ist so entspannt wie bei kaum einem anderen Vorkriegs-Oldtimer. Der Bentley Drivers Club verfügt über die originalen Werks-Konstruktionszeichnungen, lässt Teile nachfertigen und unterhält dafür einen eigenen Vertriebskanal. Daneben gibt es auf dem freien Markt in Großbritannien weitere Anbieter, die neben Technikkomponenten auch Karosserie- und Rahmenteile nachbauen. Das Preisniveau liegt hoch, bringt aber niemanden um, der sich den Kauf eines solchen Wagens leisten kann.

Marktlage

Dass ein 20er-Jahre-Bentley, gemessen an der Kaufkraft der Währung, heute trotz der zuletzt rasant gestiegenen Preise weniger kostet als zu Lebzeiten, hilft Normalverdienern wenig: Unerreichbar bleibt er trotzdem. Wer einen sucht, wird vor allem bei spezialisierten Händlern und auf hochkarätigen Auktionen fündig.

Empfehlung

Die meisten Cricklewood-Bentley wurden im Lauf der Jahrzehnte mehrfach verändert, haben nicht mehr den ersten Motor oder eine andere Karosserie als zu Anfang. Wer sich am Thema "matching numbers" festbeißt, sollte sich also besser woanders umsehen. Vorteil: Die gehandelten Fahrzeuge sind fast alle persönlich bekannt, und ihre Historie lässt sich über das Archiv des Bentley Drivers Club recherchieren.

Autor: Martin G. Puthz

Fotos: S. Krieger

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