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Bentley Turbo R Bentley Turbo R Bentley Turbo R

Bentley Turbo R

— 13.06.2012

Mehr Gloria!

Sie überlegen, einen Bentley zu fahren? Bravo! Für die erste Probefahrt empfehlen wir kundige Begleitung, denn dieses Automobil ist wie kein anderes. Eine kleine Einführung in den Bentley Turbo R.

Der Herr erwägen den Kauf eines Bentley Turbo R? Ausgezeichnete Wahl. Darf mich vorstellen, James der Name, Ihr Chauffeur für heute. Belieben einzusteigen? Jawohl, bitte hinten. Ihr Bentley ist zwar durchaus ein Selbstfahrer, also genehm für den aktiven Gentleman. Das jedoch ist nur seine zweite Funktion, gewissermaßen eine erfreuliche Dreingabe. Die eigentliche Aufmerksamkeit des Herstellers galt immer den Personen auf den rückwärtigen Plätzen. Bitte sehr. Gnädiger Herr sitzen zufriedenstellend? Danke. Starte nun den Motor. Dem Herrn wird auffallen, wie wenig sich die Mechanik bemerkbar macht. Dies wird sich unterwegs während der Fahrt nicht ändern, dar in liegt der Wesenskern dieses Automobils.

Es ist ihm nicht anzusehen, aber der Turbo R ist ein extremes Auto, das wenige Enthusiasten vollkommen verstehen und verkraften.

©Joachim Storch

Erlauben eine kleine philosophische Erörterung? Dies ist kein Auto im gewöhnlichen Sinne. Ein Rolls-Royce dieser Generation – und das umfasst diesen Wagen – ist von einer anderen Philosophie durchdrungen als Produkte anderer Hersteller. Er ist keine Gerätschaft zur räumlichen Verbringung von Personen, aufgezäumt mit allerlei verkaufsförderlichen Spielereien. Der Bentley ist gedacht als ein Mittel, einige Personen sehr zügig zu transportieren, und zwar solcherart, dass sie von der Reise möglichst nicht belastet werden. Ein Bentley ist von innen nach außen gedacht, um genau zu sein, von Ihrem Platz aus. Wenn der Herr nachher selbst das Steuer übernehmen, werden er bemerken, dass die Aufhängung speziell auf den hinteren Bereich des Fahrgastraums abgestimmt ist. Deswegen sollte jede Erstbegegnung mit einem Bentley auf dem Rücksitz erfolgen. Ah. Gnä’ Herr vergleichen das Interieur mit aktuellen Angeboten der Automobilindustrie. Bitte das Alter dieses Wagens nicht zu vergessen, 25 Jahre. Vergleichbare Innenräume waren seinerzeit nicht verfügbar.

Der große Preis: Mercedes-Benz 300 SE (W112)

Der Turbo R brachte ein kurventaugliches Fahrwerk mit: R steht für "Roadholding", deutsch etwa "Ich fliege nicht aus der Kurve".

©Joachim Storch

Selbstverständlich gab es Angebote mit mehr Glanz und Glitzer, aber jede Opulenz will einen Insassen überwältigen, ihn sich unterordnen. Ein Bentley würde das niemals tun. Er besteht aus feinsten Materialien, verarbeitet in bester Qualität, aber niemals grell oder vordergründig. Er will seine Passagiere schützen und unterstützen, nicht an

brüllen. Der Herr sprechen Preis-Leistung an. In der Tat ist der Einstandspreis vergleichsweise niedrig im Hinblick auf die gebotene Qualität und auf Fahrleistungen, die mit aktuellen Produkten der sogenannten Premium-Kategorie vergleichbar sind. Bitte in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass der Bentley das Wort Leistung auf eigene Art versteht. Er vermag Erstaunliches zu leisten, erwartet zugleich aber Leistungsfähigkeit von seinem Eigentümer. Erlauben ein Beispiel. Dieses Fahrzeug arbeitet mit einer Hochdruck-Hydraulik, Arbeitsdruck 165 Bar, aufgeteilt in zwei Kreise. Einer davon beaufschlagt je einen Bremssattel am Vorderrad und die Hinterradbremsen, der zweite den zweiten vorderen Bremssattel, die selbstregulierende Höhenverstellung der Hinterachsfederung und die Servolenkung.

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Die meisten heutigen Hochpreis-Möbel sind lässiger verarbeitet als der Innenraum des Turbo R.

©Joachim Storch

Die Gesamt-Bremswirkung ist folgendermaßen aufgeteilt: Erstgenannter Druckkreis liefert 31 Prozent vorn, 16 hinten, der zweite 31 Prozent vorn, ergänzt um einen dritten, unabhängigen Kreis ohne Verstärkung für je elf Prozent pro Achse. Dieser Bentley ist zusätzlich mit ABS ausgestattet, was die Anlage noch komplexer macht. Und damit ist nur eines der Bordsysteme angerissen. Um es auf den Punkt zu bringen: Man schraubt nicht in der eigenen Normgarage an einem Bentley. Erbitte Vergebung für meine Ausführungen. Bei allem Respekt vor den Schrauberkünsten des gnä’ Herrn – leider zeigt unsere Erfahrung, dass Unkundige den Bentley aufgrund oberflächlicher Ähnlichkeit allzu leicht mit simpleren Transport-Geräten verwechseln. Ähm, selbstverständlich gibt es einen entsprechenden Rolls-Royce. Wir hätten da einen Flying Spur, sehr schönes Auto, ebenfalls enorm leistungsfähig. Aber da gnä’ Herr nach meiner unmaßgeblichen Meinung gefragt haben: Ein Bentley ist vorzuziehen. Der Rolls-Royce-Kühlergrill ist unziemlich an selbsttragenden Autos.

Technische Daten

In den 80ern genügte ein Turbolader, um wahrlich imposante Fahrerlebnisse zu ermöglichen.

©Joachim Storch

Bentley Turbo R Motor: Achtzylinder-V-Leichtmetallmotor, vorn längs, wassergekühlt, Turbolader • eine Nockenwelle, fünf Hauptlager • zwei Ventile pro Zylinder • mechanische Kraftstoffeinspritzung Bosch KE-Jetronic • Bohrung x Hub 104,1 x 99,1 mm • Hubraum 6750 ccm • Verdichtung 8:1 • 246 kW (330 PS) bei 4000/min • 597 Nm bei 2500/min. Antrieb/Fahrwerk: Dreistufenautomatik GM400 • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Dreiecklenker und Stabilisator an Spiralfedern, hinten Schräglenker an Schraubenfedern, selbsttätige hydraulische Niveauregulierung • Scheibenbremsen vorn/hinten • Reifen 235/70 HR 15. Maße: Radstand 3061 mm • L/B/H 5268/1887/1485 mm • Leergewicht 2234 kg. Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 230 km/h, 0–100 km 7,2 s • Verbrauch 19,9 l/ 100 km Neupreis: 306.000 Mark (1987).

Historie

Toll, der Rolls-Royce für die 80er: glattflächig, klassisch proportioniert, dezent monumental – so sah es die wohlwollende Öffentlichkeit, als 1980 der Silver Spirit herauskam, die erste Variante der neuen SZ-Plattform. Rolls-Royce hatte das Kostenproblem aller Kleinhersteller (Jahresproduktion 1980: 3203), weshalb die neue Plattform mitsamt Motor und Antriebsstrang eigentlich die alte war, bewährt beim ausgezeichneten Silver Shadow. Die Schwestermarke Bentley dümpelte mit dem baugleichen Mulsanne nebenher, bis das Management auf die Idee kam, den Markennamen im alten Sinne wiederzubeleben. 1982 kam der Mulsanne Turbo und zeigte, dass Rolls-Royce auch schnell kann. Der Turbo R brachte 1985 dann das passende kurventaugliche Fahrwerk: R steht für "Roadholding", deutsch etwa "Ich fliege nicht aus der Kurve". Der Turbo R war ein Bestseller, er überlebte bis zum Ende der SZ-Reihe 1999. Zwei Spezialfälle gab es, den PS-gewaltigen Turbo RT und die Stretch-Limousine mit Aufbau von Mulliner. Turbo R und RT waren auch mit langem Radstand erhältlich. Technisch identisch: die Continental-Zweitürer ab 1991.

Plus/Minus

Nur 4115 Basis-Turbo-R hat Bentley bis 1994 verkauft, plus etwa 1200 sonderausgestattete. Trotzdem sind immer genügend Autos auf der Suche nach einem Heim.

©Joachim Storch

Hm. Plus oder Minus? Schwer, einem Auto wie dem Bentley mit solchen Fragen gerecht zu werden. Ist er alltagstauglich? Kommt auf den Blickwinkel an: Wer auf angenehmste Art ans Ziel möchte, gibt ihm fünf Sterne. Wer dabei nur die Spritkosten sieht, verpasst ihm einen Stern. Der Turbo R ist ein ultrakomplexes Auto, das viel kompetente Wartung verlangt. Wer 15.000 Euro für den Kauf übrig hat, sollte dieselbe Summe allein für möglichen Wartungsstau bereitliegen haben – und noch mal 15.000 für die reguläre Wartung der nächsten zwei Jahre. Belohnt wird der Bentley-Fahrer, besonders aber die Menschen auf den Rücksitzen, mit einem Optimum an Reisekomfort – ohne aufgeregtes Premium-Gedöns und Neureich-Prunk. Es ist ihm nicht anzusehen, aber der Turbo R ist ein extremes Auto, das wenige Enthusiasten vollkommen verstehen und verkraften.

Ersatzteile

Schwierig! Rolls-Royce hat von der SZ-Serie zwischen 1980 und 1999 allein 26 Bentley-Versionen herausgebracht – bei einer Gesamtstückzahl von nicht einmal 14.000 Exemplaren. Das Fahrwerk erfuhr eine wesentliche Weiterentwicklung, der Motor mehrere, die hochkomplexe Bremsanlage auch. Das bedeutet: Myriaden unterschiedlicher Ersatzteile – die natürlich nirgendwo an einem Fleck zusammen bereitliegen. Generell ist das meiste zu bekommen, Bentley-Eigner müssen eventuell ein bisschen suchen, auf jeden Fall aber sorgfältig auf Kompatibilität achten – und einen ausreichenden Etat im Rücken haben.

Marktlage

Nur 4115 Basis-Turbo-R hat Bentley bis 1994 verkauft, plus etwa 1200 sonderausgestattete. Trotzdem sind immer genügend Autos auf der Suche nach einem Heim, was oftmals an finanziellen Engpässen beim vorigen Eigentümer liegt. Deshalb: nur durchgängig und glaubwürdig dokumentierte Autos Probe fahren.

Empfehlung

Zwei Wochen Urlaub nehmen und in England einen kaufen. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend Händler, die sich auf Rolls-Royce und Bentley spezialisiert haben. Die Rechtslenkung ist kein großes Problem, oft aber die Rechenkunst: Ganz schnell verschlingt ein Turbo R auf dem Weg zur Mängelfreiheit das Doppelte des Kaufpreises. Immer zu empfehlen: die Mitgliedschaft in einem Bentley-Klub.

Autor: Till Schauen

Fotos: Joachim Storch

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