BMW 2002 Turbo

BMW 2002 Turbo BMW 2002 Turbo

BMW 2002 Turbo

— 03.05.2004

Das Turbo-Tier im TDI-Visier

Der BMW 2002 Turbo verblies vor 30 Jahren so ziemlich alles, was sonst noch unterwegs war. Heute machen andere dicke Backen: Diesel mit Drehmoment ohne Ende – ganz normale Diesel.

Die Regel sieht so aus: Das Unheil naht als Punkt am Horizont und kommt schnell näher. Einen Moment später hängt der zornig Xenon-blitzende A6 TDI formatfüllend im Rückspiegel, gehetzt von Fünfer-BMW, VW Passat und C-Klassen-CDI. Eine uniforme, dunkel lackierte Masse mit wenig Zeit. Willkommen in der Gegenwart der enthemmten Außendienstler, goldene Tankkarten machen eilig. Die Ausnahme sieht so aus: Der Unglaubwürdige krückt an der Ampel von der Linie wie ein Kia Carnival und lässt sich anschließend Zeit wie das Kassenmodell der Polo-Reihe. Aber dann macht er Druck: Mit einem Schlag und schwänzelndem Heck zieht der Turbo-Nullzweier von dannen, als wäre ihm ein Panzer ins Heck gekracht.

Bayern-Bleichgesicht mit Kriegsbemalung

Starke 70er: Rundinstrumente, kein Computer-Schnickschnack.

Ein Pfeifen, der Geruch von Sprit und verbranntem Öl liegt in der Luft. Willkommen in der Vergangenheit der unvernünftigen Frühsiebziger, Turbofahren macht arm. An die 20 Liter Brennstoff kann man noch immer locker verballern, wenn man den 2002 richtig von der Leine lässt. 1974, als die ersten Turbos pünktlich zur Ölkrise zu ihren Technik-versessenen Eignern kamen, war das ein Skandal. 2004, wo jeder Handlungsreisende einen Lader im Diesel-Tanker hat, ist es egal. Das bayrische Bleichgesicht mit der quietschbunten Kriegsbemalung und den prollig angenieteten Kotflügel-Verbreiterungen zahlt ein Vielfaches zurück. Warum? Weil der weiße Wilde nichts kaschiert!

Warum erinnert der Turbo an Klaus Kinski?

Herrje, es waren die Siebziger! Peinlich angezogen sein sowie ordentlich saufen und qualmen gehörten dazu. Talkshow-Auftritte von Klaus Kinski sind der Beweis. Der Turbo ist ein normaler 02 mit grellem Chic und auffälligem Verhalten, ein Typ mit zwei Gesichtern. Chamonixweiß außen, schwarzes, schwitziges Kunstleder innen. Null Luxus für Passagiere. Er fährt sich wie ein bockhart gedämpfter 1602 mit 85 PS, bis die Nadel der Ladeanzeige in den grünen Bereich geklettert ist und der Turbo ab 4000 Touren beginnt, mit den Hinterrädern den Asphalt aufzurollen.

Es geht so nach vorn, dass die Arme lang werden und aus dem Säuseln ein Pfeifen wird. 0,55 Bar Ladedruck, 170 PS und über 210 km/h Spitze, da kam auch ein handelsüblicher 911er nicht mit. Heute zählt nur noch der Überraschungseffekt, wenn der halbstark bespoilerte Bayer an das Heck eines Sechszylinder-Selbstzünders springt und sich dort zumindest so lange hält, bis der Vordermann herunterschaltet.

Was bleibt, ist die Lust an der Ladung und das Flair, der Erste zu sein. Der 2002 Turbo war nämlich nicht nur der Überhammer in Sachen Leistung, sondern Zukunfts-Wegweiser. Manch ein Vertreter der Neuzeit auf der Autobahn hat’s offenbar vergessen. Fährt eng auf, blinkt genervt, tritt aufs Pedal und zieht mit einer kleinen Rußwolke davon. Ende der Ausnahme, Anfang der Regel.

Ein Schriftzug – und die Technische Daten

Gutes Timing ist echt was anderes. 1970 sterben so viele Menschen wie nie zuvor auf deutschen Straßen (21.332), seit 1972 gilt Tempo 100 über Land, seit ein paar Monaten ist die erste große Ölkrise da. Und BMW stellt im Herbst 1973 ein 210-km/h-Geschoss mit 15 Liter Durchschnittsdurst und breiter Krawall-Optik ab Werk auf die Räder. Das Maximum der wilden Masche ist der spiegelverkehrte "2002 turbo"-Schriftzug auf dem Frontspoiler, am besten zu lesen vom gehetzten Vordermann im Rückspiegel. Wie bei Ambulanzen und Feuerwehr, nur noch viel schneller als die.

Ein derart pubertäres Auftreten lässt sogar den Bundestag aktiv werden, eine SPD-Anfrage beschäftigt sich mit den "Auswüchsen der Motorisierung" und der Förderung der Raserei. So viel Aufsehen will BMW dann doch nicht: Verkaufschef Bob Lutz lässt noch vor der IAA die Spiegelschrift verschwinden, außer im Prospekt (oder mit Hilfe des Zubehörhandels) sowie auf Pressebildern trägt kein 2002 turbo die provokativen Lettern an der Front. Zu spät. Sie sind schon auf ewig in die Netzhaut und die Erinnerung der Öffentlichkeit gebrannt.

Technische Daten Vierzylinder/Reihe • wassergekühlt • hängende Ventile • fünffach gelagerte Kurbelwelle • Abgasturbolader • Gemischaufbereitung • mechanische Benzineinspritzung • Hubraum 1990 cm3 • Leistung 170 PS bei 5800 U/min • 0–100 km/h in 7,1 s • Vierganggetriebe • Höchstgeschwindigkeit 211 km/h • max. Drehmoment 240 Nm bei 4000 U/min • Länge/Breite/Höhe 4220/ 1620/1410 mm • Preis 20.80 DM (1974) • Stückzahl 1672 • Szene: BMW 2002 Turbo Club, Oberndorfer Straße 213 in 78719 Schramberg, www.bmw-2002-turbo-club.de

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