Buchbesprechung "Wirtschaftswunder"

Das Auto, die erfüllte Sehnsucht des Wirtschaftswunders Das Auto, die erfüllte Sehnsucht des Wirtschaftswunders

Buchbesprechung "Wirtschaftswunder"

— 20.01.2009

Autos für die Wunderkinder

Ein einzigartiger Fotoband des Taschen Verlags erinnert an die Gründerjahre der Bundesrepublik. Oft im Mittelpunkt, immer dabei: das Auto, die erfüllte Sehnsucht des Wirtschaftswunders.

Manchmal griff der Fotograf auch am Sonntag zur Kamera. Da sitzt er mit seiner Familie auf einer Waldlichtung, ganz typisch im Karo-Sommerhemd, mit Luftmatratze und Federballschlägern, wie es eben so war im Deutschland der 50er. Nur: In Josef Heinrich Darchingers 300-Seiten-Fotoband gibt es dieses Idyll gleich zweimal (siehe Bildergalerie). Dieselbe Familie, sogar dieselben Luftmatratzen. Aber es sind andere Autos: 1957 steht noch ein beigefarbener Käfer im Hintergrund, im Sommer 1958 ist es schon ein silberner Porsche 356. So schnell konnte es für Dymamiker der 50er-Jahre gehen – und kein Geschichtsbuch könnte uns heute besser zeigen, was dieses Wort bedeutet: "Wirtschaftswunder".

Bunte und bewegende Zeiten

Das Buch "Wirtschaftswunder" von Josef Heinrich Darchinger erscheint im Taschen Verlag. Preis: 29,90 Euro. ISBN: 978-3-8365-0019-7

So heißt es, das großformatige Fotobuch, schlicht und doch so eindringlich, dass heutige Betrachter buchstäblich die Krise kriegen können. Es sind statische Fotos, und doch macht ihr Tempo atemlos. Nur zu Beginn sehen wir graue Fassaden und leere Autobahnen, bald aber gibt die junge Republik mit ihren Kreppsohlen Vollgas. Neonreklamen und Sechs-Volt-Biluxlicht lassen die nächtlichen Städte auf Darchingers Bildern leuchten, Parkplätze sind schon knapp. Und das Prädikat "Halbstark" gilt nicht nur für die jungen Männer mit der James-Dean-Frisur, sondern auch für ihre Mopeds im zweifarbigen Futurama-Design. Überhaupt, diese Farben. Für Zeitungen und Illustrierte ist die Welt der 50er Jahre noch schwarzweiß, aber Darchinger fotografiert schon farbig. Einer seiner Auftraggeber ist die SPD, die Diavorträge mit seinen Fotos bestückt. Dias, Halbstarke, Wirtschaftswunder – alles Geschichte. Die allerletzte Seite des Bildbands zeigt es: "Printed in China" steht da.

1949: So kam Deutschland in Fahrt

Dass der Traum vom eigenen Auto wahr werden könnte, glaubte vor 60 Jahren kein deutscher Normalverdiener.

Dass der Traum vom eigenen Auto wahr werden könnte, glaubt vor 60 Jahren kein deutscher Normalverdiener: Selbst Chefs steigen aus dem VW, nur 46.000 Käfer laufen im ersten Jahr der Republik vom Band. Ein Mercedes 170 S oder Opel Kapitän ist die Wahl der Reichen, der Borgward Hansa 1500 kommt Ende des Jahres 1949 dazu: als erstes deutsches Auto mit Pontonform, glatt wie ein Ami. Der volksnähere Ford Buckel-Taunus ist dagegen ein aufgewärmtes Vorkriegsmodell. Besser als nichts – denn DKW steht 1949 mit leeren Händen da, baut noch keine Personenwagen, nur den praktischen Schnelllaster. Auch solche Autos braucht das Land: Deshalb macht Goliath ab Mai 1949 das Kleingewerbe mit dem Dreirad-Lasterchen GD 750 froh.

Autor: Christian Steiger

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