Cadillac Brougham

Cadillac Brougham Cadillac Brougham Cadillac Brougham

Cadillac Brougham

— 22.07.2014

Dickschiff für Dandys

In den 90ern hat sich das Autoland Amerika längst neu erfunden. Nur Cadillac strickt noch an alten Zöpfen. "Standard of the World" sind die Detroiter Dinos längst nicht mehr.

"Glückwunsch zu Ihrem neuen 91er Brougham. Sie fahren jetzt eines der feinsten Luxusautomobile der Welt." Walter Barber aus Bennington, Vermont, muss stolz wie Bolle gewesen sein, als er am 31. Dezember 1990 das Schreiben von Cadillac-Verkaufschef J.W. Huntman in den Händen hielt. Die vier glänzenden Minischlüssel, symbolischer Ausdruck der VIP-Kunden- Vorzugsbehandlung "Gold Key Service", ließ er unberührt in ihrem Plastikmäppchen stecken. Statt ihrer nahm er den Ersatzschlüssel, und bis der alte Herr den Caddy 2011 an seinen jetzigen Besitzer Axel Catton aus dem nordfriesischen Leck verkaufte, scheint die bonbonrote Limousine mehr pflegende Zuwendung erfahren zu haben als Meilen auf dem Highway.

Eigentlich war die Zeit für den Brougham 1990 längst abgelaufen, doch für die alternden Stammkunden baute Cadillac ihn weiter.

Es beeindruckt zutiefst, einen 23 Jahre alten Ami im fast makellosen Showroom-Zustand zu erleben. Während anderswo die sengende Sonne der Südstaaten das Armaturenplastik bis zum Zerfall geröstet hat, präsentiert sich der rote Salon in all seiner schwülstigen Pracht so jungfräulich wie einst beim Bandablauf in Arlington, Texas (nur bis 1988 wurde der Brougham in Detroit gebaut). Auch Wartungsstau ist hier kein Thema. Alles funktioniert, von der pneumatischen Niveauregulierung über die Klimaautomatik bis zur Zuziehhilfe, die den mehrere Quadratmeter großen Kofferraumdeckel diskret ins Schloss knarren lässt. Selbst am empfindlichen Vinyldach sind 75.000 Kilometer und der Umzug in die Alte Welt spurlos vorübergegangen. Dieser Cadillac konserviert nicht nur auf faszinierende Weise das Flair der Ära Ronald Reagan und Bush senior. In seinen Rückleuchten, die wie gestutzte Heckflossen aussehen, glimmt auch noch der ferne Abglanz eines Amerika der unbegrenzten Auto-Möglichkeiten. Kenner wissen zwar, dass der V8 unter dem Eindruck der Ölkrise um den Hubraum eines Sechszylinder- Mercedes geschrumpft wurde. Aber fünf Liter sind immer noch reichlich, und dass sich hier bloß huflahme 173 Pferde zum gemessenen Trab aufraffen, merkt erst, wer dem Caddy Fahrleistungen abtrotzt, für die er nicht gebaut wurde.

Schattenseiten des Amerikaners

Der Anfang vom Ende: Außen schwelgt der Brougham noch in alter Pracht. Unter der Haube backt 1990 aber auch Cadillac schon kleinere Brötchen.

Schon beim Versuch, die Tiefgarage ohne Schrammen zu verlassen, wird deutlich: Dieses Auto stammt aus einem anderen Kulturkreis. In Europa, wo Supermarktparkplätze meist nicht die Ausdehnung des Saarlands haben, fremdelt der Amerikaner. Auch auf freier Strecke braucht es nicht viele Kilometer, um zu merken, dass der von seinen Schöpfern reklamierte Anspruch, "Standard of the World" zu sein, von einer Perspektive kündet, bei der die Welt an den Grenzen des eigenen Landes endet. Stichwort: Tellerrand. Ein wenig erinnert das Fahrgefühl (außer wenn auf Buckelpisten die hintere Starrachse bockt) an frühe Rolls-Royce Silver Shadow: Federn soft wie Marshmallows, der Klimakompressor lauter als der Motor, Leistung "ausreichend" (nicht weniger, aber auch nicht mehr), eine Schlagseite, die keinen Zweifel daran lässt, dass 30 km/h beim Abbiegen im Grunde schon zu schnell sind, und eine Lenkung, bei der man sich trotz Temperaturen nahe 25 Grad die Frage stellt, warum der Winterdienst am Morgen nicht gestreut hat. Fahrspaß im europäischen Sinne kommt also nicht auf. Kurvenkratzen, Linksspur-Hatz und Lane Hopping: Dafür ist der Caddy nicht gebaut.

Schokoladenseiten des Amerikaners

Bequem sitzt es sich in den echten Lederpolstern.

Freude macht im Umgang mit ihm anderes. Das Versinken in den tiefen (und im Gegensatz zum Wurzelholz im Cockpit echten) Lederpolstern. Das maritime Feeling, das sich einstellt, wenn der Riese, angeschoben von der sanften Kraft des Drehmoments, an der Ampel wie ein Dampfer ablegt. Und die stille Freude, wenn beim Feierabend-Cruise über Hamburgs sündigste Meile nicht nur die Touristen staunend innehalten, sondern auch die Bordsteinschwalben unruhig zu flattern anfangen. Cool bleiben, Ladys: Eure Dienstherren fahren doch längst deutsche Boller-Wagen. Rote Caddys wollen auf dem Kiez inzwischen nur noch spielen. Selbst in seiner Heimat ist der Brougham aus dem Straßenbild fast vollständig verschwunden, weiß Tom Witzel, der im hessischen Hünfelden mit US-Klassikern handelt (www.tomsclub.de). Gepflegte Exemplare ohne Rost, mit lückenloser Vorgeschichte und funktionierender Komfortelektrik sind seltener als die Nadel im Heuhaufen.

Technische Daten

Hierzulande gehen 771 Euro an den Fiskus, mehr als EU 1 ist nicht drin. Dafür schluckt der Hubraumriese mit 12,4 Litern vergleichsweise wenig.

Motor: V8 (Chevrolet 305), vorn längs • zentrale Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, mech. Benzineinspritzung • Hubraum 5001 cmÍ • Leistung 127 kW (173 PS) bei 4200/min • max. Drehmoment 346 Nm bei 2400/min Antrieb/Fahrwerk: Vierstufenautomatik (GM Turbo Hydramatic 700) • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung an Doppelquerlenkern, Schraubenfedern und Stabilisator, hinten Starrachse mit Längs- und Schräglenkern, Schraubenfedern, pneumatische Niveauregulierung, Stabilisator, Teleskopstoßdämpfer rundum • Reifen 225/75 R 15 Maße: Radstand 3086 mm • L/B/H 5615/1939/1462 mm • Leergewicht 1995 kg • Kofferraum 555 Liter • Tank 95 Liter Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 12,1 s • Spitze 190 km/h • Verbrauch 12,4 l N pro 100 km • Neupreis: 30.225 US-Dollar (1991).

Historie

Der Begriff "Brougham" (ausgesprochen: Brouhm) stammt aus dem Kutschenbau und bezeichnet dort einen vierrädrigen Einspänner für zwei Passagiere. Cadillac nutzt ihn 1916 erstmals für ein Auto. Ab 1957 ziert er als Ausstattungs-Beiname die teuersten Modelle der General-Motors-Luxusmarke, zuletzt das 1980er-Jahre-Flaggschiff Fleetwood. Als dieses im Zuge des allgemeinen Gürtel-enger-Schnallens in der US-Autoindustrie 1985 verkleinert und auf Vorderradantrieb umgestellt wird, bleibt die Topversion als eigenständiges Modell für konservative Kunden im Programm, heißt nun aber nur noch Brougham. Das Motorenangebot umfasst einen Fünfliter-V8, der bis 1990 von Oldsmobile kommt, schmächtige 140 PS leistet und 1990 durch ein 173 PS starkes Chevrolet-Aggregat mit moderner Benzineinspritzung ersetzt wird. Daneben gibt es einen 5,7-Liter mit 177, später 188 PS. Insgesamt werden 233 631 Brougham gebaut, bevor 1993 der (wieder Fleetwood Brougham genannte) Nachfolger übernimmt. Er teilt sich die Basis mit dem Chevrolet Caprice und ist, sieht man vom Opel-Omega-Klon Catera (1997) ab, bis zum CTS (2003) der letzte Cadillac mit Heckantrieb.

Plus/Minus

Innen dicker Teppich, falsches Holz und für die Sixtysomethings extragroße Digitalziffern im Mäusekino.

Wer oft in Parkhäusern und Tiefgaragen unterwegs ist, sollte sich nach einem anderen Auto umsehen. 5,62 Meter Länge überfordern die Verkehrsarchitektur der Alten Welt. Neben einer großen Garage brauchen Brougham-Eigner aber auch Gemütsruhe: Ein Cadillac taugt nicht zum Kurvenkratzen oder Linksspur-Blasen. In Sachen Wirtschaftlichkeit dagegen zeigt der Ami sich europakompatibel. Bei artgerechter Fahrweise genügen ihm für 100 Kilometer 12,4 Liter. Mechanisch droht kaum Ärger – der Chevy-V8 ist ein solides Stück Eisen. Dafür können altersbedingte Ausfallerscheinungen der elektronischen Heinzelmännchen Caddy-Fahrer in den Wahnsinn treiben. Und natürlich ist auch Rost ein Thema. Er knabbert an den Türkanten, wenn die Wasserabläufe verstopft sind, perforiert Boden- und Heckbleche und nistet sich unterm Vinyldach ein. Auch die Kunststoffe, zum Beispiel in der Prallzone unter den Stoßstangen, lösen sich mit den Jahren gern in Wohlgefallen auf.


Ersatzteile

Auf Ami-Klassiker spezialisierte Händler (z. B. KTS American Parts) können für die Technik so gut wie alles liefern. Selbst defekte Steuergeräte sind kein Weltuntergang, sie werden zum "Refurbishen" über den Teich geschickt. Das Preisniveau liegt höher als bei anderen US-Marken (Niveaudämpfer 215 Euro, Bremsscheibe 110 Euro, Zylinderkopfdichtsatz 177 Euro), bringt aber niemanden um. Innenausstattungsund Blechteile dagegen sind rar und werden zum Teil in Gold aufgewogen.


Marktlage

Amis aus den 80er- und 90er-Jahren zeigt die Szene noch die kalte Schulter, das erklärt die niedrigen Preise. Top-Exemplare ziehen allerdings an, selbst in den USA sind sie inzwischen selten. In Europa findet man gepflegte Caddys vor allem in der Schweiz. Defekte Extras (z. B. Klimaanlage) wirken stark preismindernd.

Adressen

Forum: www.cadillacforums.com Literatur: Cadillac Rear Wheel Drive Automotive Repair Manual: 1970–1993, 335 S., Haynes, ab 17 Euro (Amazon).

Autor: Martin G. Puthz

Fotos: R. Rätzke

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