Der Geschmeidige

Cadillac Eldorado Touring Coupé Cadillac Eldorado Touring Coupé Cadillac Eldorado Touring Coupé

Cadillac Eldorado Touring Coupé

— 19.07.2013

Der macht dich geschmeidig

Cadillac Eldorado Touring Coupé – bei wohlklingenden, teils hochtrabenden Namen spielen die Amis ganz weit vorn mit. Doch noch heute löst der Eldo mehr ein, als er 1995 zu versprechen schien.

Sie halten nichts von Kleinwagen, schätzen lieber Länge, Breite, Höhe? Sie seufzen versonnen beim Gedanken an acht Zylinder mit dem gefühlten Hubvolumen einer Elbtunnel-Röhre? Sie wissen, welche US-Cars das 6,23-Meter-Maß eines Cadillac Series 75 von 1968 übertreffen? Dann seien Sie willkommen im Club der Würdigen, der tatsächlich Geschmeidigen, die amerikanisch-lässig jeden europäischen Automobil-Meilenstein mit einer Innovation aus Detroit (doch, die gab’s!) kontern können. 

Der Eldorado TC verbindet das Beste aus zwei Welten: traditionelles Cadillac-Design, kombiniert mit moderner Technik.

©S. Krieger

Aber wozu eigentlich der ausufernde Einstieg? Werfen Sie einfach einen Blick auf das Bild rechts. Es sagt alles. Sie wollen Style? Bekommen Sie. Betrachten Sie nur das harmonische Verhältnis von Radstand, Karosserieüberhängen, Höhe der Radläufe. Das eingezogene Coupé-Dach, das seit Jahrzehnten immer wieder neu interpretierte Thema von Heckabschluss und C-Säule – ein Eldorado. Ein Caddy. Entschlossener Blick aus Glasbausteinen, mittendrin ein Kühlergrill zum Pommes-Ausstanzen. A class of its own, als Mercedes hierzulande mit einem S-Klasse-Coupé in Killerbienen-Optik schockierte und ein Lexus alles war, nur (noch) keine Alternative. "Great value for money", einen hohen Gegenwert fürs Geld also, verspricht nicht erst seit gestern jedes halbgare Fast-Food-Menü. Das gibt es auch bei Autos, nur viel kultivierter. Und das gab es bei Cadillac, der Marke, die 1902 gegründet wurde und die seit 1914 V8-Motoren verbaut. Die mit Innovationen wie der ersten elektrischen Zündung (1910) und dem ersten elektrischen Anlasser (1912) punkten kann. Letzteren montierten sie bei Cadillac, nachdem ein guter Freund von Firmengründer Henry M. Leland von einer zurückschlagenden Anlasserkurbel ins Jenseits befördert worden war. Blödes Timing: Ohne elektrische Zündung, die beim betreffenden Caddy eingeschaltet war, hätte der hilfsbereite Mann überlebt.

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Der Kofferraum fasst zwei Erwachsene – oder das Gepäck von bis zu vier Personen.

©S. Krieger

Sieht man von Irrungen wie kränkelnden Dieselmotoren und der kapital fehlentwickelten Zylinderabschaltung in den 80ern ab, lässt sich lächeln über den Hochmut der Europäer, für die Cadillac immer auch die Marke der reichen, aber ahnungslosen Rentner ist. Lasst sie lästern. Steigen wir ein in das 1995er Eldorado Touring Coupé, dann wird alles gut. Entspannt und geschmeidig, so wie Sitzposition und Lauf der 4,6-Liter-Maschine. Ja, das Leder ist nach beinahe 20 Jahren etwas rissig geworden, und auch die im Neuwagen-Test von 1994 erwähnten "sauber passenden Innenraummaterialien" wellen sich hier und pellen sich dort ein wenig. Aber das können andere Youngtimer-Exoten ebenso, selbst wenn der Gebrauchtwagen-Höker größere Zahlen aufs Preisschild gemalt hat. Und, äh: Das großzügig vertäfelte Zebrano-Holz des Eldo ist nicht gesplittert wie in gleich alten Modellen einer ähnlich distinguierten deutschen Marke. Aber geht es hier um Unfehlbarkeit? Wer mittelalte Cadillac mag, genießt auch die eigenartige Kontrastwirkung mancher Details, die so weit vom höchsten Anspruch entfernt sind wie Minsk von Detroit.

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Die Verkleidungen der weit öffnenden Eldorado-Türen vereinen billigstes GM-Großserien-Plastik mit Zebrano-Holz und geprägtem Modell-Schriftzug.

©S. Krieger

Die teilweise digitalen Anzeigen: altbacken, dafür nicht stilsicher. Kombi-Instrument und Schalter aus der GM-Großserie: wie von Daewoo geliefert. Und der knarzend aufschwingende Heckdeckel am Ober-Coupé, das mal 102.000 Mark kostete: dreist in seiner blechernen Nacktheit. Dafür Hubraum. Kraftvoll saugt sich der Eldorado den deutschen Highway entlang, mit dienstbar funktionierender Cruise Control, Memorysitzen, automatisch abblendendem Fernlicht und ebensolchem Innenspiegel. Manches sieht piefig aus, doch nichts knarrt oder knackt. Zart zupft der Northstar-V8 mit seinen 32 Ventilen an den vorderen Antriebsrädern, und auch das Fahrwerk zeigt, dass dieser optisch unverkennbare Ami im Prinzip ein großer Europäer ist. Vor allem aber transportiert der Eldorado die wichtigste Aussage eines Luxuscoupés – Kinder, Haustiere und Berufsleben, alles ist gut überstanden – viel weiter. Fern von jeder Kleinlichkeit ist er ein wahres "Personal Car" mit Charakter und Tradition. Nicht jedes große Coupé ist so gut im Anderssein wie der Eldorado.

Historie

Es ist ein Paukenschlag, selbst für die selbstverliebten USA, als 1952 Cadillac seinen 50. Geburtstag erst mit einem Show- und Conceptcar namens "El Dorado" ("Der Goldene") feiert, 1953 dann die Fertigung von Hand (!) beginnt – und 7500 US-Dollar dafür verlangt, ein Drittel mehr als für das teuerste Cadillac-Normalmodell. Ab 1957 entsteht der nun Eldorado geschriebene Pracht-Caddy in Serie, was die Preise drastisch purzeln und die Stückzahlen merklich ansteigen lässt. 1959 markiert der Eldorado mit 97 Zentimeter hohen Heckfinnen den Höhepunkt der Flossen-Ära, 1967 kommt das Modell mit grundlegend neu gestalteter Karosserie – und der Markt der "Personal Luxury Cars" boomt. Stets Träger der neuesten technischen Innovationen und Luxusspielereien, gerät die neue Eldo-Generation ab 1971 wieder barocker und größer. Ein Abgesang: 1979 schrumpft auch der Eldorado, über sein Design von 1986 bis 1991 breiten wir den Mantel des Schweigens. Da wirken Dimensionen und Design der Generation ab 1992 wie eine Frischzellenkur, doch die Verkaufszahlen sinken. 2002 feiert Cadillac 100. Geburtstag und beerdigt sein Goldkind Eldorado.

Technische Daten

Trotz 4,6 Liter Hubraum und 32 Ventilen leistet der Northstar-V8 relativ bescheidene 299 PS.

©S. Krieger

Cadillac Eldorado Touring Coupé Motor: V8, vorn quer • zwei oben liegende Nockenwellen pro Zylinderreihe, über Ketten angetrieben, vier Ventile pro Zylinder, elektr. Einspritzung (Rochester) • Hubraum 4565 ccm • Leistung 220 kW (299 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 393 Nm bei 4400/min • Antrieb/Fahrwerk: Vierstufenautomatik • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Querlenkern, McPherson-Federbeinen, hinten an Doppelquerlenkern, Schraubenfedern, Teleskop-Stoßdämpfer, Stabilisatoren vorn und hinten • Reifen 225/60 ZR 16 • Maße: Radstand 2743 mm • L/B/H 5136/ 1918/ 1370 mm • Leergewicht 1740 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 7,8 s • Spitze 240 km/h (elektronisch abgeregelt) • Verbrauch ca. 16,5 Liter/ 100 km • Neupreis: 102.000 Mark (1994).

Plus/Minus

Der Eldorado TC verbindet das Beste aus zwei Welten: traditionelles Cadillac-Design mit großzügigen Abmessungen, dazu klassische US-Beigaben wie Weichleder, Holzleisten, Climate Control und Cupholder im Innenraum, kombiniert mit moderner Technik (V8-Vierventiler, D3-Abgasnorm, Vorderradantrieb) sowie einem europäisch abgestimmten Fahrwerk. Das ist vielleicht nicht mehr puristisch genug für manche US-Car-Fans, jedoch ausreichend schrullig für eine aussichtsreiche Youngtimer-Karriere. Gute Rostvorsorge und mechanische Dauerhaltbarkeit sind nachgewiesen, Aufmerksamkeit verdienen jedoch die Vierstufen-Automatikgetriebe, die bei einigen TC frühzeitig ihren Dienst quittiert haben. Sinnvoll: Zahnriemen zeitig wechseln – vor allem, weil Spannrolle & Co aus Kunststoff sind.

Ersatzteile

Fern von jeder Kleinlichkeit ist der Eldorado ein wahres "Personal Car" mit Charakter und Tradition.

©S. Krieger

Auch wenn der Name Cadillac weihevoll und hochpreisig klingt – Ersatzteile sind meist günstig und gut verfügbar. Die Herkunft aus dem riesigen GM-Baukasten macht es möglich. Spezialisierte US-Parts-Händler halten Verschleißteile wie Bremsen, Auspuff, Zahnriemen, Wasserpumpe, Stoßdämpfer oder Anlasser bereit, und wer tiefer einsteigen will, kann selbst in den USA bestellen – direkt per Internet. Grossisten wie Napa Autoparts (www.napaonline.com) versenden auch nach Europa. Längst sind viele US-Verwerter im Netz aktiv, die zum Beispiel gebrauchte Interieurteile anbieten – nicht immer günstig: Ein Fahrersitz kann bis zu 500 Dollar kosten.

Marktlage

Das Angebot an Cadillac Eldorado TC ist hierzulande so überschaubar wie einst die Neuwagenverkäufe. Mit zwei gravierenden Unterschieden: Der heutige Youngtimer ist oft nicht mehr so original, dafür aber deutlich billiger als vor 20 Jahren. Gepflegte Exemplare aus Privathand gibt es ab 8500 Euro – jetzt kaufen, nicht später.

Empfehlung

Keine Frage: Finger weg von mattschwarz gerollten, verwohnten oder individualisierten Eldorado. Und von solchen mit hohen Laufleistungen in Verbindung mit vielen Vorbesitzern, die sich die Schlüssel in die Hand gaben. Wer einen wirklich guten Eldo TC will, wird mit Geduld fündig – für überschaubares Geld. Dafür gibt’s dokumentierte Historie und wenig Trouble.

Autor: Knut Simon

Fotos: S. Krieger

Stichworte:

V8

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