Chevrolet Bel Air Hardtop Coupé

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Chevrolet Bel Air Hardtop Coupé

— 22.11.2013

Shake, Rattle and Roll

Chevrolets 57er Jahrgang ist ein Denkmal des Düsenzeitalters. Als Hardtop-Coupé gehört das Erfolgsmodell Bel Air zu den begehrtesten Klassikern der Fünfziger – auf beiden Seiten des Atlantiks.

Sehen Sie noch mal hin. Finden Sie nicht auch, dass der rote Chevrolet Bel Air leicht melancholisch aus seinen Scheinwerfern blickt? Als hätten der große Bill Mitchell und seine Designer gewusst, dass die Tage des grenzenlosen Autodesigns gezählt sind, übertrafen sich die GM-Stylisten mit dem 1957er Modell noch einmal selbst. Mehr Drama im Blechkleid sollte es für Amerikas Normalverdiener nie wieder geben. Und vermutlich hätte eine UFO-Landung vor dem Haupteingang des General Motors Building in Detroit die Manager damals weniger geschockt als ein kurzer Blick in die eigene Zukunft: "Meine Herren, dieser Kleinwagen heißt Spark, er kommt aus Korea, und er ist ein Chevrolet – hey, nehmt’s locker."

Wenn die Weißwandreifen tief in Radkästen tauchen, wirkt Chevrolet Bel Air dynamischer aus als er ist.

©M. Gloger

Georg Lich (51), Autohaus- und Chevrolet-Besitzer, träumte schon immer von genau vom Bel Air: "Als junger Kerl liebte ich den Film ,Mike – in 3,8 auf 100‘", erzählt der US-Car-Fan aus Münster und reicht die Schlüssel herüber. "Von da an wusste ich: Bel Air, das isses!" Ein letztes Mal wandert mein Blick von den zarten Stoßstangen-Knospen zur Vollchrom-Kühlermaske, die geschmeidige Dachlinie entlang zu den hinteren Flossenspitzen, bevor ich mich auf die vordere Sitzbank fallen lasse und den 4,3-Liter-Small-Block-V8 aufwecke. Hinterm Steuer nehme ich, ohne es zu wollen, die Haltung eines amerikanischen Kleinstadt-Teenagers an – eines jener Typen, die sich mit Daddys Auto unter den Neonlichtern der Diners verabreden, um durch die Gegend zu cruisen, Rock ’n’ Roll zu hören und die Mädels von der Highschool aufzureißen. Vorn, unter der opulenten Haube mit ihren beiden Zier-Raketensilos, murmelt der bis heute meistverkaufte Motor der Welt, unaufdringlich, aber bestimmt. "Ein Cadillac darf flüstern, einen Chevy muss man hören", sagt Georg, "also tritt jetzt mal kurz drauf – für die Akustik!" Ich gehorche und gebe Gas, als wir durch den Essener Gruga-Tunnel fahren, wo sich die gelben Lichter in den Panoramascheiben spiegeln. Brrrooooom – die Karosserie sinkt in die hinteren Blattfedern, während ich permanent am roten Lenkrad drehe, damit wir weiter geradeaus fahren.

Elvis lebt! Chevrolet Bel Air Nomad

Die XXL-Flossen am Chevy-Heck sehen aus, als wollte Chevrolet noch vor der NASA auf den Mond.

©M. Gloger

"Shake, Rattle and Roll", sang Elvis damals. Er meinte etwas anderes, doch er brachte auch den Charakter eines solchen Vollrahmen-Straßenkreuzers auf den Punkt. Das Blech vibriert, die Hinterachse poltert, die Lenkung gibt unverbindliche Empfehlungen, aber wir fahren. Sportlich geht anders, doch es hat ja keiner versucht, uns einen Haselnuss-Shake als Schlankmacher zu verkaufen. Chevrolets Weißbrot-und-Erdnussbutter-Modelle hießen in den 50ern One-Fifty und Two-Ten. Darüber rangiert der Bel Air als Topmodell, das in seinen Pastellfarben perfekt vor die weißen Fertighäuser der Vorstädte passte, die sich damals metastasenartig ausbreiteten. Wie Amerikas hölzerne Eigenheime war so ein Chevy nicht teuer, machte aber mächtig was her. Für 2571 Dollar und 32 Cent stand das 2-Door Hardtop Coupé in Matador Red vor 56 Jahren im Showroom von Sinclair Motors in Beardmore, Nebraska, einem Provinzkaff inmitten der Great Plains. Das GM-Flaggschiff Cadillac Eldorado Brougham kostete 13.000 Dollar. Um so viel eindrucksvoller war es nicht. Ob es in Beardmore ein Autokino gab? Allzu häufig scheint der Chevy seine Heimat jedenfalls nicht verlassen zu haben. Der knallrote Innenraum leuchtet wie damals, als ungenierter Konsum die Paranoia vor dem Kalten Krieg und Atomwaffen-Overkill milderte. Es kamen friedlichere Zeiten. Und Chevys, so sachlich, dass der 57er für immer in Amerikas kollektiver Erinnerung parkt. Das hätten seine Designer nicht geglaubt, wo doch alles immer größer und besser zu werden schien. Am Ende gucken wir gleich, der rote Bel Air und ich.

Technische Daten

Im knallige Cockpit spiegelt sich der ganze US-Prunk der Filfties wider.

©M. Gloger

Chevrolet Bel Air Hardtop Coupé Motor: V8, vorn längs • zwei hängende Ventile pro Zylinder, über Stoßstangen und Kipphebel betätigt • zentrale, unten liegende Nockenwelle • ein Doppelvergaser • Hubraum 4344 ccm • Leistung 121 kW (165 PS) bei 4400/min • max. Drehmoment 348 Nm bei 2200/min • Antrieb/Fahrwerk: Zweistufenautomatik (Serie: Dreigang-Schaltgetriebe) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an trapezförmigen Dreiecksquerlenkern, Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpfern, hinten Starrachse mit halbelliptischen Blattfedern und Teleskopstoßdämpfern • Reifen 7,50-14 • Maße: Radstand 2920 mm • L/B/H 5080/1877/1499 mm • Leergewicht 1457 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 12,1 s • Viertelmeile in 21,4 s • Spitze 159 km/h • Tank 60 Liter • Verbrauch ca. 25 l Super pro 100 km • Neupreis: 2571 Dollar.

Historie

Vorn unter der opulenten Haube murmelt der 4,3-Liter-Small-Block-V8, unaufdringlich, aber bestimmt.

©M. Gloger

Im Jahr 1952 bekommt zum ersten Mal ein Chevrolet-Coupé die Zusatzbezeichnung Bel Air, nach dem noblen Stadtteil von Los Angeles. 1953 kennzeichnet der Name die Topausstattung des Jahrgangs, ab da heißen alle besseren Chevys Bel Air, bis 1959 der Impala kommt. Amerikas Autohersteller werfen damals alle zwölf Monate neu gestaltete Modelle auf den Markt, als Klassiker sind die Chevrolet der Jahre 1955–57 heute besonders beliebt – ihre Fans bezeichnen sie als "Tri-Five-Chevys". Vom Kult-Jahrgang 1957 rollen seinerzeit 1.499.664 One-Fifty, Two-Ten und Bel Air als zwei- oder viertürige Limousine, Hardtop (Sport) Coupé, Station Wagon, Townsman und Convertible von Bändern in Arlington (Texas), Oshawa (Kanada) und Caracas (Venezuela). Der Bel Air unterscheidet sich optisch durch mehr Chrom, stylishe Alu-Panels an den Seiten und Goldschmuck von den einfacheren 150 und 210. Es gibt ihn mit Blue-Flame-Sechszylinder oder V8, Top-Motor ist der 283er mit Rochester-Einspritzung und 283 SAE-PS, den die Hot-Rod-Gemeinde damals glühend verehrt. 1975 verschwindet der Name Bel Air aus den Chevrolet-Prospekten.

Plus/Minus

In Daddys 1957er Chevrolet Mädels aufreißen – das war der Traum aller jungen Amerikaner.

©M. Gloger

Rock’n’ Rollers Liebling taugt als gleitendes Entspannungszimmer für Fans des alten Amerika. Dass U-Turns im Stadtverkehr und der Besuch enger deutscher Parkhäuser nicht seine Paradedisziplinen sind, dürfte sich herumgesprochen haben. Und wer einen ökonomischen Oldtimer fahren will, sollte sich besser einen VW Golf Diesel kaufen. Design, so zuckrig wie ein Double Chocolate Brownie, dazu ein V8-Nationalheiligtum unter der Raketenhaube und ganz nebenbei auch noch eine moderate Wertentwicklung – damit kann ein Chevrolet Bel Air punkten, vorausgesetzt, es handelt sich um ein unverbasteltes Exemplar mit Geschichte und nicht um einen gepimpten Basis-150er in wilder Custom-Optik. Neueinsteiger müssen außerdem keine Angst vor Ersatzteil-Problemen haben: Bei 1,5 Millionen gebauten Exemplaren lohnt fast jede Nachfertigung.

Ersatzteile

California Classic Parts in Hamburg oder Mike & Franks in Kiel haben vieles vorrätig – und wenn nicht, hilft Danchuk Manufacturing weiter. Die Kalifornier haben sich früh auf die Nachfertigung von Teilen für Tri-Five-Chevys spezialisiert, liefern wirklich alles, um Motor, Getriebe und Fahrwerk gesunden zu lassen oder zu stärken, darüber hinaus Teppiche, Sitzbezüge, Blech- und Zierteile. Kleiner Preislisten-Auszug: 18 Dollar für ein Hupknopfemblem, 22 für einen Dashboard-Schriftzug, 120 Dollar für eine Benzinpumpe, 600 Dollar für die Bel-Air-Alupanels, hinzu kommen Versand, Zoll und Umsatzsteuer.

Marktlage

Wer einen 1957er Chevrolet will, bekommt auch einen. Allerdings tauchen wirklich gute 2-Door Hardtop Coupés eher selten auf und kosten mindestens 30.000 Euro. Brauchbare 150 und 210 Sedans kosten ab 20.000 Euro, als Sechszylinder deutlich weniger. Am teuersten sind Convertibles und der Nomad (bis zu 100.000 Euro).

Empfehlung

Obwohl selten: das bezaubernde Hardtop, mit zwei oder vier Türen, ist für viele Fans der schönste Chevy aller Zeiten. Im Zweifelsfall länger auf das Wunschauto warten oder über einen US-Import nachdenken, aber nur mit kundiger Unterstützung! Sparkommissare, denen die reine Form wichtiger ist als Glamour und V8, sollten mal einen 150 Sedan mit Sechszylinder Probe fahren – unser Schnäppchen-Tipp.

Autor: Lukas Hambrecht

Fotos: M. Gloger

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