Chevrolet Bel Air Nomad

Chevrolet Bel Air Nomad

— 24.05.2011

Elvis lebt!

Unglaublich: Dieser grandiose Lifestyle-Kombi war seinerzeit ein Flop. Deshalb ist er heute teurer als fast jeder andere Chevy. Kaum ein Kombi macht das groe 50er-Jahre-Gefhl so sprbar wie dieser XXL-Ami.

Als der Nomad erschien, war sein Heimatland der unbegrenzten Mglichkeiten lngst bequem und sesshaft geworden. Genau deshalb hat nur Amerika ein solches Auto hervorbringen knnen. Eines, das schon durch seine schiere Gre und seinen Zierrat beeindruckt. Eines mit chrombewehrten Flossen und Flanken und den gestalterischen Symbolen des Raketen-Zeitalters. Und eines mit beinahe steinzeitlicher Technik. Auen also Rocket, innen rock-solid in jedem Fall ist so ein 1956er Chevy Bel Air Nomad ein Auto wie eine feste Burg. Und genau da hat er indirekt auch seine Wurzeln, der nomadisierende Kombi: bei den Planwagen der Pioniere. Immer war Mobilitt eine Schlsselbedingung beim Besiedeln von Lndern und Kontinenten. Und was sich in Europa langsam vollzog, holten die USA im Zeitraffer nach.

Schwlstig, berladen? Aber nicht doch: Der Nomad reprsentiert die gediegene Eleganz der amerikanischern 1950er-Jahre.

Ihre Planwagen, zum Groteil gefertigt von den aus Deutschland ausgewanderten Brdern Stutenbcker, verstelten den Besiedelungsprozess der Eisenbahn ab 1840. Gelebt wurde dort, wo es Arbeit gab, vorher war man eingewandert kurz, die US-Amerikaner waren frh gewohnt, mobil zu sein. Sie zogen um und umher, wann immer es gefordert war, und spter wurde das Auto dabei zum unentbehrlichen Helfer. Addiert man zum Zwang der Mobilitt den Mythos der Freiheit, wundert es nicht, warum viele amerikanische Automobile auf die Namen autonomer Tiere hren. Mustang, Cobra, Barracuda, Wildcat, Stingray, Roadrunner klingen so spannend wie einleuchtend. Der Nomad dagegen beschwrt rastlose Menschen. Weil die Amis schon immer unverkrampft mit dem Kombi-Thema umgingen, konnten sie sich auch das luxurise Experiment eines Lifestyle-Lasters leisten.

Eine amerikanische Legende: Chevrolet

Der schluckt was weg: Hinter der Doppel-Heckklappe tut sich ein gerumiger blauer Salon auf.

So entstanden die berhmten "Tri- Fives", die drei legendren Bel- Air-Nomad-Jahrgnge 1955, 56 und 57. Immer dreitrig, immer zweifarbig, immer chic so, wie es ihre Namensgebung nach dem feinen Stadtteil von Los Angeles forderte, waren die Bel Air Nomad das Gediegenste, was Chevrolet an geschlossenen Fahrzeugen im Programm hatte. Golfer, Segler und Pferdesportler bildeten die Zielgruppe, freizeitaktive Menschen mit gehobenem Anspruch. Dabei lehnte sich das Massenlabel Chevy weit hinein in die Welt der Wohlhabenden, war die Marke doch so bodenstndig wie hierzulande VW. Und damit der Chevy Nomad, berspitzt gesagt, fast so etwas wie ein etwas berschminkter VW 1500 Variant. Aber nur fast. Denn whrend die immer viertrigen "Station Wagon" auf die Gepckkutschen amerikanischer Bahnhfe zurckgehen und dem deutschen Handwerker-Kombi am ehesten der "Handyman Two-Door Wagon" entspricht, besticht ein Nomad bei identischem Radstand und Ladevolumen durch seine fantasievoll variierende Zweifarben-Lackierung, durch anmutige Linienfhrung ohne optisch beschwerende C-Sule und den Luxus, auf reine Praktikabilitt verzichten zu knnen.

Das Revival des alten US-Barocks: Retro-Modelle

Hier wird die Last zur Lust. Erst recht beim Fahren: Hat man einmal den drren Whlhebel der zweistufigen Powerglide- Automatik auf "D" gestakst, verfllt der 56er Nomad in einen leicht ruspernden Tonfall und ruckt an. "Das Gaspedal kontrolliert die Motorleistung und ist so konstruiert, dass es sich leicht und gefhlvoll bedienen lsst", belehrt die Original-Betriebsanleitung, vergisst aber, die Kugelumlauflenkung als direkten Gegenspieler jeglicher Vitalitt zu erwhnen.

Allein, es kribbelt schon im Gasfu. Neben jeder brgerlichen Vernunft gab es ja auch die Halbstarken aus "... denn sie wissen nicht, was sie tun", und auerdem sind 170 Sachen Spitze fr den 1,7-Tonner angegeben. Er ist also nur 200 Kilo schwerer als ein aktueller Alfa Romeo 159 Sportwagon. Gedankenpause. "Blubb-Blubb- Blubb-Blubb..." drauf! Chromgrill-fletschend wandelt der Nomad die erhhte Spritzufuhr in Vortrieb um, injiziert fr damalige Verhltnisse lachhafte 18 Liter Super in seinen Carter- Doppelvergaser und berlsst dem Fahrwerk den Takt. Vorn tnzeln die Federbeine, hinten gibt die Starrachse die Basstrommel, und will man die singenden Diagonalreifen noch vor der Kurve einfangen, setzen pltzlich um einen herum vier Trommelbremsen zum schrammenden Klagelied an, whrend der Chromjet an der Haubenspitze mitsamt dem Rest unbeirrt weiter geradeaus zielt. Kraft? Yeah! Kontur? No, Sir...

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Dabei verhlt es sich mit dem Nomad so wie mit dem Volk seiner Erbauer: Man muss ihn ein bisschen mgen, ihm zuhren und mit ihm ins Gesprch kommen, dann klappts. Wer solche Situationen gemeistert hat, darf sich anschlieend im Laderaum des Nomad ausstrecken. Der ist immerhin genauso eben wie die legendre Salzseenplatte von Bonneville, wo bis heute Geschwindigkeitsweltrekorde aufgestellt werden. Aber das hat nichts mit dem Geist eines Nomaden zu tun. Ihm ist Hektik per Konzept fremd. Der Nomad blieb Mode. Nach kurzer Zeit griffen die Pioniere wieder zum gnstigen Station Wagon. Heute fahren sie Pick-ups. Unbegrenzte Mglichkeiten beinhalten eben auch immer die des Scheiterns.

Technische Daten

Der rote 4,3-Liter-V8 macht ordentlich Dampf. Fahrwerk und Bremsleistung gebieten aber, die Motor-Power vorsichtig zu dosieren.

1956 Chevrolet Bel Air Nomad: V8, vorn lngs eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderreihe, ber Kette angetrieben, 2 Ventile pro Zylinder, Carter-Doppelvergaser Hubraum 4342 ccm Leistung 162 SAE-PS bei 4400/min max. Drehmoment 336 SAE-Nm bei 2200/min Dreigang-Schaltgetriebe, a.Wunsch Powerglide-Zweistufenautomatik Hinterradantrieb Einzelradaufhngung vorn mit Schraubenfedern, Gasdruckdmpfern, hinten Starrachse mit Blattfedern Reifen v./h. 6.70-15 Radstand 2921 mm L/B/H 5100/1836/1580 mm Leergewicht 1710 kg Zuladung 490 kg 0100 km/h in 10 s Spitze 170 km/h Verbrauch 1322 l S pro 100 km Neupreis 1956: 2600 US-Dollar.

Plus/Minus

Robuste Pioniertechnik macht den Chevy Bel Air Nomad so gut wie unverwstlich. Was doch kaputtgeht, hat der Hndler um die Ecke jedenfalls in den USA. Allgemein bietet das Auto den unverflschten Fahreindruck der 1950er-Jahre, Diagonalbereifung vorausgesetzt. Stil und Charme des Chevy Nomad laden noch heute zum Vollladen und Losfahren ein, allerdings sollten die fahraktiven Defizite (Trommelbremsen, kein Bremskraftverstrker!) bedacht werden. Zwei Dinge sollten einem Chevy-Nomad-Eigner nicht passieren: Zusammenste und drastische Benzinpreiserhhungen. Ansonsten: Let the good times roll!

Ersatzteile

Die US-Gesellschaft erfreut sich bis heute an aufflligen Statussymbolen auf vier Rdern, und wenn die mal wieder nicht rollen wollen, dann bucht man eine Audienz beim Ersatzteilgott Napa Auto Parts. Das Unternehmen hat so ziemlich alles, um ein klassisches US-Car mechanisch am Leben zu erhalten. Und selbst GM zuckt nur einmal kurz mit der Wimper, bevor gnstige und passende Teile auch fr alte Modelle ber den Tresen wandern. Versand nach Europa ist meist mglich, kostet aber zustzlich. Wer in Deutschland stbert, stt ebenso auf etliche US-Car-Teileshops. Klubs helfen hben wie drben bei seltenen Teilen, beim Interieur hilft im schlimmsten Fall nur eine Erneuerung durch den Sattler.

Marktlage

Exakt 7886 Chevrolet Bel Air Nomad verlieen im Modelljahr 1956 die Flie߭bnder von St. Louis. Diese berschaubare Zahl hat sich seitdem merklich dezimiert: Die Nomad der "Tri-Five"-Zeit sind selbst in ihrem Heimatland rar, geschtzt und begehrt. In Deutschland existieren nach AUTO BILD KLASSIK-Recherche zwei Exemplare. Die Marktpreise bewegen sich kaum, haben sich zwischen 35.000 und 45.000 Euro eingependelt. Nicht nur damals also war der dreitrige Nomad Chevrolets teuerstes geschlossenes Automobil.

Empfehlung

Normalerweise gilt: Kaufe lieber ein gutes, original erhaltenes oder ein komplett restauriertes Exemplar, anstatt einen Trmmerhaufen zeit- und geldaufwendig zu reanimieren. Beim 56er Chevy Nomad ist die Frage, ob man berhaupt noch ein restaurierungsbedrftiges Auto auf dem Markt findet, denn sogar Amerikas weite Schrottpltze sind mittlerweile akribisch vom einstigen Lifestyle-Kombi gesubert. Selbst Wracks werden noch in Gold aufgewogen, weil es der verrckte Markt hergibt.

Autor: Knut Simon

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