Deutschlands Top 200, Folge 13: Opel Kapitän
— 22.09.2005Ein Kapitän auf großer Fahrt
Leinen los für Opels altes Flaggschiff: Ein Kapitän, Baujahr 1957, erklimmt die alte Brenner-Strecke – und meistert ganz nebenbei auch noch das Hochwasserchaos im Alpenraum.
Man hat die schwarzweißen Bilder alle wieder vor Augen, wenn man hier oben am Brenner steht. Sieht die vollgepackten Urlaubsautos vor sich. Die Lloyd, Käfer, DKW und Goggomobile, viele schon auf dem Weg nach oben am Ende ihrer Kräfte. Und die großen, eleganten Reisewagen, die den 1374 Meter hohen Alpenpaß mühelos überwanden und eine Art Wirtschaftswunder auf Rädern darstellten.
Nur 72 Fahrzeuge verkauften sich besser
Der Kapitän war so einer, Opels große Nummer in der Oberklasse. Heute liegt er, alle Baujahre nach dem Krieg zusammengenommen und Admiral sowie Diplomat eingerechnet, mit 275.917 Einheiten auf Platz 73 der ewigen AUTO BILD-Bestenliste "Deutschlands Top 200". Wir haben einen alten Kapitän mit auf große Fahrt genommen, auf die alte Brenner-Strecke Richtung Italien. Weil wir wissen wollten, wie sich der Edelopel dort schlägt. Und wie es am alten Brenner, abseits der großen Autobahn, heute eigentlich läuft. Unser Kapitän wurde 1957 gebaut, hat damit schon die amerikanisch gestaltete Pontonkarosserie, aber noch nicht die Panorama-Frontscheibe und den kniescheibengefährdenden Z-Pfosten im Einstieg. Dieser Kapitän schafft, was seine modernen Kollegen zuletzt nur noch selten geschafft haben: Man sieht ihn – und wird auf der Stelle zum Opelaner.Anfahren im dritten Gang: kein Problem
Für die 40 Kilometer lange Strecke von Innsbruck auf den Brenner hoch haben wir eine gute Stunde gebraucht – in den 50ern dauerte das locker viermal so lange. Die Route ist eine echte Alternative zur Mautstrecke, für die man von Innsbruck bis Verona 21,20 Euro zahlt – zusätzlich zur Vignette. Problemlos heißt: wenn das Wetter mitspielt. Und nicht wie bei unserer Fototour die ganze Region im Hochwasserchaos versinkt.
Daten Opel Kapitän L (1957)
Der Kapitän hat zwar die gewagtesten Wasserdurchfahrten gemeistert und uns sicher aus den Flutgebieten gebracht. Aber bei Nässe gerät der 1210-Kilo-Pott auch sonst leicht ins Schwimmen. Von der Qual mit den drehzahlabhängigen Mini-Scheibenwischern wollen wir erst gar nicht reden. Früher war eben doch nicht alles besser. Wirklich nicht. Okay, die Geschäftsleute am Brenner sehen das wohl anders. Rings um die Grenzstation sind die Rolläden geschlossen, von den Häusern platzt die Farbe ab. Bei der alten Wiegestelle für Lkw sind die Scheiben eingeschlagen.Hier im Schatten der Autobahn geht nichts mehr. Das rot-weiße Grenzhaus der Österreicher ist ratzekahl leergeräumt, im moderneren Häuschen der Italiener ragt nackter Draht aus den Pulten hervor. Das Schiebefenster, durch das man früher seinen Paß schieben mußte, ist offen. Bei Motorradfahrern und Sparfüchsen ist die alte Brenner-Route freilich noch beliebt. Und natürlich bei Oldtimerfreunden – wenn sie mit ihrem Kapitän mal auf große Fahrt gehen wollen ...
Technische Daten Reihen-Sechszylinder • hängende Ventile • seitliche Nockenwelle • ein Fallstromvergaser • Bohrung x Hub 80 x 82 mm • Verdichtung 1:7,1 • Hubraum 2473 cm³ • Leistung 55 kW (75 PS) bei 3900/min • max. Drehmoment 173 Nm bei 1700/min • Heckantrieb • Dreigangschaltung • selbsttragende Ganzstahlkarosserie • Einzelradaufhängung vorn, Starrachse hinten • Tankinhalt 45 l • Länge/Breite/Höhe 4700/1670/ 1630 mm • Leergewicht 1210 kg • Spitzengeschwindigkeit 138 km/h
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