Aus dem Klassik-Archiv

Borgward-Tragödie Borgward-Tragödie

Die Borgward-Tragödie

— 12.01.2004

Sind die noch zu retten?

43 Oldtimer aus dem Hause Borgward kehren zu ihren Wurzeln zurück. Ein Etappenziel auf der Reise ins Ungewisse.

Das Dach ist leck, der Putz bröckelt. Von dem Rohkaffee, der hier jahrzehntelang lagerte, hat nur ein säuerlich-modriger Geruch überlebt. Bald wird dieser riesige Schuppen im Hafen von Bremen abgerissen. Doch bis das schwere Gerät anrückt, darf sich das Lagerhaus noch einmal per Fußnote in den Annalen verewigen: als Übergangslager für eines der wichtigsten Zeugnisse unserer automobilen Kulturgeschichte. Heiner Hellmann überreicht uns den Schlüssel, verabschiedet sich bis zum Nachmittag. Dann fällt die Tür ins Schloss, und wir sind allein. Grabesstille. Nur irgendwo im Gebälk summt eine bleiche Leuchtstoffröhre ihr monotones Lied. 86 leblose Augen starren uns an – Fixpunkte in den charakterstarken Gesichtern von 43 Klassikern der Borgward-Gruppe.

Wir beschließen, das Ambiente unberührt zu lassen. Nichts für die Fotos aufzuräumen oder zurechtzurücken. Aus Respekt? Aus Ehrfurcht? Wahrscheinlich beides. Nicht jedoch aus Angst, etwas zu zerstören. Denn das hat der unerbittliche Lauf der Zeit schon vor sehr langer Zeit sehr gründlich erledigt: Viele dieser Oldtimer belegen auf der lediglich von eins bis fünf reichenden Zustandsskala eine glatte Sechs.

Patrioten für Borgward, Hansa, Goliath, Lloyd

Rettung wagen: Drei Bremer Investoren kauften die Kröll-Sammlung für ihre Heimatstadt.

Einen "kleineren sechsstelligen Betrag" haben Hellmann und seine Partner Edu Woltersdorff und Lüder Kastens für den Fundus bezahlt – obwohl sie keine Oldie-Sammler sind. Die drei Ur-Bremer sehen sich lediglich als "lokalpatriotische Investoren". Denen es darum geht, die einmalige Großpartie aus Borgward-, Hansa-, Goliath- und Lloyd-Modellen für ihre hanseatische Heimatstadt zu retten. Bremen und Borgward: Das ist eine eigenartige Melange aus Industriegeschichte und Identität, Wehmut und Stolz – und einem Schuss Liebe der Menschen zu dem Autobauer ihrer Stadt. Selbst 42 lange Jahre nach dessen Niedergang. Seitdem klafft eine Lücke: kein Museum, keine Stiftung, kein Anlaufpunkt. Kein Interesse? Beim Senat bislang nicht, wie es scheint. Das wollen die Neu-Eigner der Schätze jetzt ändern.

Endlich. Löblich. Verkäuferin der sagenhaften Kollektion: Hilde Kröll, Witwe des Gründers des österreichischen Borgward-Clubs. Bis zu seinem Tod vor zehn Jahren hatte Helmut Kröll unermüdlich nach Scheunenfunden und vergessenen Hinterhofparkern gespürt. Um sie vor der Entsorgung zu retten und später in einem Museum zu präsentieren. Ein Wunschtraum, dessen Vermächtnis es zu pflegen gilt, bis sich seine Erfüllung ermöglicht: Das hatte Hilde Kröll einst zum Gesetz erklärt und seit 1993 jeden Interessenten für einzelne Stücke abgewiesen. Bis die Troika von der Weser anrief. Versprechen, Verhandlungen, Vertrag besiegelt.

Wer kümmert sich jetzt um die Großfamilie?

Erst danach ging es nach Oberösterreich. Ex-Lehrer Hellmann zitiert seine Umkehr der Maxime "Erst denken, dann handeln" und begründet sie hanseatisch knapp: "Musste schnell gehen." Wir hingegen nehmen uns Zeit, widmen uns einen ganzen Tag lang dem Erbe. Der mobilen Mangelerscheinung Lloyd LP 300 ebenso wie dem stattlichen Borgward P 100. Und natürlich den elf Nutzfahrzeugen bis hinunter zum Goliath-Dreirad mit entzückenden sechs PS. Als sich das Tageslicht senkt, klopft Hausherr Hollmann wieder an die Tür. "Ja, alles im Kasten", bestätigen wir. "Nein, noch nichts Konkretes", antwortet er später auf die Frage, was er mit der Sammlung plane. Eine öffentliche Ausstellung ist das Ziel, so viel ist sicher. Aber wo, wann und von wem finanziert – das steht in den Sternen. Mercedes, der Nachfolger im Werk Sebaldsbrück? Wohl kaum. Die Stadtväter? Wäre ganz neu. Die Einbindung der Autos in ein gastronomisches Erlebnis-Konzept? Eher denkbar. Immerhin ist der Zusammenhalt der Großfamilie durch ihre Heimkehr nach Bremen gelungen. Ein wahres Märchen, dem wir von Herzen ein Happy End wünschen.

Kommentar von Karl Auto

Es ist ein Jammer: Wer diese Kostbarkeiten deutschen Automobilbaus sieht, wie sie fahrunfähig aus traurigen Augen blicken, der wird sich fragen: Wie konnte es so weit kommen? Ich möchte mich hier nicht über die politische Schmierenkomödie auslassen, die 1961 zum Konkurs der Autos zum Anfassen Bremer Borgward-Gruppe geführt hat – zu einem Konkurs, der keiner war, denn die Gläubiger wurden allesamt 100- prozentig befriedigt. Nein, mir geht es um die Volumen-Raffkes der 70er und 80er, die den Hals und die Halle nicht voll kriegten und die Witwe mit einem Haufen Schrott sitzen ließen. Denn Großsammlungen dieser Art werden radikal abgerechnet: Ein Kilo Borgward zu acht Cent, der Rest ist Zugabe. Gesplittet auf Einzel-Besitztümer, wären alle Preziosen mehr oder weniger gerettet worden, jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Exemplare zum Startpreis von einem Euro bei Ebay auftauchen, sollte es mit dem Plan der Bremer Kaufleute nichts werden. Sie selber haben, was sie auch zugeben, keine besondere Beziehung zum Rhombus. Klar, ihr Anliegen ist legitim und lobenswert. Doch wetten, dass nix passiert in Bremen?! Am besten wäre, sie gäben die Halle frei, so wie sie ist, samt unveräußerlichem Inhalt. Eintritt drei Euro, Schüler und Studenten frei, Anfassen erlaubt. Lebendige Autogeschichte. Endlich mal.

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