Die wilde Autowelt der DDR

Die wilde Autowelt der DDR

— 03.10.2009

Ein Opel für die kleinen Fluchten

So bunt konnte die ostdeutsche Autowelt aussehen: Detlef Mondschein und seine Freunde fuhren schon zu DDR-Zeiten Westwagen. Doch bei Reparaturen an ihren Opel Rekord mussten sie heftig impriovisieren.

"Das Geheimnis?" Detlef Mondschein macht ein Gesicht, als hätte man nach seinem Geldversteck gefragt. Dann steht der 49-Jährige auf. Er murmelt: "Das Geheimnis ist in der Garage." Ein paar Minuten später kommt der Sanitäter zurück und stellt zwei Dosen auf den Tisch. Die erste trägt die Aufschrift "VEB Aerosol Automat" und enthält eine Graphitlösung. In der anderen ist ein Korrosionsschutzmittel aus dem VEB Elaskonwerk Dresden. Mondschein: "Das ist der Grund, dass viele Autos aus DDR-Zeiten noch in so gutem Zustand sind." Der Beweis steht vor der Garage: ein strahlend blauer Opel Rekord A von 1963 und ein sonnengelber Rekord C von 1966. Sie sind nicht etwa irgendwo im Westen gelaufen – sie waren in der DDR zugelassen. Detlef Mondschein kommt aus der ostdeutschen Opel-Szene. Und die war größer, als man denkt: Im April 1989 fand in Rostock ein Treffen mit 150 Autos (!) statt. Die Opel im Osten waren Autos für die kleinen Fluchten.

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Detlev Mondschein als junger Kerl an einem Misch-Rekord: Es ist ein A-Modell mit B-Grill und -Scheinwerfern. Die Blinker stammen vom Wartburg.

Dafür setzte Mondschein viele Hebel in Bewegung. Einen seiner ersten Rekord organisierte er über das "Staatliche Kontor für Maschinen- und Materialreserven", einen staatseigenen Handel für Gebrauchtwagen. Für 3000 bis 5000 Ost-Mark konnten DDR-Bürger einen Gebrauchten kaufen. "Aber natürlich nur mit Beziehungen." Der gelbe Rekord C kam als Geschenk in den Osten: Der Betriebsarzt des Chemiefaserwerks "Wilhelm Pieck" hatte ihn von einem Bremer Bekannten bekommen, den Transport übernahm die Reichsbahn. Hilfreich für die Einfuhrerlaubnis war, dass der Chef des Beschenkten erklärte, dieser setze sich "jederzeit für die Belange des sozialistischen Gesundheitswesens" ein. Bei den Ersatzteilen mussten die Ost-Opelaner kräftig improvisieren: Bremsklötze aus dem Lada, Kolbenringe von Multicar, Zündunterbrecher von Skoda. Nach der Wende, erzählt Mondschein, habe sich die Szene zerschlagen: "Viele haben sich neue Autos gekauft." Er selbst hingegen blieb seinem Rekord treu. "Die Autos haben noch mal rübergemacht", sagt Mondschein, "rübergemacht in eine neue Zeit."

Autoren: Alex Cohrs, Gerald Schadendorf

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