Ein Club mit Stilempfinden

Die schwulen Schrauber vom Ammersee Die schwulen Schrauber vom Ammersee

Ein Oldtimerclub mit Stilempfinden

— 15.03.2007

Die schwulen Schrauber vom Ammersee

Die Motorboys lieben alle Marken und Typen: Rolls-Royce, BMW, Mercedes, Citroën, Lada. Clubmitglieder aber dürfen nur echte Kerle sein. Und die müssen auf Männer stehen.

"Mein Schnuckelchen", sagt Wolfgang Feichtinger sanft. Dann grinst er so breit, dass sein akkurat rasierter Schnurrbart zu einem langen schwarzen Balken wächst. Doch wer um alles in der Welt ist Schnuckelchen? Partner Jörg, schlank und blond, Jahrgang 1976? Oder Wolfgangs B-Kadett, 41 Jahre alt und ebenfalls gut gebaut? Der Oldtimer- und Männerfreund scheint den Moment der Ungewissheit zu genießen, seine eisblauen Augen funkeln stechend wie die eines Huskys. Dann, endlich, sorgt der braun gebrannte Österreicher für Klarheit: "Gemeint ist unser Opel", sagt der 42-Jährige und fügt liebevoll hinzu: "Und ein Entchen haben wir auch noch, einen 88er Citroën 2 CV." Das Goldstück des Männerpaars aber ist ein 35 Jahre alter Mercedes 280 SE: 126.000 Kilometer gelaufen, Lenkradautomatik, 160 PS, chromblitzend. Zustand? Blendend. Denn vor jeder Ausfahrt "wienert" Jörg Feichtinger den W108 "auf", wie er die manchmal vier Stunden lange Prozedur nennt. "Ich benutzte nur Mikrofasertücher, echtes Leder und Hartwachs. Und für die Ritzen eine Zahnbüste", sagt der Bayer, der sich an diesem Tag für eine geschmackvolle mintgrüne Jacke aus glattem Leder entschieden hat.

Offen für alle Marken und Typen

Jörg und Wolfgang lieben sich – und ihren Benz, mit dem sie vor fast zwei Jahren vor das Standesamt gerollt sind. Hier wurden sie zu Mann und Mann. Die Eheleute sind zwei von rund 200 Mitgliedern der Motorboys, einem der größten Autoclubs für Schwule in Deutschland. "Wir sind offen für alle Marken, Typen und Modelljahre", sagt Vereinsboss Uli Lehmann.

Uli (35) liebt eine Frau: Emily. Sie thront auf seinem Rolls-Royce Silver Shadow II von 1979.

Ausgerechnet er als Clubchef steht auf eine Frau: Emily heißt sie und thront in Chrom erstarrt auf der Motorhaube seines Rolls-Royce Silver Shadow II von 1979. Mit ihren Autos haben die Motorboys einen Ausflug zum Ammersee bei München gemacht. Über das seidenmatte Wasserparkett tuckert ein kleines Fischerboot, die Dampfer am Ufer sind vor Monaten sanft in den Winterschlaf gedümpelt, die Alpen tragen einen Kragen, weiß und weich wie Watte. Jörg, Wolfgang, Hannes, Uli, Walter, Peter, Alexander und Jürgen sitzen mit ihren Latte Macchiato an einem Holztisch. "Gelegentlich tauschen wir unsere Autos", sagt Uli. Auch die Partner? Manchmal. "Ich kenne keine Homobeziehung, die monogam ist", sagt Wolfgang später. Das aber ist Privatsache, bei den Clubtreffen sind ganz klar Autos Thema Nummer eins. "Schwulsein ist nicht abendfüllend", sagt Clubchef Uli.

Autotausch? Gelegentlich. Männertausch? Ebenfalls

Die meisten Typen sind ebenso gepflegt wie deren Besitzer. Der VW 1600 von Peter Schmitt wirkt wie frisch aus dem Autohaus. Der 41-Jährige Taxiunternehmer aus München zieht eine Preisliste von 1972 hervor. Der Erstbesitzer, den er "Opa Kimmel" nennt, hat darauf mit Bleistift seine Extrawünsche festgehalten: Radio Emden für 334 Mark, rechter Außenspiegel (6,66 DM), Automatik zu 875 DM. "Bis auf Ledersitze hat der alles", sagt Peter, der genauso frisch riecht wie der Innenraum seines VW-Freundes. Dagegen ist die Beziehung zwischen Walter und seinem BMW 628 CSi nicht immer so harmonisch. "Wenn er bockt, bin ich auch mal sauer auf ihn", sagt der 28-Jährige, der voll auf BMW steht. Von seinem 6er wird er sich wohl nie trennen: "Er liegt mir trotz allem viel zu sehr am Herzen."

Elfentour und Handtaschenweitwurf

Abendstimmun am Ammersee: Etwa 90 Veranstaltungen besuchen die Motorboys jedes Jahr.

 Plötzlich stört eine Frau die Kaffeerunde. Eben noch hat sie am Nebentisch brav ihren Prosecco geschlürft, jetzt ist sie außer Rand und Band: "So viele hübsche junge Männer, Wahnsinn", kräht die Aufgekratzte aus dem Münchener Nobelviertel Schwabing. Als Uli Lehmann ihr einen Flyer mit der Aufschrift "Club für schwule Autofans" gibt, stößt die Schickeria-Dame einen schmerzhaft spitzen Schrei aus, ruft dann erschrocken: "Ist ja lustig!" Die Herrenrunde kichert höflich mit – schließlich haben Motorboys Stil und Humor. Vor zwei Jahren nannten sie eine der jährlich etwa 90 Club-Veranstaltungen und -Ausfahrten "Elfentour", kürzlich luden sie selbstironisch zum Handtaschenweitwurf.

"Wir sind in der Autoszene noch nie negativ empfangen worden", sagt Uli Lehmann. Am Rande eines Treffens hatten die schwulen Schrauber einmal Schirmmützen mit dem Clublogo im Angebot. "Weil das so schön ist, haben uns auch ahnungslose Heteros die Dinger aus den Händen gerissen", erzählt der Vereinschef. Stundenlang können solche Plaudereien dauern, es geht dann um heiße Italiener, feurige Franzosen oder stählerne Schweden. Über Männer aber sprechen sie in diesen Runden kaum.

Autor: Claudius Maintz

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