Elektro-Golf und Whisper

Elektro-Autos

— 30.12.2010

Die leise Revolution

AUTO BILD-Archiv-Artikel 24/1986: Sieht so die mobile Zukunft aus – Elektromotoren statt Verbrennungsmaschinen? Auto Bild war mit zweien der neuen stillen Stromer unterwegs: Elektro-Golf und Whisper.

Über Dänemarks Landstraßen: Der Flüster-Riese im Whisper. Voller Erwartung drehe ich den Zündschlüssel bis zum Anschlag. Und was passiert? Nichts, keinen Mucks. Als habe jemand den Anlasser geklaut. Dieselmotoren nageln, Achtzylinder blubbern, aber dieses seltsame Geschöpf gibt keinen Ton von sich. Ich starte ein zweites Mal. Zwecklos. Der Motor läuft längst, nur mitgeteilt hat er mir das nicht. Elektromotoren funktionieren lautlos. Nur die Räder rauschen leise über den Asphalt. Deshalb heißt mein stiller Transporteur auch Whisper. Zu deutsch: Geflüster. Ich trete auf das Gaspedal, und meine Flüstertüte rollt wie von Geisterhand geschoben über die einsamen Landstraßen im Norden Dänemarks los.

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Ich fahre spazieren. Es gibt keine Kupplung, keine Schaltung und (fast) keine Beschleunigung. Wer oder was soll da noch hetzen? Zwölf Batterien und ein Elektromotor, nicht größer als ein Handstaubsauger, sorgen für die Kraft, die für eine Strecke von hundert Kilometern reicht. Dann muss nachgetankt werden, zu Hause an der Steckdose. Einmal Volltanken kostet drei Mark. Für rund 16.000 Mark will der Hersteller, eine Computerfirma aus dem dänischen Hadsund, den Stadtflitzer (Höchstgeschwindigkeit: 80 km/h) ab Mitte 1987 weltweit anbieten. Der Gegenwert: Ein viersitziges Stadtwägelchen, das sich fährt wie ein ganz normaler Kleinwagen mit Automatikgetriebe.

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Durch Kassels Berufsverkehr: Elektro-Golf hält gut mit. Drei Uhr nachmittags und Kassels Straßen sind verstopft. Seit zwanzig Minuten schleiche ich durch die Innenstadt. Mit einem Auto, das seltener ist als ein Ferrari Testarossa und stolze 50.000 Mark teuer. Aber kein Mensch dreht sich nach uns um. Weil meine Rarität auf Rädern das Massenkleid des VW Golf trägt. Nur ein Fahrradfahrer traute seinen Ohren und seiner Nase nicht, als ich ihn überholte. Denn dieser Golf lärmt nicht und stinkt auch nicht. Der Drehzahlmesser zeigt Ampere statt Touren an, und das Bremspedal braucht einen kräftigen Tritt. Am Fuße der Kasseler Berge kommt der Leisetreter und Saubermann außer Atem.

Steigungen mögen Elektroautos überhaupt nicht. 16 Starter-Batterien und ein Elektromotor, der normalerweise einem Bagger Marke Caterpillar dient, führt der Golf des Batteriefabrikanten Hagen im Gepäck. Ihre Leistung: knapp 30 PS. Das reicht beim Elektro-Golf für 130 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine Reichweite von 50 bis 90 Kilometern – je nach Fahrweise. Der Clou: Wenn gebremst wird, speichert das System die Energie – ähnlich wie ein Dynamo. Eine Leuchtdiodenkette im Armaturenbrett zeigt an, wenn der Saft dennoch zu Ende geht. Zu Fuß gehen muss der Elektro-Pilot aber dann immer noch nicht. Er muss nur warten. Denn nach einer viertel bis halben Stunde hat sich die erschöpfte Batteriestaffel soweit erholt, dass die Fahrt bis zur nächsten Steckdose fortgesetzt werden kann.

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