Audi 80

Endstation Schrottplatz

— 15.02.2011

Zehn Jahre alt, 111.366 km, vier Besitzer...

AUTO BILD Archiv-Artikel 7/1987: ... dann traf den Audi 80 der Schlag. Was ein Audi 80 so alles in seinem kurzen Auto-Leben erlebte und ob die vier Vorbesitzer beim Verschrotten Tränen ließen, lesen Sie hier.

Achtzig Mark ist er noch wert", taxiert Mario Kiesow, Autoverwerter aus Norder­stedt, beim Anblick des Audi 80. Endstation eines Autole­bens, ohne Wiederbelebungs­versuche, kalt und nüchtern. Erstbesitzer Ernst Harries, 48, Steuerberater, zahlte vor zehn Jahren 13.879,46 Mark. Macht einen monatlichen Wertverlust von 113,11 Mark. Das ist die rechnerische Sei­te eines Autolebens. Aber da gibt es ja noch eine andere, die sentimentale. Schließlich hat der Audi 80 mit der Fahrgestell-Nummer 837 203 8444 vier ver­schiedene Halter gehabt.

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Ernst Harries beim Anblick des alten, rostigen Wagens: "Das war im Oktober 1976, ich war damals gerade frisch ver­heiratet. Meine Frau und ich sind an den sonnigen Wochen­enden oft durch die Stadt ge­fahren. Ich war so begeistert von dem Wagen. 75 PS, das war schon ein rasantes Fahrzeug, Spitze über 160." Nach vier Monaten, bei Kilometerstand 3881, das frühe Ende: "Ich musste unverhofft bremsen, mein Hintermann schlief und knallte in das Heck des Audi 80, Totalschaden." Ernst Harries kaufte sich einen neuen Audi. Eine kleine Kfz-Werkstatt kaufte den lädierten Audi und richtete das Heck wieder her.

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Der neue Eigentümer hieß Werner Soltwedel, ein 54jähriger Industriekaufmann. "Ich war mit meinem neuen Golf nicht zufrieden." Der Audi 80 passte besser. "Farbe und Größe des Viertürers gefielen uns, und alle Bekannten schwärmten vom 80er. Also kaufte ich ihn im Mai 1977." Mit Ehefrau und Sohn ging es in den Sommerferien in die Schweiz. Schluckte der Vierzy­linder bei Ernst Harries etwa 12 Liter Normalbenzin auf hundert Kilometer, so kam Werner Solt­wedel mit 9,5 Litern aus. "Und nach jeder gründlichen Wä­sche gab's eine Lage Wachs." Der Autoverwerter startet ein letztes Mal die Maschine. Solt­wedel überkommt "irgendwie ein komisches Gefühl".

Der Motor klingt noch wie immer

Nach nur einem Jahr bei den Soltwedels ereilte den Audi 80 erneut das Unfall-Schicksal: Wieder knallte ein Fahrzeug ins Heck. Und wieder nahm sich eine kleine Kfz-Werkstatt der nötigen Aufrüstarbeiten an, um den Wagen frisch lackiert im Mai 1978 an den Mann zu brin­gen. Joachim Witz, 45, kaufte den Wagen und fuhr ihn ein knappes Jahr. "Unproblema­tisch, genügsam und pflege­leicht." Die Inspektionsinter­valle, vom Werk alle 7500 Kilo­meter vorgegeben, hielt übri­gens keiner der Besitzer ein. Joachim Witz setzt sich noch einmal hinters Steuer: "Die Sonnenbrillenhalterung auf dem Armaturenbrett, die hat meine Frau damals noch aufge­klebt." Elf Monate später kaufte Matthias Bintig, 40-jähriger Triebwerks-Mechaniker, das Fahrzeug für seine Frau.

Zum letzten Mal hinterm Lenkrad

Ei­gentlich durch einen dummen Zufall, denn in der Zeitungsan­zeige stand ein jüngeres Bau­jahr: "Das schien uns ein gün­stiges Angebot zu sein." Der Druckfehler in der Zei­tung hielt die Eheleute Bintig aber nicht vom Kauf ab. Denn die geringe Laufleistung (30.000 km) und der Preis (7200 Mark) trösteten über den häufi­gen Besitzerwechsel hinweg. Margot Bintig fand in dem Audi 80 denn auch, was sie suchte: Zuverlässigkeit. "Das Auto hat mich in sieben Jahren nicht einmal im Stich gelas­sen." Als sie ihren treuen Die­ner nun in der Schrottpresse sah, wurden ihre Augen doch etwas feucht: "Irgendwann war das doch mal unser Stolz. Wir fuhren damit an Wochenenden an die Ostsee oder nach St. Peter-Ording an die Nordsee."Das Ende besiegelte der TÜV. Rostfraß an tragenden Teilen der Bodengruppe führte zum Todesurteil. Bei Kilometerstand 111.366 kam das end­gültige Aus: Nicht mehr ver­kehrssicher. Werner Soltwedel legte letzte Hand an. Er fin­gerte aus dem grünen Schrott­haufen den Kilometerzähler heraus, als "Andenken".

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