Faszination Schwimmauto

Faszination Schwimmauto

— 03.05.2011

Rot in Venedig

Wie wird man in einer der schönsten Städte der Welt ganz schnell zum Star? Ganz ein fach: mit einem roten Amphicar. Ein deutscher Schwimmwagen-Fan wagte das Unmögliche – und AUTO BILD fuhr mit.

Donnerstagmorgen, kurz nach Sonnenaufgang im Hafen von Venedig. Drei Männer umkreisen ein rotes Auto: Und das Ding soll schwimmen? Matteo zieht eine Augenbraue hoch. Sieht doch aus wie eine "macchina", also ein Auto. Hat schließlich vier Räder. Gut, das Design erinnert nicht grad an Pininfarina. Aber der Typ, dem es gehört, trägt ja auch nicht Dolce & Gabbana, sondern Matrosenhemd und Jeans. Matteo hockt sich hin und inspiziert die beiden Kunststoffschrauben unterm Heck: "It's a boat, si?" Nein, ein Amphicar von 1963. Eine Perle deutscher Ingenieurkunst, die vielleicht viel zu früh auf Eis gelegt worden ist. Erfunden von Hanns Trippel, der schon an den Schwimmwagen bastelte, als die Italiener noch im Ruderboot schwitzten.

Rot-Renner: Auf der Straße schafft das Amphicar 120 Sachen

Dieses Schwimmauto hier gehört Bernd Weise aus Berlin. Der Weise-Plan: Venedig statt Wannsee. Jawohl: Venedig! Mit dem Amphicar durch eine Stadt, in der es zwar Ampeln, aber keinen Asphalt gibt. Und jede Menge Wasserstraßen. Genau dafür braucht er Matteo. Der sagt: "Wie du willst. Ich setz dich rein, aber schwimmen musst du selbst." Dann geht alles ganz schnell. Kapitänsmütze auf, Abschleppseil an einer Öse unterhalb des Autos verknoten, Italien-Flagge am Positionslicht auf der hinteren Motorhaube hissen und Fender bereitlegen. Rettungsring? Ham wa nich. Egal, sooo tief ist der Canal Grande nun auch wieder nicht. Jetzt nur noch die Türen mit beiden Riegeln fest verschließen, Zündschlüssel drehen und auf den Anlasserknopf drücken. Der Motor beginnt zu flüstern, langsam rollt Weise auf das fünf Quadratmeter große Holzbrett. Ziemlich weit nach vorn, denn das Gewicht liegt hinten beim Motor.

Eine Perle deutscher Ingenieurkunst, die vielleicht viel zu früh auf Eis gelegt worden ist.

Vorsichtig hievt der Kran den 1050 Kilogramm schweren Schwimmwagen ins Wasser. Matteo hält den Atem an. Die Wellen schwappen hoch, lechzen erst nach den Reifen, dann nach der Tür. Doch welch Wunder, die extrafetten Gummidichtungen halten. Kein Wasser dringt durch die Ritzen. Der Wagen bleibt oben auf dem Wasser. Er schwimmt. Matteo schüttelt fassungslos den Kopf: So ein seltenes Stück deutscher Autogeschichte dem Salzwasser zum Fraß vorwerfen? Weise ist das nicht. Doch der fegt alle Bedenken von Bord: "Allet Irdische ist zum Verschleiß jedacht. Die Dinge sind da, umse zu benutzen." Sagt es und schiebt den Hebel im Fußraum nach vorn: volle Kraft voraus, Venedig ahoi! Lässig, ein Arm aus dem Fenster hängend, tuckert der Berliner mit seinem Auto-Boot dem milden Morgenlicht der Lagunenstadt entgegen.

Es herrscht Ausnahmezustand

Zu dieser Stunde gehört Venedig den Einheimischen. Eilig werden Blumen und Bier, Wäsche und Wein auf Schuten über die Wasserstraßen transportiert. Dazwischen die Vaporettos, vollgepackt mit Geschäftsleuten. Rushhour in Venedig. Und plötzlich: Weise mit dem feuerroten Wassermobil. Hektisch lassen die Anzugträger ihre Aktentasche fallen, kramen ihr iPhone heraus. Andere brüllen "Si, ciao, ciao" in ihr Telefon, um schnell auf die Fotofunktion umschalten zu können. Die Sonnenbrillen der obercoolen Gondoliere rutschen reihenweise auf die Nasenspitzen. Bäcker und Bauarbeiter winken, venezianische Wassertaxen und edle Holzmotorboote wenden geschwind – alles fürs perfekte Bild. Verdrehte Köpfe, klappende Kinnladen, Blitzlichtgewitter, egal wo Weise auftaucht. Es herrscht Ausnahmezustand auf dem Canal Grande. Angelina Jolie könnte vorbeistöckeln – keiner würde sie bemerken.

Zu viel Verkehr: Statt zwölf Kilometer Spitze schafft das Schiffchen nur vier

So hat Steuermann Weise alle Hände voll zu tun, den Gaffern auszuweichen. Nicht so leicht, da der Schwimmwagen nicht gerade ein Musterbeispiel an Manövrierfähigkeit ist. "Das Amphicar ist weder ein perfektes Auto noch ein perfektes Boot – die Kombination macht den Reiz aus", erläutert Weise. Und schwärmt: "Ick kann, wenn ick uf 'ne Sandbank fahre, den ersten Jang einlejen und runterrollen." Aha. Oje: Statt der Spitzengeschwindigkeit von zwölf Kilometern die Stunde schafft das Schiffchen nur vier – zu viel Verkehr. Doch die Gischt spritzt trotzdem bedrohlich hoch ans Heck. Gefahr für den 38 PS starken Vierzylinder, ausgeliehen vom Triumph Herald? Weise winkt ab: Die Heckflossen des Amphicar sind nicht nur schick, sondern wirken auch wie Wellenbrecher und schützen den Motor vor überschwappendem Wasser.

Zwischenstopp: Der Kellner vom Luxushotel Gritti Palace bringt zwei Espressi ans Auto.

Der Berliner nimmt Kurs auf die Rialto-Brücke. Backbord taucht der berühmte Palazzo Vendramin Calergi auf, in dem Richard Wagner starb und sich heute das Casino befindet. Auf der Hotelterrasse gleich dahinter fällt einer Donna mit pompösem Hut beim Anblick des Amphis das Marmeladenbrötchen aus der Hand. Dann die Rialto-Brücke. Dutzende von Touristen winken und fotografieren, als feierten sie die Wiederauferstehung von Startenor Luciano Pavarotti. Den deutschen Schiffsführer wühlt das alles nicht auf, jedenfalls zeigt er es nicht. Vielmehr interessiert er sich dafür, wo die (Fiat-)Familie Agnelli wohnt: Aaah, der Palazzo Grassi? Wollen wir da mal kurz anlegen? Nein, die Agnellis leben seit fünf Jahren woanders. Schade. Immerhin treffen wir Fabio Zani, den schnellsten Gondoliere von Venedig. Wettrennen gefällig? Das Vorhaben endet schnell beim Dogenpalast am Markusplatz. Dort, wo die Gondeln massenhaft japanische Fahrgäste tragen.

Das Amphicar verfügt weder über Ruder noch Außenborder

Der Wendekreis von bis zu 35 Metern macht das Einparken zwischen die eng gesetzten Pfähle zum Risikomanöver.

Doch huiii, das Anlegemanöver geht schief. Denn das Amphicar verfügt weder über Ruder noch Außenborder. Kapitän Weise kann nur mit den Vorderrädern steuern, und der Wendekreis von bis zu 35 Metern macht das Einparken zwischen die eng gesetzten Pfähle zum Risikomanöver. Rummms – das war das rechte Rücklicht. Schaden: 30 Euro. Kein Problem: "Det hamwa im Klub noch vorrätig." Auch der frische Abdruck eines Holzstumpfes in der Fahrertür stört den Venedig-Skipper nicht wirklich – warum über so was ärgern, wenn man soeben die Stadt Venedig mit dem Amphicar erobert hat?! Und das sogar mit dem Segen der Polizei: Führerschein, Motorbootschein, Fahrgenehmigung vom Hafenamt, ausnahmsweise ausgestellt für AUTO BILD. Bellissimo! Diese etwas andere Stadtrundfahrt ist total legal. Und was ist mit dem demolierten Auto, äh, Boot? "Det wollte ick eh jründlich überholen." Sagt's und fährt davon. Das Amphicar-Tempo macht gelassen. Oder liegt es doch an Venedig?
Technische Daten Amphicar 770
Motor englischer Triumph
Bauzeit 1961 bis 1965
PS bei U/min 38 bei 4750
Vmax im Wasser 12 km/h
Vollgas-Verbrauch 50 l S/100 km
L/B/H 4330/1565/1520 mm
Gewicht 1050 Kilogramm
Stückzahl heutiger Bestand ca. 200
Wert: 10.000 bis 40.000 Euro
Technische Daten Gondel
Motor singender Italiener
Bauzeit ab 11. Jahrhundert
Vmax im Wasser 10,5 km/h
Vollgas-Verbrauch 14 Kilo/100 km
Gewicht 350 Kilogramm
Stückzahl etwa 500
Wert rund 25.000 Euro

Die Geschichte des Amphicar

Zwei Männer machten das Amphicar möglich: der Schwimmwagen-Pionier Hanns Trippel (1908–2001) und der Industrielle Harald Quandt (1921–1967). 1961 ließ Quandt die Amphicar-Produktion in Berlin anlaufen, aber die geplanten 25.000 Exemplare blieben Utopie: Der Schwimmwagen war teuer (10.500 DM) und anfällig – bereits nach fünf Stunden im Wasser musste er abgeschmiert werden. Zudem gab es kein reguläres Kundendienstnetz, vor Salzwasser-Fahrten wurde offiziell gewarnt. Exakte Bauzeit und Stückzahl verlieren sich in der Geschichte: Experten sprechen von 2500 bis 3000 Exemplaren und einem Produktionsende im Jahr 1965.

Auch andere Autos können schwimmen

Abgefahren: Das Einzelstück sQuba von Rinspeed kann sogar abtauchen.

Seit 1899 versuchten sich Konstrukteure immer wieder am Traum vom Schwimmwagen. Der Däne Magrelen machte den Anfang, allerdings ist nicht überliefert, ob er seine kühnen Pläne zum Auto werden ließ. Ferdinand Porsches Typ 166 schrieb Kriegsgeschichte, das Amphicar floppte wie später der in Kehl am Rhein gebaute Amphi Ranger. Jüngstes Wasser-Geschöpf auf vier Rädern: das Einzelstück sQuba der Schweizer Kreativschmiede Rinspeed. Es kann nicht nur schwimmen, sondern sogar tauchen ...

Autor: Daniela Pemöller

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