Faszination Schwimmauto — 03.05.2011
Rot in Venedig
Wie wird man in einer der schönsten Städte der Welt ganz schnell zum Star? Ganz ein fach: mit einem roten Amphicar. Ein deutscher Schwimmwagen-Fan wagte das Unmögliche – und AUTO BILD fuhr mit.
Rot-Renner: Auf der Straße schafft das Amphicar 120 Sachen
Dieses Schwimmauto hier gehört Bernd Weise aus Berlin. Der Weise-Plan: Venedig statt Wannsee. Jawohl: Venedig! Mit dem Amphicar durch eine Stadt, in der es zwar Ampeln, aber keinen Asphalt gibt. Und jede Menge Wasserstraßen. Genau dafür braucht er Matteo. Der sagt: "Wie du willst. Ich setz dich rein, aber schwimmen musst du selbst." Dann geht alles ganz schnell. Kapitänsmütze auf, Abschleppseil an einer Öse unterhalb des Autos verknoten, Italien-Flagge am Positionslicht auf der hinteren Motorhaube hissen und Fender bereitlegen. Rettungsring? Ham wa nich. Egal, sooo tief ist der Canal Grande nun auch wieder nicht. Jetzt nur noch die Türen mit beiden Riegeln fest verschließen, Zündschlüssel drehen und auf den Anlasserknopf drücken. Der Motor beginnt zu flüstern, langsam rollt Weise auf das fünf Quadratmeter große Holzbrett. Ziemlich weit nach vorn, denn das Gewicht liegt hinten beim Motor.Vorsichtig hievt der Kran den 1050 Kilogramm schweren Schwimmwagen ins Wasser. Matteo hält den Atem an. Die Wellen schwappen hoch, lechzen erst nach den Reifen, dann nach der Tür. Doch welch Wunder, die extrafetten Gummidichtungen halten. Kein Wasser dringt durch die Ritzen. Der Wagen bleibt oben auf dem Wasser. Er schwimmt. Matteo schüttelt fassungslos den Kopf: So ein seltenes Stück deutscher Autogeschichte dem Salzwasser zum Fraß vorwerfen? Weise ist das nicht. Doch der fegt alle Bedenken von Bord: "Allet Irdische ist zum Verschleiß jedacht. Die Dinge sind da, umse zu benutzen." Sagt es und schiebt den Hebel im Fußraum nach vorn: volle Kraft voraus, Venedig ahoi! Lässig, ein Arm aus dem Fenster hängend, tuckert der Berliner mit seinem Auto-Boot dem milden Morgenlicht der Lagunenstadt entgegen.
Es herrscht Ausnahmezustand
Zu dieser Stunde gehört Venedig den Einheimischen. Eilig werden Blumen und Bier, Wäsche und Wein auf Schuten über die Wasserstraßen transportiert. Dazwischen die Vaporettos, vollgepackt mit Geschäftsleuten. Rushhour in Venedig. Und plötzlich: Weise mit dem feuerroten Wassermobil. Hektisch lassen die Anzugträger ihre Aktentasche fallen, kramen ihr iPhone heraus. Andere brüllen "Si, ciao, ciao" in ihr Telefon, um schnell auf die Fotofunktion umschalten zu können. Die Sonnenbrillen der obercoolen Gondoliere rutschen reihenweise auf die Nasenspitzen. Bäcker und Bauarbeiter winken, venezianische Wassertaxen und edle Holzmotorboote wenden geschwind – alles fürs perfekte Bild. Verdrehte Köpfe, klappende Kinnladen, Blitzlichtgewitter, egal wo Weise auftaucht. Es herrscht Ausnahmezustand auf dem Canal Grande. Angelina Jolie könnte vorbeistöckeln – keiner würde sie bemerken.
Zu viel Verkehr: Statt zwölf Kilometer Spitze schafft das Schiffchen nur vier
So hat Steuermann Weise alle Hände voll zu tun, den Gaffern auszuweichen. Nicht so leicht, da der Schwimmwagen nicht gerade ein Musterbeispiel an Manövrierfähigkeit ist. "Das Amphicar ist weder ein perfektes Auto noch ein perfektes Boot – die Kombination macht den Reiz aus", erläutert Weise. Und schwärmt: "Ick kann, wenn ick uf 'ne Sandbank fahre, den ersten Jang einlejen und runterrollen." Aha. Oje: Statt der Spitzengeschwindigkeit von zwölf Kilometern die Stunde schafft das Schiffchen nur vier – zu viel Verkehr. Doch die Gischt spritzt trotzdem bedrohlich hoch ans Heck. Gefahr für den 38 PS starken Vierzylinder, ausgeliehen vom Triumph Herald? Weise winkt ab: Die Heckflossen des Amphicar sind nicht nur schick, sondern wirken auch wie Wellenbrecher und schützen den Motor vor überschwappendem Wasser.Der Berliner nimmt Kurs auf die Rialto-Brücke. Backbord taucht der berühmte Palazzo Vendramin Calergi auf, in dem Richard Wagner starb und sich heute das Casino befindet. Auf der Hotelterrasse gleich dahinter fällt einer Donna mit pompösem Hut beim Anblick des Amphis das Marmeladenbrötchen aus der Hand. Dann die Rialto-Brücke. Dutzende von Touristen winken und fotografieren, als feierten sie die Wiederauferstehung von Startenor Luciano Pavarotti. Den deutschen Schiffsführer wühlt das alles nicht auf, jedenfalls zeigt er es nicht. Vielmehr interessiert er sich dafür, wo die (Fiat-)Familie Agnelli wohnt: Aaah, der Palazzo Grassi? Wollen wir da mal kurz anlegen? Nein, die Agnellis leben seit fünf Jahren woanders. Schade. Immerhin treffen wir Fabio Zani, den schnellsten Gondoliere von Venedig. Wettrennen gefällig? Das Vorhaben endet schnell beim Dogenpalast am Markusplatz. Dort, wo die Gondeln massenhaft japanische Fahrgäste tragen.
Das Amphicar verfügt weder über Ruder noch Außenborder
| Technische Daten Amphicar 770 | |
|---|---|
| Motor | englischer Triumph |
| Bauzeit | 1961 bis 1965 |
| PS bei U/min | 38 bei 4750 |
| Vmax im Wasser | 12 km/h |
| Vollgas-Verbrauch | 50 l S/100 km |
| L/B/H | 4330/1565/1520 mm |
| Gewicht | 1050 Kilogramm |
| Stückzahl | heutiger Bestand ca. 200 |
| Wert: | 10.000 bis 40.000 Euro |
| Technische Daten Gondel | |
|---|---|
| Motor | singender Italiener |
| Bauzeit | ab 11. Jahrhundert |
| Vmax im Wasser | 10,5 km/h |
| Vollgas-Verbrauch | 14 Kilo/100 km |
| Gewicht | 350 Kilogramm |
| Stückzahl | etwa 500 |
| Wert | rund 25.000 Euro |
Die Geschichte des Amphicar
Zwei Männer machten das Amphicar möglich: der Schwimmwagen-Pionier Hanns Trippel (1908–2001) und der Industrielle Harald Quandt (1921–1967). 1961 ließ Quandt die Amphicar-Produktion in Berlin anlaufen, aber die geplanten 25.000 Exemplare blieben Utopie: Der Schwimmwagen war teuer (10.500 DM) und anfällig – bereits nach fünf Stunden im Wasser musste er abgeschmiert werden. Zudem gab es kein reguläres Kundendienstnetz, vor Salzwasser-Fahrten wurde offiziell gewarnt. Exakte Bauzeit und Stückzahl verlieren sich in der Geschichte: Experten sprechen von 2500 bis 3000 Exemplaren und einem Produktionsende im Jahr 1965.Auch andere Autos können schwimmen
Seit 1899 versuchten sich Konstrukteure immer wieder am Traum vom Schwimmwagen. Der Däne Magrelen machte den Anfang, allerdings ist nicht überliefert, ob er seine kühnen Pläne zum Auto werden ließ. Ferdinand Porsches Typ 166 schrieb Kriegsgeschichte, das Amphicar floppte wie später der in Kehl am Rhein gebaute Amphi Ranger. Jüngstes Wasser-Geschöpf auf vier Rädern: das Einzelstück sQuba der Schweizer Kreativschmiede Rinspeed. Es kann nicht nur schwimmen, sondern sogar tauchen ...Kommentar verfassen
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Kommentare zum Artikel (1)
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Herzlichen Glückwunsch zur Motivwahl und der wohl einmaligen Location in der das Amphicar so wohl exponiert zur Geltung kommt. Der Bericht ist einmalig. Der Reportstil dito.
Weiter so..