Feuerrotes Spielmobil: Rückkehr, Teil 1

Opel Blitz: Das feuerrote Spielmobil Opel Blitz: Das feuerrote Spielmobil

Feuerrotes Spielmobil: Rückkehr, Teil 1

— 08.05.2009

Eine Legende kehrt heim

In den 70ern und 80ern kannte dieses Auto jedes Kind: das feuerrote Spielmobil, TV-Kultkiste aus der gleichnamigen Kinderserie. Jahrzehntelang war das Original verschollen, jetzt ist der Opel Blitz zurück!

Von 1972 und 1981 bewegte ein Auto die Nation: das feuerrote Spielmobil. Jedes Kind kannte den knallroten Opel Blitz aus der gleichnamigen Kinderserie, ausgestrahlt in der ARD, produziert vom Bayrischen Rundfunk (BR). Als die Sendung abgesetzt wurde, verschwand auch der Star des Kinderfernsehens. Jahrzehntelang galt das Kultmobil als verschollen, jetzt ist es zurück in Deutschland. AUTO BILD hatte den Opel Blitz aufgespürt! In Otjiwarongo, einer 22.000-Einwohner-Stadt in Namibia. Der mehrfach umlackierte Bus wurde dort von dem österreichischen Auswanderer Walter Marko gefahren – und unter anderem für Karnevalstouren eingesetzt. Gemeinsam mit Opel und dem BR hat AUTO BILD die Verschiffung nach Hamburg organisiert. In den kommenden Monaten wird das feuerrote Spielmobil verschiedene Auftritte haben. Unter anderem geht es im Sommer 2009 bei der 2. AUTO BILD-Rallye Hamburg–Berlin-Klassik an den Start. Wie es dem Liebling aller Kinder in Afrika erging, hat AUTO BILD-Autor Hauke Schrieber vor Ort herausgefunden.

Aus der ARD nach Namibia: Auf den Spuren des feuerroten Spielmobils

Zurück in Deutschland: Der Opel Blitz von 1962 kommt im Hamburger Hafen an.

Walter Marko, in der Hand eine Dose Bier, auf dem Kopf eine blau-rote Narrenkappe, steht an der Ecke Hage Geingob und Bahnhof Street und wartet. Der Himmel ist wolkenlos, die Luft ist mild. Langsam rollt ein Auto um die Ecke, feuerrot. Kinder stehen auf dem Dach und werfen mit Bonbons. Das Autoradio spielt ein Kinderlied, und Walter Marko singt leise mit: "Kri-Kra-Krokodil, wir fahren mit dem Spielmobil." Lachend dreht er sich um und sagt: "Wundervoll, nicht wahr?" Andere Kinder, die Haut schwarz, die Augen strahlend weiß, fangen Kamelle. Sie lachen, sie stecken sich die Süßigkeiten in den Mund und das Autoradio spielt: "Pi-Pa-Pelikan, Spielmobil geht ran."

Ri-Ra-Regenwurm, Spielmobil fährt auch bei Sturm

Es ist Karneval in Otjiwarongo, im Norden von Namibia. Und das feuerrote Spielmobil, Fernsehheld von Millionen deutscher Kinder in den 70er-Jahren, fährt und feiert mit. Dieses Auto ist nicht der Nachbau irgendeines Nostalgikers. Dieses Auto ist das Original. Auf ein Blechschild gehämmert und im Motorraum verschraubt – die Inventarnummer vom BR, dem Bayerischen Rundfunk: 246. Walter Marko (56) hat das Spielmobil gerettet, gepflegt, gefahren. Jetzt nickt er zufrieden, nimmt einen kräftigen Schluck Windhuk Lager und steigt auf den Wagen. "Otji helau", singen die Narren auf dem Karnevalszug. Das feuerrote Spielmobil reiht sich ein. Die Schwarzafrikaner am Straßenrand sehen dem Bus mit einer Mischung aus Belustigung und Fassungslosigkeit zu. Sie hören dieses merkwürdige Lied, und sie fragen sich, was zum Teufel "Ri-Ra-Regenwurm, Spielmobil fährt auch bei Sturm" nun wieder zu bedeuten hat.

Wer heute in Deutschland um die 40 Jahre alt ist, der kennt diese Melodie wahrscheinlich ganz genau. Zwischen 1972 und 1981 war "Das feuerrote Spielmobil" die beliebteste deutsche Kindersendung. Die Geschichten teils spleenig, teils rührend erzählt, aber immer bedächtig genug, um Vorschüler nicht zu überfordern. Kinder-TV aus einer Zeit vor Teletubbies, vor Spongebob und vor Bernd, dem Brot. Drei Jahre nach der Ausstrahlung der letzten Folge fährt der Opel Blitz, Baujahr 1962, von Leibnitz in Österreich nach Bremerhaven. Es ist 1984, als sich Walter Marko entschließt, entgültig nach Südwestafrika auszuwandern. Der Kfz-Meister hatte schon von 1973 bis 1977 in der ehemaligen deutschen Kolonie gelebt, dort geheiratet, war zurückgekehrt nach Österreich. Und bekam Heimweh nach Otjiwarongo, kurz Otji genannt, der 22.000-Einwohner-Stadt auf halben Wege zwischen Windhuk und Angola.

1984 findet das feuerrote Spielmobil eine neue Heimat in Otjiwarongo

Seit 1984 das Zuhause des Spielmobils: Otjiwarongo, eine 22.000-Einwohner Stadt im Norden von Namibia.

Sein Hab und Gut packt Walter Marko in Leibnitz in diesen roten Opel Blitz, den er seinem Bruder abkauft. Der BR gibt das Auto bereits 1980 an eine Mitarbeiterin namens Lydia Pabst weiter, die damit ihren Umzug nach Österreich organisiert. Der zuständige Zollbeamte ist Walter Markos Vater. Sein Bruder kauft Pabst das Auto ab, will es zu einem Wohnmobil umbauen. Er vergisst die Sache. Vier Jahre steht das feuerrote Spielmobil in der Garage der Markos. Dann bricht Walter Marko für immer nach Namibia auf. Er zahlt seinem Bruder für den Bus 35.000 Schilling, umgerechnet etwa 2500 Euro, und packt seine Siebensachen. "Der Wagen war halb voll, mehr hatte ich nicht." Er fährt das Auto zum Hafen, setzt sich ins Flugzeug, nimmt den Opel ein paar Wochen später in Kapstadt wieder in Empfang und fährt 2000 Kilometer Richtung Norden. Ein Stück deutsches Kulturgut scheint für immer verschollen ...

Kaffeebraun und feuerrot: Kinder aus Otjiwarongo haben einen Riesen-Spaß am Spielmobil.

Walter Marko steht auf der "Beobachtungs- und Aufnahmeplattform", die am 9. März 1972 in den Kfz-Brief eingetragen wird, und blickt über die Steppe. Es ist Winter 2008 in Namibia, Juli, die Nächte sind kalt, die Tage von einer wunderbar trockenen Wärme. Marko wartet auf Springböcke, auf ein Gnu, vielleicht sogar eine Giraffe. Aber das Feuerrot des Autos scheint die Tiere abzuschrecken. "Schaut euch das an. Wie kann man hier je wieder wegwollen, frage ich euch." Langsam rollt das feuerrote Spielmobil durch das kniehohe gelbe Gras, unter Schirmakazien hindurch, und als der Wagen auf die asphaltierte Bundesstraße fährt, gibt Marko Gas und sagt stolz: "Der klingt doch wie neu. Schnurrt wie eine Nähmaschine." Die Zylinderkopfdichtung habe er gemacht. Und neue Reifen kamen gerade aus Europa im Container an. Das ist alles. Der erste Motor, die original Bremsanlage. Auf dem Tacho stehen 217.978 Kilometer. Okay, der Blitz bekommt regelmäßig neues Öl. Und eine Radkappe ist weggekommen. Aber auch innen: bis auf das Radio, die Sitzbezüge und die Kork-Isolation hinten — alles original. Und das, obwohl Walter Marko nie auch nur eine Idee davon hatte, welche Bedeutung dieses Auto im fernen Deutschland haben könnte.

Mehr davon?! Im zweiten Teil der Geschichte erfahren Sie, warum das feuerrote Spielmobil jedes Jahr umlackiert wurde. Und wie der Opel Blitz das Herz aller Kinder in Otji eroberte.

Rückblick: Die Sendung mit dem Bus

Viel bunte Kinderunterhaltung bot das feuerrote Spielmobil zwischen 1972 und 1981 in der ARD.

Die Idee hatte Harald Hohenacker. Als der Deutschlehrer aus Bairawies Mitte der 60er-Jahre zum Bayerischen Rundfunk (BR) wechselte, sollte er dort ein Kinderprogramm ins Leben rufen. "Hohenacker wetterte von Anfang an gegen die amerikanische Sesamstraße und wollte ein weniger kommerzielles Programm entgegensetzen", erinnert sich der ehemalige Spielmobil-Redaktionsleiter Dr. Walter Flemmer (71). So erfand Hohenacker das feuerrote Spielmobil, die erste deutsche Sendung für Vorschulkinder. Der Pädagoge wollte mit seiner Sendung quer durch die Lande ziehen und zu den Menschen nach Hause kommen, als es noch lange kein Internet gab. Also dachte er sich den zu einem Kamerawagen umgebauten Opel Blitz im wahrsten Sinne als Vehikel für seine Idee aus. Die Stoffhunde Wuff und Biff, deren Texte Hohenackers Frau Dorothea schrieb, sowie die Trickfigur Wumi kommentierten die Beiträge.

Am 14. Mai 1972 wurde die erste Sendung mit dem Bus ausgestrahlt. Im selben Jahr wurde Harald Hohenacker mit der Goldenen Kamera der Zeitschrift HÖRZU ausgezeichnet. Viele Schauspieler begannen ihre Karriere in der Kindersendung, darunter Jörg Hube, der das Spielmobil fuhr, und Josef Schwarz, der die Hauptrolle, den Junggesellen Josch, spielte. "Und ob ich mich noch an das Spielmobil erinnere, ich war ja schließlich in fast allen der 184 Folgen dabei", so Schwarz (69) , der noch immer mit seiner Kunst durch die Lande zieht – im "Theater im Bus", Deutschlands einzigem rollenden Theater. "Nicht zu fassen, dass es das Original-Spielmobil noch gibt." Am 12. Juli 1981 wurde die letzte Folge des feuerroten Spielmobils gesendet, Hohenacker verstarb 2005.

Autor: Hauke Schrieber

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