Fiat 124 Spider — 01.03.2011
Der Ami für Italien-Fans
Klar, der offene Fiat 124 Spider lief bei Pininfarina in Turin vom Band. Doch 85 Prozent gingen in die USA. Viele kamen zurück, als Roadster und Dollar billig waren – das hält heute noch die Preise klein.
| Weitere Klassiker für 7000 Euro | |
|---|---|
| Jeep Cherokee XJ | Mercedes 220 /8 |
| Saab 96 V4 | VW 1600 L Typ 3 |
Ein Italiener mit Ecken und Kanten: Fiat 130 Coupe
Die Liebe kühlte erst ab, als europäische Sportwagen wegen des Dollarkurses unattraktiv wurden und auf jedem Gebrauchtwagen-Kiesplatz südlich der Mason-Dixon-Linie (traditionelle Grenze zwischen den Nord- und Südstaaten der USA) mindestens drei Spider vor sich hin gammelten. Da waren wir in Europa fast schon wieder so weit, das kleine, billige Cabrio wiederzuentdecken. Doch halt, so weit sind wir noch nicht. Erst so um 1982 verlor Fiat die Lust am Spider. Man überließ ihn Pininfarina. Fortan hieß er Spidereuropa und Spider Azzura (in den USA), doch er stand immer noch in der offiziellen Fiat-Preisliste. Muss man nicht verstehen. Zu Beginn des Modelljahrgangs 1986 führte das Fiat-Angebot drei verschiedene Cabrio-Modellreihen, von denen keine einzige Fiat hieß: den Ritmo unter dem Namen Bertone Super Cabrio, den X1/9 als Bertone X1/9 und den 124 als Pininfarina Spidereuropa. Kein Wunder, dass nicht viele deutsche Käufer diese Autos begehrten. Zumal sie nicht billig waren: Als Preiswertester kostete ein X1/9 rund 25.000 Mark.
Kantiger Frischluft-Fiat: Fiat X1/9
So offensichtlich ungeliebt, geriet der 124 Spider bei Fiat in Vergessenheit. Ab 1985 nicht mehr gebaut, wurden 1986 nur noch die Restbestände verscherbelt. Damit lag man in Turin genau richtig, um den mit dem Mazda MX-5 einsetzenden Roadster-Boom zu verschlafen. Der Schock dauerte bei Fiat bis 1995, dann kam die Barchetta. So lange wollten wir hierzulande nicht warten. Wir versorgten uns auf den Secondhand-Höfen von Phoenix, San Diego oder Austin mit runtergerittenen 124ern und brachten sie mit wie ein etwas unhandliches Souvenir. Wer heute im Spider unterwegs ist, kann jeden verstehen, der damals mit Blick auf die niedrigen Dollarkurse kurz entschlossen die Traveller-Schecks über den Tresen schob. Es sitzt sich gut hinter dem etwas flachen Lenkrad, den Blick über die beiden Blechbuckel auf die Straße gerichtet, die Hände am Holzlenkrad, den Gasfuß in Wartestellung.
Mehr Power gibt es im Volumex
Das Temperament ist nach heutigen Maßstäben eher zurückhaltend, selbst die europäische Kat-Version mit 105 PS ist kein Renner. Wer mehr Power will, muss sich einen der ebenso teuren wie seltenen und anfälligen Spider Volumex mit 135 Kompressor-PS greifen. Dafür sollte er aber mindestens den Gegenwert von zwei neuen Dacia Sandero bereithalten. Auf das Tempo kommt es beim Offenfahren bekanntlich gar nicht an. Frischluft strömt reichlich über den zierlichen Scheibenrahmen. Wenn die Fenster versenkt sind, weht sie bereits ab Tempo 80 mit Orkanstärke ins Cockpit. Die dicken Stoßstangen, früher abschätzig Wasserrohre genannt, stören beim Fahren nicht. Dafür hört man den röhrenden Vierzylinder, sieht die zuckenden Nadeln in den sechs Rundinstrumenten und spürt die Straße unter den Rädern. Und fragt sich, wie wir ihn damals nur vergessen konnten.
Historie
Wir wissen nicht, welcher Wendung des Schicksals wir es zu verdanken haben, dass die für 1966 geplante neue Fiat-Mittelklassefamilie nicht wie ursprünglich geplant eine Frontantriebsplattform erhält. Der Fiat 124 kommt jedenfalls mit Hinterradantrieb, der fertig entwickelte Fronttriebler mutiert zum Autobianchi 111. Im selben Jahr wird auf dem Turiner Salon die Spider-Version des 124 gezeigt, zuerst mit einem 1,4-Liter-Vierzylinder, der es auf 90 PS bringt. 1970 kommt ein 1,6-Liter mit 110 PS dazu, die Konkurrenz von Alfa hatte mit dem 1750 vorgelegt. Ab 1972 fährt Fiat mit einem von Abarth getunten und gebauten 124 Spider mit Hardtop und 128 PS sehr erfolgreich bei Rallyes mit. Die Serienversion erhält einen 1,8-Liter mit 118 PS. Ab 1974 wird der Spider nur noch in den USA angeboten, wegen der Zulassungsbestimmungen mit den unschönen Bumpern und schwächlichen Motoren. 1978 hält der Zweilitermotor Einzug, das Auto heißt 2000 Spider. Ab 1982 wird der 124 als Pininfarina Spidereuropa und Spider Azzura vermarktet. Insgesamt werden bis 1985 rund 198 000 Autos gebaut.Technische Daten
Plus/Minus
Robuste Technik, anfällige Karosserie – auf diese für so viele Klassiker zutreffende Kurzformel lässt sich der 124 Spider ebenfalls reduzieren. Die Antriebstechnik ist wohlerprobte Fiat-Massenware, die auch in den Mittelklasse-Baureihen 124 und 131 zum Einsatz kam. Das gilt im Übrigen für alle Versionen des Spider, vom frühen 1,4-Liter bis zum Zweiliter-Spidereuropa. Eine Sonderrolle nehmen natürlich die seltenen und teuren Abarth- und Volumex-Modelle ein. Zudem haben viele auf dem deutschen Markt angebotenen Spider eine US-Vergangenheit. Verbastelte Elektrik, nicht originale Anbauteile und dilettantische Karosserie-Reparaturen sind eher die Regel als die Ausnahme. Besonders gern rosten die 124er im Spritzbereich der Räder, an den Schwellern, Aufnahmen der Radaufhängung, der Reserveradwanne, in den Endspitzen und am Scheibenrahmen. Eine Spider-Spezialität sind zudem hängende, nicht gut passende Türen.Ersatzteile
Da fast alles am und im Spider aus dem Fiat-Baukasten stammt, sind Ersatz- und Verschleißteile lieferbar. Eine große Zahl von Spezialisten kümmert sich um Teileversorgung, Pflege und Reparatur. Ebenso gibt es ein unüberschaubar großes Angebot an Zubehör und nicht originalen Anbauteilen, wie Kat-Nachrüstsätzen, Lenkrädern, Lederausstattungen, Fahrwerken, Alurädern, Verdeckstoffen und dergleichen mehr.Marktlage
Empfehlung
Der 105 PS starke Spidereuropa ist das empfehlenswerteste Mitglied der großen 124-Spider-Sippschaft. Die frühen Chrom-Modelle sind kaum zu finden, teuer und fragil, die US-Rückkehrer der 70er oft von der Sonne ausgeglüht und von amerikanischen Autofahrern zermürbt. Für den großen Geldbeutel ist der 124 Abarth ein Geheimtipp: ein Fiat mit dem Preis und der Exklusivität eines Ferrari. Daumen hoch!Anzeige





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