Für die Stadt

Fiat 126 Fiat 126 Fiat 126

Fiat 126

— 26.07.2013

Ganz groß in der Stadt

Zum Shoppen in die City? Klar, im Bus, zu Fuß oder mit dem Rad. Aber wo bleibt denn da der Spaß? Und wohin mit den Einkäufen? Die Antwort: Fiat 126. Der passt immer perfekt.

Wo ist er hin? Wird er einfach nur übersehen, weil er so klein, so flink und wuselig ist? Und wenn er nicht in heiklen Großstadtlagen zu Hause ist, in Hamburg-Eimsbüttel, Berlin-Mitte, Frankfurt-Nordend, München-Sendling, in seinen natürlichen Lebensräumen, wo die Evolution die Kleinsten begünstigt ... wo ist der Fiat 126 dann geblieben? Kann ein Auto, das in fast 30 Jahren rund 3,6 Millionen Mal gebaut wurde, einfach so unbemerkt verschwinden?

Ein Frauentyp war er immer, der Fiat 126. Mit 23 PS und Autoscooter-Handling bricht er aber auch Männerherzen.

©G. v. Sternenfels

Sooo klein ist er ja nun auch wieder nicht. Als direkte Weiterentwicklung des Cinquecento repräsentiert der Fiat 126 im Wortsinn die Quadratur des Kreises. Wo der 500 in seiner organischen Formensprache der 50er-Jahre noch einige Zentimeter bei Kofferraum und Kopffreiheit wegschenkt, holt der konsequent eckige 126 das Maximum aus dem alten Kleinwagen-Konzept mit Heckmotor und Heckantrieb heraus: vier Sitzplätze auf nur 3,07 Meter Länge, flacher Kofferraum vorn (100 Liter groß, mancher SUV-Benzintank ist heute größer), aber ausreichend Platz für Gepäck im Fond, wenn nur zwei Passagiere an Bord sind und die Rücklehne umgelegt wird. Ein Ruck am Seilzugstarter zwischen den Sitzen, und der Zweizylinder hämmert fröhlich los. Der erste Gang ist, tatsächlich, unsynchronisiert, aber schnell schalten fällt leicht. Vollgetankt wiegt der Winzling 580 Kilo, da können 23 PS aus 594 ccm viel Spaß bereiten. Wer ein, zwei Stunden lachend im herzigen Fiat 126 durch die City gebrummt ist, hinterfragt den Sinn eines Smart oder Toyota iQ. Was können die besser? Der Smart hat nur zwei Sitze, ein Toyota kostet im direkten Vergleich ein Vermögen. Ein Fiat 126, zwar noch eine Klasse unter den Kleinwagen rangierend, aber doch ein echtes Auto, passt einfach immer. In jede Lücke, durch schmalste Passagen. Wäre es erlaubt, würde er nicht einmal auf dem Fahrradweg störend auffallen.

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Schmalste Lücken sind noch zu breit. "Senfgelb" zählt zu den munteren Farben der Frühzeit.

©G. v. Sternenfels

Seine 80 km/h Wohlfühl-Spitze sind völlig ausreichend, noch mit Tempo 75 lässt es sich rechtwinklig abbiegen, und der Wendekreis von nur acht Metern definiert Reaktionsvermögen völlig neu. Mit einem Fiat 126 möchte man im Supermarkt bis zur Fleischtheke vorfahren. Vermutlich würde die Fachverkäuferin noch eine Scheibe Wurst durchs Fenster reichen, weil der Kleine so süß ist. Nur warum ist er heute so selten? Gute Frage! Während den 500 alle reflexhaft lieben wie einen jungen Hund, wurde der Nachfolger freundlich begrüßt und eiskalt verschlissen. Ein Fiat 126 mit H-Kennzeichen, am Ende gar restauriert? Nichts klingt unwahrscheinlicher. Liegt die mangelnde Zuneigung vielleicht am falschen Namen? 126 klingt groß, ist aber viel weniger Auto als der Mittelklasse-Fiat 124 oder die Alfa-Romeo-Giulia-Alternative Fiat 125. Vielleicht hätten sie ihn einfach 500 III nennen sollen, nach dem zärtlich umschwärmten Topolino der Dreißiger und dem knuddeligen Nuova 500 der Nachkriegszeit, den es noch drei Jahre neben dem 126 zu kaufen gab. In den Neuen hat sich scheinbar niemand richtig verliebt. Obwohl: In Deutschland hat’s kurzfristig für ehrliche Sympathie gereicht – und für den Kose- und Verkaufsnamen "Bambino". Der war Ergebnis eines Wettbewerbs, weil "Personal 4", die offizielle Bezeichnung der Facelift-Version mit ihren Plastik-Anbauteilen, nicht so verkaufsfördernd klang. Bambino, ahh, da schwangen Zuneigung und Dolce Vita mit. Eine Agentur voller Profis hätte sich nichts Besseres für einen drolligen, aber technisch veralteten Kleinwagen ausdenken können.

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Ja: mit ABE! In Viareggio baute die Firma Luisi tatsächlich Sportlenkräder für den Fiat 126.

©G. v. Sternenfels

Auch in Polen schlossen ihn die Käufer ohne Umwege ins Herz. Hier war er der "Maluch", der Knirps, ein Volkswagen wie einst der Topolino in Italien. Wo vorher nichts war, wirkt auch wenig sehr groß. Dort, in Bielsko-Biala, versuchten sie auch ernsthaft, ein modernes Auto aus ihm zu machen: Einen Flachmotor mit Wasserkühlung bekam er, eine Heckklappe und 13-Zoll-Räder. Doch nur fünf Jahre lang lief der 126 BIS: Weil der luftgekühlte der bessere Motor war, kam es zu dem einmaligen Fall, dass ein Autobauer 1991 zum technischen Stand von 1955 zurückkehrte. Aber auch 1972 war der Fiat 126 nicht neu. Nur der Umstand, dass er die bewährte Technik des Vorgängers im neuen Gewand auftrug, war damals modern. Egal ob Fiat 126, Mini Clubman oder Citroën Dyane: Die Hersteller zogen die alten Formen gerade, ohne dass darunter etwas passierte. Im 126 saß immer der luftgekühlte, parallel mit zwei Zylindern auf und ab wummernde Motor des Cinquecento, nur um 5 PS erstarkt. Doch es gab immer noch Autofahrer, die so viel Kraft gar nicht brauchten. Sie nahmen einen Fiat 126 und ließen ihm den bläuenden Goggomobil-Zweitakter mit 250 ccm und 13,6 PS ins Heck hängen. Das ersparte den Besitzern des alten Führerscheins Klasse IV noch bis tief in die 80er-Jahre jede Fahrprüfung, die sie für mehr Hubraum gebraucht hätten. Und heute? Warum heute Fiat 126 fahren? Weil es Sinn macht und weil er Charme hat. Das ist nicht viel. Aber mehr braucht es auch nicht, um ihn zu mögen.

Technische Daten

Der 600-ccm-Parallel-Twin, bekannt vom Fiat 500 R, ist hart im Nehmen und macht bis Tempo 80 fröhlich ratternd Druck.

©G. v. Sternenfels

Fiat 126 Motor: Reihenzweizylinder, hinten längs • eine zentralliegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder • ein Weber-Fallstromvergaser 28 • Hubraum 594 ccm • Leistung 17 kW (23 PS) bei 4800/min • max. Drehmoment 39 Nm bei 3400/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an oberen Querlenkern u. unten quer liegender Blattfeder, hinten an Schräglenkern u. Schraubenfedern • Reifen 135/SR R 12 • Maße: Radstand 1840 mm • Länge/ Breite/Höhe 3070/1380/1335 mm • Leergewicht 580 kg • Fahrleistungen/ Verbrauch: 0–100 km/h in 46 s • Spitze 105 km/h • Verbrauch 7,5 l S pro 100 km • Neupreis: 5690 Mark (1976).

Historie

Turin, November 1972: Fiat stellt den 126 vor, (594 ccm, 23 PS), den Nachfolger des nach wie vor produzierten 500. Graz, 1973: Steyr-Puch bestückt fertig gelieferte Fiat 126 mit einem eigenen Zweizylinder-Boxermotor (645 ccm, 25 PS). Der Verkaufserfolg bleibt aus, im Herbst 1975 endet die österreichische Eigenproduktion. Bielsko-Biala, 1973: In Polen läuft bei FSM die 126-Fertigung an. Turin, 1976: Die besser ausgestattete Variante "Personal 4" wird vorgestellt und in Deutschland als "Bambino" verkauft. 1977: Hubraum- und Leistungssteigerung auf 652 ccm und 24 PS. 1985: Facelift mit größeren Stoßstangen und über Zündschloss betätigtem Anlasser (vorher Seilzug). 1987: Der luftgekühlte Twin wird von einem wassergekühlten Zweizylinder-Unterflurmotor (704 ccm, 26 PS) abgelöst, der 126 BIS bekommt einen zweiten Kofferraum und eine Heckklappe. 1989: Vorstellung der Cabrio-Versionen POP 650 und POP 2000. 1991: Ende der Wasserkühlung, zurück zur Luftkühlung. 1994: Start der letzten Ausbaustufe 126 elx mit Facelift und serienmäßigem G-Kat. Bielsko-Biala, September 2000: Ende der Fiat-126-Fertigung nach rund 3,6 Millionen Einheiten.

Plus/Minus

Warum heute Fiat 126 fahren? Weil es Sinn macht und weil er Charme hat. Das ist nicht viel. Aber mehr braucht es auch nicht, um ihn zu mögen.

©G. v. Sternenfels

Ganz klares Plus: das sympathische Wesen, die parkplatzfreundlichen Abmessungen, der Wendekreis eines Kinder-Laufrads, die Möglichkeit, auf drei Metern Länge vier Leute oder reichlich Einkäufe zu transportieren. Dann wären da die minimalen Kosten, die munteren Fahrleistungen, das knackige Fahrverhalten und die in vielen Jahren zu großer Zuverlässigkeit gereifte Technik. Ein Fiat 126 bereitet extrem viel Freude, zumindest innerorts. Minus: die billige Machart, die Abwesenheit von Komfort, die mangelnde Leistung auf Langstrecken. Außerorts verliert ein Fiat 126 schnell seinen Charme. Und das größte Minus von allen: Der 126 ist kein 500, auch wenn viel Cinquecento in ihm steckt. Während den rundlichen Vorgänger eine Welle der Zuneigung überrollt, werden die verbliebenen 126 meist immer noch aufgerieben. Schade, schade. Dabei ist er eine fröhliche und clevere Alternative zum Smart und ein günstiger Einstieg ins Hobby.

Ersatzteile

Es sind Fiat-500-Spezialisten (Axel Gerstl, www.fiat500126.com, Günter Markhof, www.fi500.com), die sich des Nachfolgers angenommen haben und die kleine Fan-Gemeinde mit Ersatzteilen versorgen. Oft passen Teile vom 500, fast immer ist Ersatz erstaunlich günstig (Motordichtsatz: 18 Euro, Bremsbacken mit Belägen 35 Euro, Türhaut 58 Euro). Achtung: Unter dem in fast 30 Jahren nahezu unveränderten Blech fanden durchaus technische Änderungen statt. Und nicht zwangsläufig passt ein polnisches Karosserieteil von 1995 an ein italienisches Auto von 1975.

Marktlage

Das Gros der kantigen Stadtflöhe aus drei Jahrzehnten präsentiert sich mehr oder weniger verbraucht, ein Fiat 126 mit H-Kennzeichen ist seltener als mancher Supersportwagen. Da hilft nur der Weg nach Italien. Ordentliche Urtypen kosten um die 3000 Euro, der Einstieg bei untoten Polski-Fiat beginnt schon bei 300 Euro.

Empfehlung

Nach Italien fahren. Urlaub machen. Und den besten Fiat 126 kaufen, der für kleines Geld zu haben ist. In kleinen Orten, bei Erstbesitzern oder Händlern finden sich noch ausreichend gute und originale Exemplare, die einen Erhalt als Oldtimer rechtfertigen. Wer ein Bambino für den Alltag sucht, wird auch hier fündig. Möglichst gepflegt und rostfrei sollte er sein, sonst wird der Spaß einfach nur teuer.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: G. v. Sternenfels

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