Ford Fiesta I Ghia

Ford Fiesta I Ghia

— 18.06.2014

Fescher Fiesta

Hier prallen Welten aufeinander! Ghia und Ford, Luxus und Langweiler-Image, ein großer Name an einem kleinen Auto wie dem Fiesta. Passt trotzdem. Und wärmt sogar das Herz.

Nein, er ist nicht restauriert. Nicht geschweißt, nicht lackiert, nicht neu möbliert. Er ist ein Fiesta, von dem bestimmt nicht mal Ford glaubte, dass es ihn nach über 30 Jahren noch geben könnte: original, unberührt, gepflegt. Selbst die Fußmatten sind blitzsauber. Und obwohl Gurte hinten serienmäßig sind – auch das war mal echter Luxus – hat dort wohl nie jemand gesessen. Ganze 38.700 Kilometer stehen auf dem Tacho, und es braucht keine Ford-Liebhaberei, um in diesem Fiesta das Außergewöhnliche zu erkennen.

Ein Ford Fiesta wirkt heute sehr klein, zart und beinahe drollig, ist aber hart im Nehmen und in gutem Zustand längst eine große Rarität.

©M. Alschner

Dass er ein feiner "Ghia" mit üppiger Einskommadreilitermaschine ist, macht ihn noch interessanter. Ein Fiesta zum Aufheben, obwohl er nie fürs Aufheben gedacht war. Eine Stecknadel im Heuhaufen, wenn man so will. Autos mit mehr Flair oder bürgerliche Wohlstands-Symbole wie ein schmucker Capri oder üppiger Granada retteten sich eher im Schutz einer zum Reihenhaus gehörenden Betongarage über die Jahre. Aber über den schmucklosen Ur-Fiesta ging die Zeit so gnadenlos hinweg wie ein Wirbelsturm über eine Bretterbude. Das erscheint im Nachhinein extrem unfair, weil er der erste echte Kompaktwagen in der Ford-Geschichte ist und aus dem Stand ein Bestseller wird – modern konstruiert, mit Vorderradantrieb, Quermotor und großer Heckklappe. Die mehr als 2,5 Millionen Stück, die zwischen 1976 und 1983 im neu errichteten Ford-Werk Valencia, im englischen Dagenham, in Köln und in Saarlouis von den Bändern laufen, werden von unsentimentalen Kunden aufgerieben. In dritter Hand ist meist Schluss. Im Gegensatz zur spröden, aber widerstandsfähigen Technik hat Fiesta-Blech nämlich nur eine kurze Halbwertszeit. Auch wenn "Ghia" am Kotflügel steht. Mit dem schmucken blau- roten Signet kennzeichnet Ford seit 1973 die luxuriösen Spitzenmodelle seiner Modellpalette.
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Der Fiesta ist ein echter Ghia

Zartes "Jasmingelb" und ein geschwungenes "Ghia" am Heck. Die wuchtigen Stoßstangen kommen mit dem Facelift zum Modelljahr 1982.

©M. Alschner

Ghia – das klingt nach Adel, selbst wenn damit zutiefst bürgerliche Granada veredelt werden. Die verspielte Wappen-Optik passt trotzdem gut zum Anspruchsdenken der Ford-Klientel. Sie mag es lieber konservativ als modern, steht eher auf Gelsenkirchener Barock als auf Bauhaus-Design. Allerdings ist nur der Fiesta auch tatsächlich ein echter Ghia. 1969 hat die Zusammenarbeit der kleinen Carrozzeria und dem großen Autobauer begonnen, 1970 übernimmt Ford bei Ghia und Vignale die Kontrolle. Dass bei Ghia in Turin mit Tom Tjaarda ausgerechnet ein Designer aus Detroit am Ruder steht, hilft bei der Übernahme. Mit dem Fiat 127 als Beispiel eines zeitgemäßen Kompakten vor Augen, ist es Tjaarda in Italien, der erste Entwürfe für das Projekt "Bobcat" liefert, das bei Ford in Köln und Dagenham zum Fiesta wird. Nur 725 Kilogramm wiegt der Kompakte von Ford, ist aus hauchdünnem Blech gebaut und passt mit 3,50 Meter Länge in kleinste Lücken. Vier, manchmal sogar fünf Menschen finden in ihm Platz. Es fällt schwer zu glauben, dass so wenig Auto in den 70ern ausreicht, um ein von VW Polo, Fiat 127, Audi 50 und Renault 5 dominiertes Segment aufzumischen.
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Das gewisse Extra genießen

Mit Radio, Mittelkonsole und von innen verstellbaren Außenspiegeln herrscht im Ghia beinahe Mittelklasse-Flair.

©M. Alschner

In seiner ganzen erschreckenden Ausstattungs-Armut wirkt ein dürftiger Einliter-Basis-Fiesta mit 40 PS wie ein Prototyp in der Fahrerprobung, dem noch die wichtigsten Zutaten für den Alltag fehlen. Noch nicht einmal einen Buchstaben darf das Nackt-Modell am Blech tragen. Seine Brüder definieren sich als besserer L, sportlicher S oder fescher Ghia mit Wappen und geschwungenem Schriftzug an der Heckklappe. Zwischen oben und unten liegen Welten. Ein Fiesta Ghia ist schon deshalb so weit weg vom Normalfall, weil das Luxus-Paket Extras enthält, die auch im Mittelklasse-Taunus Aufpreis kosten: Velours-Teppich, Drehzahlmesser, Nebelschlussleuchte, von innen verstellbarer Außenspiegel, Walnuss-Wurzelholzdekor am Armaturenbrett. "Das gewisse Extra genießen", schwärmt der Prospekt, und dass Ford das Image des handlichen Fiesta als Damenauto befeuert, zeigt Wirkung. Im Februar 1982 gönnt sich die Seniorchefin eines alteingesessenen Ford-Händlers den schönsten Frauenversteher, der in der Modellpalette zu finden ist: einen Fiesta Ghia in Jasmingelb mit serienmäßiger Digitaluhr am Dachhimmel und optionalem, knurrigem 1,3-Liter-Motor mit 66 PS. Drei Jahre fährt sie ihn, der Zweitbesitzer bewahrt ihn für die Nachwelt: als kleines Wunder mit großem Namen.

Technische Daten

Der quer eingebaute "Kent"-Motor wird von Ford England zugeliefert. Mit der 1,3-Liter-Maschine schafft der Fiesta 160 Sachen.

©M. Alschner

Ford Fiesta 1.3 Ghia Motor: Reihenvierzylinder, vorn quer • seitlich liegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Weber Fallstrom-Registervergaser • Hubraum 1299 ccm • Leistung 49 kW (66 PS) bei 5600/min • max. Drehmoment 94 Nm bei 3250/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an MacPherson-Federbeinen und Querlenkern, hinten Starrachse und Schraubenfedern • Räder/Reifen 4,5 J x 12 mit 155 SR 12 • Maße: Radstand 2288 mm • Länge/Breite/Höhe 3648/1567/1359 mm • Leergewicht 775 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Beschleunigung 0–100 km/h in 12,3 s • Spitze 158 km/h • Verbrauch 9 l Super pro 100 km • Neupreis: 14.920 Mark (1982).

Historie

18. Dezember 1975: Henry Ford II gibt den Namen des neuen Kompaktmodells bekannt, das als erster Ford über Frontantrieb, Quermotor und Heckklappe verfügt: Fiesta. Im Sommer 1976 beginnt der Verkauf. Die Einliter-Version für 8440 Mark leistet 40 PS, darüber rangiert eine Variante mit 45 PS. Das Topmodell Ghia kommt zum Preis von 10.995 Mark mit dem 53 PS starken 1,1-Liter-Motor auf den Markt, der Fiesta "S" besitzt straffere Federn und einen Stabilisator an der Vorderachse. BILD am SONNTAG verleiht dem Fiesta das "Goldene Lenkrad". 1977: Der Fiesta wird in die USA exportiert. Januar 1979: Die erste Million ist voll. Ari Vatanen startet mit einem 155 PS starken Fiesta 1.6 bei der Rallye Monte-Carlo, wird Zehnter im Gesamtklassement. Auf Basis des Fiesta 1.3 S/Ghia (66 PS) bietet Ford ein RS-Tuningpaket mit Leistungssteigerung auf 75 PS und Sportfahrwerk an. März 1981: Der zweimillionste Fiesta läuft in Saarlouis vom Band. 1982: Ford hebt den "Fiesta Ladies Cup" aus der Taufe. Basis für den Renneinsatz ist der Fiesta XR2 mit 1,6-Liter- Motor und 84 PS. August 1983: Die zweite Fiesta-Generation kommt auf den Markt.

Plus/Minus

Ein fescher Ghia mit 66 PS ist der Idealtyp eines frühen Fiesta. Er ist hübsch, aber nicht lahm, selten und sehr zeitgeistig.

©M. Alschner

Wie seine Konkurrenten von damals, VW Polo, Renault 5 oder Audi 50, wirkt ein Ford Fiesta heute sehr klein, zart und beinahe drollig, ist aber hart im Nehmen und in gutem Zustand längst eine große Rarität. Auf Treffen bringt er Leute zum Reden, die Herzen fliegen ihm zu: Zu solchen Autos fallen den Menschen immer Geschichten ein. So weit, so gut. Kaufberatungen wie die des rührigen Ford Fiesta Clubs zeichnen leider ein Bild in Rostrot. Als Kind seiner sorglosen Zeit als Auto für Endverbraucher konzipiert, rostet ein unbehandelter Ur-Fiesta von vorn bis hinten und von oben bis unten. Windleitblech, A-Säulen, der Übergang von der Spritzwand zum Unterboden, Schweller, Heckklappe, Radläufe und, und, und. Die Bremsanlage schwächelt ebenfalls auf der ganzen Linie, dafür gehen die Motoren und Getriebe kaum kaputt. Über den Kauf sollte der Zustand des Blechs entscheiden: Ist die Karosserie in Ordnung, empfiehlt sich der Fiesta I als hübscher und großstadttauglicher Klassiker für kleines Geld. Selbst Luxus ist möglich, wie der Ghia beweist.

Ersatzteile

Mit Ghia-spezifischen Teilen für den Innenraum wird es ganz schwierig. Ford kann nur noch mit einigen Blech- und Technikteilen dienen. Deshalb sind Fiesta-Netzwerke, das Internet und Spezialisten wie www.motomobil.de bei der Suche nach Ersatzteilen die ersten Adressen. Bei Motomobil kostet eine Rückleuchte 54 Euro, ein 1,3-Liter-Motordichtsatz 70 Euro und eine neue Tür 426 Euro.

Marktlage

Typisches Kleinwagen-Schicksal: Nur ganz wenige Ur-Fiesta haben die Zeit in ordentlichem Zustand überstanden. Weil ein Großteil zumeist günstige Einstiegsmodelle waren, lassen sich solche Autos noch am ehesten finden. Unverfälschte XR2 und gute Ghia sind selten, die Nachfrage ist gering. Schwieriger Markt.

Empfehlung

Nicht so karg wie die Einliter-Basis, nicht so aufdringlich wie ein kerniger XR2: Ein fescher Ghia mit "großer" 1,3-Liter- Maschine und 66 PS ist der Idealtyp eines frühen Fiesta. Er ist hübsch, aber nicht lahm, dazu selten und sehr zeitgeistig. Das Plüsch- und Plastikholz-Ambiente der soften Siebziger zieht selbst Nostalgiker an, die mit Ford nichts am Hut haben. Tipp: Besser gleich ein gutes Auto kaufen, das spart später viiieeel Geld.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: M. Alschner

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