Ford Granada II (1977-1982)

Youngtimer Ford Granada 2.0 GL Youngtimer Ford Granada 2.0 GL

Ford Granada II (1977-1982)

— 27.02.2002

Der Kult um die Kante

Noch ist es eine kleine Gemeinde, die den kantigen Kölner verehrt. Doch der Granada II hat das Zeug zum Klassiker. Viele Exemplare endeten beim Verwerter, aber nicht alle.

Da stehen sie nun. Im rauen Osthafen Frankfurts, unter ihnen der Main, die Skyline im Rücken - und wollen nicht so recht zueinander passen. Der eine Typ Asphalt-Cowboy, im ledernen Biker-Outfit und schon eher rund, der andere voll in Lack und Chrom, kantig und total blau. Aber trotzdem ein Team, seit fünf Jahren, tagein, tagaus. Immer gemeinsam im Dienst, ein "Fall für zwei". In den Hauptrollen: Bernd Niemeyer und sein 79er Ford Granada 2.0 GL. Ein Mann, ein Ford. Aber bitte die alten, die echten Kölner mit Kanten. Aus der Zeit, bevor in Merkenich für alle die Heckklappe fiel, der Taunus Sierra und der Granada Scorpio hieß. Aus der Zeit also, da alte Ecken statt New Edges die Bauweise bestimmten. "Der Scorpio war der Anfang vom Ende", findet Niemeyer. "Danach wollten alle Autos bei Ford europäisch sein, der Granada war eher Amerikaner." Und: "Mit ihm hört eine Ära auf, und deswegen will ich ihn erhalten."

Der Mann lebt das Thema Ford

So wie er denken nicht viele. Eigentlich kaum einer. Noch nicht einmal im 80 Mitglieder starken Granada Club Deutschland, und da ist der 38-Jährige immerhin Ansprechpartner für den Großraum Frankfurt (069-46 99 97 39). Bernd Niemeyer lebt das Thema Ford in allen Zeichensetzungen: Pflaume auf der Armbanduhr, auf der Jacke, auf dem Kuli, auf dem Handy, Pflaume in der Vitrine daheim und im Herzen. Ford-Liebhaber und Verfechter des Originalen: Schonbezüge und Wackeldackel statt Südstaatenflagge und verchromten Differenzial-Deckel. Ein Mann auf einer Mission: "Für den Granada II interessiert sich keiner, obwohl er der letzte echte große Ford aus Deutschland war. Der Einser wird gesammelt, der Zweier immer noch geschreddert."

Einsatz in Mainhattan

So erging es vielen Granada bis Mitte der 90er. Die barock geblähten Vorgänger, noch viel mehr vom amerikanischen Styling beeinflusst, fuhren in Sammler-Garagen, die Nachfolger zum Verwerter. Wer nicht auf dem Autoput sein Leben ließ oder ein Ende in siebter Hand der Nachwuchs-Rockband fand, kam in die Presse. So wurden aus großen Kisten kleine Würfel. Von Ford gefördert. Motto: Fort mit der Vergangenheit. Bis zu 3000 Mark war den Kölnern jedes Ableben wert. Einer aber sprang dem Verwerter 1996 vom Haken. Direkt in die hütenden Hände von Bernd Niemeyer, früher Maler und heute nach einem Rückenleiden Frührentner. "Die Witwe hatte den Wagen über Jahre aufgehoben, weil er ihrem verstorbenen Mann gehörte. Dann wurde er ihr zu groß, konnte nicht mehr einparken. Für 3000 Mark habe ich ihn übernommen, so viel hätte sie auch fürs Verschrotten bekommen."

Da stand er nun: 17 Jahre und 53.000 Kilometer jung. Jetzt stehen 120.000 Kilometer auf der Uhr, jeden Tag kommen ein paar hinzu, jetzt gerade wieder. Langsam schaukeln wir durch die Straßen von Frankfurt. Einsatz in Mainhattan. Jede Kurve ein Verneigen vor vergangener Fahrwerkstechnik, jeder Tritt aufs Gaspedal eine gusseiserne Geduldsprobe. Beschleunigung mit drei Gängen und in zwei Stufen: Erst wird es lauter, dann irgendwann auch schneller. Der Zweiliter-V6 da vorn, wo die hellblaue Haube mit dem Horizont verschmilzt, will weder drehen noch drücken. Er ist einfach da. 90 PS auf dem Papier, das meiste bleibt im Wandler der Dreigangautomatik stecken.

Volksnaher Sechszylinder

Und das Blech außenrum? Ein Design wie vom Geodreieck inspiriert. Rechte Winkel, rund sind nur die Reifen. Nüchtern, klar, unaufgeregt. Warum tut man sich das an? "Warum nicht? Da passt die ganze Familie rein, und die Technik hält ewig. Ich brauche keinen anderen. Und wo bekomme ich schon so viel Auto für so wenig Geld?" Manches gibt's gar kostenlos. Vor kurzem bekam Niemeyer von einer Club-Kollegin vier Türen geschenkt. Sogar im passenden Cosmosblau-Metallic, ein Ton der schrillen Intensivfarben-Palette im Kölner Katalog. Oft in Kombination mit Veloursmöbeln der Färbung Safaribraun. Die 70er eben. Knapp 24.000 DM hatte der Granada im April 1979 den Erstbesitzer aus Peine gekostet. Als leidlich luxuriöse GL-Version mit Chrom und Holzimitat. Eben alles noch ein bisschen wie bei den Verwandten aus Detroit. Wie die Extras: Automatik, Schiebedach, Kassettenradio mit Senderspeicher. Der phlegmatische 70-PS-V-Vierzylinder ist ein Verlierer. 94 (!) Prozent der Käufer entschieden sich schon im ersten Produktionsjahr für einen der volksnahen V6, der auch im Turnier zu haben war.

Die stärksten Sechser brachten Benz und BMW in Bedrängnis

Der Kölner Kombi geriet damit zum größten Frachter seiner Klasse. Die stärksten Sechser, mit 160 eingespritzten PS aus 2,8 Liter Hubraum, brachten seinerzeit sogar Benz und BMW in Bedrängnis. Einmalig die damalige Entwicklung der Verkaufszahlen, Höhepunkt ist 1978: Fast 230.000 Granada rollen auf die europäischen Straßen. Bis Produktionsende 1985 bauen die Ford-Werker mehr als 1,6 Millionen Exemplare. Ein Bestseller, der Ford-Geschichte schrieb. Und trotzdem so schnell wie kein anderer Promi ins Abseits geschoben wurde. Zeitgenossen wie B. Niemeyer sorgen dafür, dass aus diesem Abseits keine historische Falle wird.

Historie, Daten und Kontakt

Modellgeschichte "Sechs sells" - auf dieser Wahrheit basierte zum Teil der Erfolg der großen Ford-Modelle, deren letzter Vertreter der Granada war. Bereits 1964 verwöhnten die Kölner anspruchsvolle P5-Kunden mit Sechszylindermotoren (20 M). Beim P7 (20 M, 1967-1968) stieg der Sechser-Anteil auf über 40 Prozent (20 M). Mit den Typen Consul und Granada der ersten Generation entfielen 1972 die Zahl-Buchstabe-Kombinationen sowie das M für "Meisterstück". Die Dickschiffe mit ihren bauchigen Formen blieben bis 1977 im Programm, dann kam der Ford Granada II, der Consul wurde bereits 1974 in Pension geschickt. Neun von zehn Kunden entschieden sich bei der Wahl der Motorisierung für ein Sechszylinderaggregat, die Ford auch in den Kombi-Versionen Turnier anbot - durchaus als Konkurrenz zum MB T-Modell. Mit Stufen- und Kombiheck-Karosserie, aber uferlosen 63 Ausstattungsvarianten hielt sich der kantige Kölner bis 1982 im Konzern. Ihm folgte der äußerlich wenig veränderte Granada III, bevor Ford 1985 mit dem Scorpio nach den Sternen griff, um auf dem Boden zu landen.

Kontakt Granada Club Deutschland: Carsten-B. Glaue, Landstraße 127, 25709 Helse, Tel. 01 70-324 11 28.

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