Liebling der Asphalt-Cowboys

Ford Mustang GT 390

— 25.11.2012

Liebling der Asphalt-Cowboys

Damals, in den Sechzigern, war der Ford Mustang lauter Rebell und Teenie-Schwarm. Und heute? Ist der alte Revoluzzer immer noch cool.

Sicher, der Mustang htte es auch ohne diese materialmordenden zehn Minuten Filmgeschichte zur Auto-Legende gebracht, ohne Lieutenant Bullitt im gleichnamigen Film von 1968, mit der legendren Verfolgungsjagd ber die Hgel San Franciscos. Aber es hat geholfen. So grndlich, dass wir uns heute fragen, wie sie es bei Ford vor fast 50 Jahren schafften, diesen rasenden Jungbrunnen aus dem Nichts zu stanzen. Wir htten gern das Rezept heute, wo Hersteller wie Daimler nach ewiger Jugend suchen wie Indiana Jones nach dem Heiligen Gral. Die meisten von uns waren nicht dabei, damals im Amerika der frhen Sechziger. Wir knnten also ganz naiv tun und an Lee Iacoccas Eingebung glauben: Als habe er mit seinem Team durch Zufall bemerkt, dass den Amis ein individuelles, sportliches Auto fehlte. Eines, das sich rebellierende Shne und Tchter leisten konnten, denen Daddys Plymouth Belvedere nicht cool genug war. Nur Zufall? Ach was.

Der Ford Mustang transportierte in den Sechzigern das Lebensgefhl einer Jugend, die anders als ihre Eltern leben wollte.  

©G. von Sternenfels

Der Mustang war das Produkt eiskalten Kalkls, eine Designer-Droge von Strategen, die genau wussten, dass die US-Baby-Boomer bald das Fhrerscheinalter erreichen. Die wrden nach Autos schreien, die nichts mehr mit dem Raketen- und Flossenkitsch der 50er gemein haben sollten. Rock 'n' Roll, ja, aber das Rhren der Rolling Stones, nicht mehr das Geschluchze von Elvis. Der Mustang war das passende Auto zum Umbruch der Sechziger Jahre: Die Pharmaindustrie brachte die Pille auf den Markt, die Mexikaner hatten das Gras und das alte Europa die krzesten Rcke aller Zeiten. Die Massenmarke Ford baute das Auto dazu. Wenn man heute in einen Mustang steigt, sind diese Sechziger schlagartig wieder da. Einfach mal die Pantoffeln qualmen lassen, einen auf Asphalt-Cowboy machen, das funktioniert mit dem Mustang auch in der Hamburger Hafencity oder in Schlo Holte-Stukenbrock. Und es geht auch dann, wenn nur ein Wochenend-Rebell hinterm Steuer sitzt, der wochentags Audi A6 oder Mercedes ML fhrt. Viele typische Mustang-Fahrer sind heute lter als die Plymouth-Daddys von damals. Und genau das zeichnet das Millionen-Modell bis heute aus. Der Mustang nahm schon 1964 vorweg, was Apple heute astronomische Renditen beschert.

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Das Fastback-Coup kam Ende 64 als dritte Mustang-Version. Heute ist es so gesucht wie die lange dominierenden Cabrios.

©G. von Sternenfels

Wie iPhone und Co ist der Mustang ein Kommerzprodukt, noch dazu vollkommen unisex und alterslos. Mom und Dad stellten sich den Mustang als V8-Hardtop-Coup in Wimbledon White vor die Einfahrt, Schwesterherz fuhr mit ihren Mdels im bratapfelroten Mustang Six Convertible zum Shoppen und fr bse Jungs, die das College schwnzten, um sich beim Viertelmeilen-Rennen zu messen, gab's ab Modelljahr 1967 den GT 390. Gerne in Rabenschwarz, mit Streifen oder ohne, aber immer mit 6,4-Liter-Big-Block. Mehr Mustang machte nur Tuner Carroll Shelby, spter markierten die Knaller-Versionen Boss und Mach I die Spitze. Und fr jene, die es mit alten Autos nicht so haben, gibt es seit 2005 sogar den Retro-Aufguss. Das hat sonst nur einer geschafft. Einer, der lngst nicht so wild und wandelbar war: unser VW Kfer. Der Mustang ist sich im Rahmen seiner Mglichkeiten immer treu geblieben. Er ist auch wenn die Preise stndig steigen und er in beheizten Garagen parken darf ein Held der Arbeiterklasse. Da passt noch mal der Vergleich mit den Stones: Die wurden ja auch nicht pltzlich brav, nur weil sie mehr Platten verkauften. Im Gegenteil. Deshalb ist das Kraftmodell GT 390 so etwas wie der Mick Jagger unter den Klassikern. Lssig, ein bisschen vulgr, aber ungeheuer vital. Sein maximales Drehmoment von 579 Newtonmetern liegt schon bei 3200 Touren an. Nach dem Kaltstart schttelt sich der dicke Motor, aus Brab-Brab-Brab wird bei erhhter Spritzufuhr ein infernalisches VROOOOOOOM. Es strt nicht einmal, dass von 320 SAE-PS nach DIN-Norm "nur" 255 brig bleiben. Und auerdem: Zwischen den SUV-Kolonen deutscher Innenstdte wirkt selbst ein Mustang mit 60er-Jahre-Vollausstattung fast schutzbedrftig fragil.

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Da ist gar nicht viel Unterschied zum Armaturenbrett des treudeutschen Ford 20M P5, auch die billige Machart der Kunststoffe hnelt sich.

©G. von Sternenfels

Machen wir's kurz: Ein perfektes Auto sah schon in den Sechzigern anders aus. Wenn der Mustang beispielsweise Kurven so przise folgen wrde wie jeder Spurrille, dann htte es wahrscheinlich keinen Carroll Shelby gebraucht, um aus dem Steckenpferdchen einen konkurrenzfhigen Rennwagen fr die Rundstrecke zu basteln. Und wer heute von einem, sagen wir, Kia Ceed in einen 1967er Mustang umsteigt, der fragt sich, ob die Amis ihre Fuhrwerke berhaupt weiterentwickelt haben, seit sie in Planwagen durchs Land gezogen waren. Die engen Kurven der Schwarzwaldhochstrae beispielsweise sind nicht der natrliche Lebensraum eines klassischen Mustang. Die Geraden der norddeutschen Tiefebene passen schon besser zur Unverbindlichkeit jeder Richtungsempfehlung. brigens: Was da so obszn klafft, sind die originalen Spaltmae, keine schlecht reparierten Unfallschden.

Mustang ist Pop

Hohe Fertigungstoleranzen waren nun mal der Preis fr den schnellen Erfolg und einen legendren Kampfpreis. Das Fotoauto ein GT 390 von 1967 kostete als Neuwagen nur etwas mehr als 3000 Dollar. Denn natrlich ist es wahr: Der Mustang ist ein Auto fr Fahrer, denen das amerikanische Lebensgefhl nher ist als die Geruschfreiheit der Karosserie oder die Feinheiten einer ingenisen Ventilsteuerung. Oder, einfacher: Wer Bruce Springsteen, spitze Stiefel und dicke Burger mag, dem liegt wahrscheinlich auch das Mustang-Fahren. Das trifft hierzulande auf jeden dritten Oldtimer-Liebhaber zu. Mustang ist Pop, niemals Avantgarde. Dafr kann ihn jede Hinterhof-Klitsche am Laufen halten. Und selbst die Teenies von heute finden den alten Revoluzzer sexy. Wie Lee Iacocca und seine Marketing-Mnner das vor fast 50 Jahren geschafft haben? Bestimmt nicht durch Zufall.

Technische Daten

Der Motor stammt ursprnglich aus dem Thunderbird und liefert sein maximales Drehmoment von 579 Newtonmetern schon bei 3200 Touren.

©G. von Sternenfels

Ford Mustang GT 390 Motor: Achtzylinder-V-Motor, vorn lngs zentrale Nockenwelle, ber Stirnrder angetrieben Vierfach-Fallstromvergaser Hubraum 6391 ccm Leistung 320 SAE-PS bei 4800/min max. Drehmoment 579 Nm bei 3200/min. Antrieb/Karosserie/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe (optional, Serie: Dreistufenautomatik) Plattformrahmen, mittragende Stahlblechkarosserie Hinterradantrieb Einzelradaufhngung vorn an Querlenkern und Schraubenfedern; hinten Starrachse an Blattfedern Trommelbremsen rundum Reifen 6,95 H 14 (Serie). Mae: Radstand 2740 mm L/B/H 4665/1900/1315 mm Leergewicht 1540 kg. Fahrleistungen/Verbrauch: 0100 km/h in circa 7,5 s Spitze circa 200 km/h Verbrauch 20 Liter Super pro 100 km Neupreis: 3089 Dollar (2 +2 Fastback GT 390 mit Viergang, Modelljahr 1967).

Historie

Der erste Prototyp mit dem Namen Mustang I sieht 1962 aus wie ein Le-Mans-Renner, ist aber ein reines Experimental-Auto mit Gitterrohrrahmen, Alu-Karosserie und mildem 1,5-Liter-V4-Motor hinter den Sitzen. Das Mustang II Concept von 1963 weist schlielich den richtigen Weg. Im April '64 rollt der Serien-Mustang als Hardtop-Coup sowie als viersitziges Convertible in die Schaurume, die Fastback-Version folgt im Oktober und die Nachfrage bricht alle Rekorde. Zum Modelljahr 1967 geht das Pony in die Breite, damit der Big-Block-V8 unter die Haube passt. Das Leistungs-Wettrsten beginnt, Chevrolet schickt mit dem Camaro einen ernst zu nehmenden Gegner ins Turnier. Spter kommen die ber-Mustang Boss und Mach I dazu, doch schon in den 70ern setzen lkrise und horrende Versicherungsprmien den Kraftprotzen ein unwrdiges, schnelles Ende. Der Mustang speckt bereifrig ab, um spter wieder an Gewicht zuzulegen typischer Jo-Jo-Effekt. 2005 bringt Ford schlielich die fnfte Mustang-Generation auf den Markt, ein erfolgreiches Retromodell mit deutlichen Anklngen an das Design des berhmten 67er Jahrgangs.

Plus/Minus

Rockmusik und sexuelle Befreiung erffneten in den 60er-Jahren neue Horizonte der Mustang half, sie zu erreichen.

©G. von Sternenfels

Alle wollen Mustang fahren, das lsst die Preise abheben und drckt auf die Qualitt. Selbst jenseits der 30.000 Euro tummeln sich fiese Blender, nachgebastelte Shelby und fulahme Gule ohne Wertsteigerungs-Potenzial. Es soll lecker aussehende US-Importe geben, die mit frischer Verkaufslackierung direkt vom Schrottplatz in Nevada kommen. In Amerika ist so was nicht abzusetzen: Die US-Sammler stehen auf seltene Versionen und originale Sonderausstattungen, whrend Nullachtfuffzehn-Modelle nach Europa abflieen. Die Kaufentscheidung sollte also von Karosseriesubstanz und Originalitt des angebotenen Autos abhngen. Technisch gibt's nicht viel zu warnen: Der Mustang ist ein robuster Alltagsklassiker ohne Ersatzteilsorgen. Trinkfreudig ist er immer. Aber nicht vollgasfest zumindest nach deutscher Autobahn-Norm.

Ersatzteile

Der Mustang ist in der US-Szene so verbreitet wie bei uns der VW Kfer. Was bedeutet: Alle Verschleiteile (und dazu unendlich viel Tuninggedns) sind sofort verfgbar und in der Regel nicht teuer. Hats etwa der Khler hinter sich, gibts Ersatz aus Aluminium fr 280 Euro. Einmal Bremsschluche rundum: 90 Euro. Eine neue Motorhaube fr den 67er Mustang liegt fr 250 Euro im Regal. Die Preise fr einen Auspuffendtopf reichen von 30 fr ein einfaches Teil bis zu 130 Euro fr einen feinen Flowmaster-Topf. Selbst die Komplettberholung des 6,4-Liter-Big-Block ist mit 3500 Euro kein Krisenfall.

Marktlage

Das Leben ist eben doch ein Ponyhof: Die Marktsituation lsst sogar Farb- und Ausstattungswnsche zu. Aber billig ist der Mustang nicht mehr: Selbst ein frhes Sechszylinder-Cabriolet galoppiert in sehr gutem Zustand auf die 30.000 Euro zu; mit V8 ist die magische Grenze lngst berschritten. Fastback-Coups liegen noch mal leicht darber, das Hardtop-Coup in Zustand 2 macht Einsteiger fr etwa 25.000 Euro froh. Alles nichts gegen originale Shelby-Mustang, die selbst in mittelprchtigem Zustand sechsstellig kosten.

Empfehlung

Ein Auto, das im toten Winkel des Mustang- Hypes gnstig(er) geblieben ist: das Schwestermodell Mercury Cougar auch spektakulr anzusehen, steht nicht an jeder Ecke und ist als 68er in Zustand 2 fr etwas ber 20.000 Euro zu bekommen.

Autor: Lukas Hambrecht

Fotos: G. von Sternenfels

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