Deutschlands Top 200, Folge 19: Ford Taunus

Ford Taunus 12M

— 28.10.2005

Der Cardinal von Niehl

Den Amerikanern war er zu bieder, die Klner machten ihn flott: Am schnsten war der Ford Taunus 12M als Coup.

Wir stellen vor: Andreas Zemann. Den unerschrockenen Lenker im Cockpit des schnieken Taunus, den ungekrnten Knig der Gummihtchen, den (ehemals) unerbittlichen Testfahrer. Zemann (74) war 36 Jahre bei Ford. Ein netter, lterer Herr, grau gelockt. Ein paar Fltchen im Gesicht und den Schalk im Nacken. Aber man sollte sich nicht tuschen: Vor 44 Jahren galt sein rechter Fu als der Hammer von Niehl, sein Urteil war geachtet.

Ein groes Paket aus Dearborn

Einer Einfhrung bedarf auch sein Auto. Es heit 12M Coup, und der etwas sperrige Name steht im krassen Gegensatz zu seiner "jungen, mitreiend eleganten Linie" und dem "Pfeilprofil auf beiden Seiten". So formulierten es die Werber damals, 1963, auf dem Pariser Salon. Zwei Jahre zuvor war bei Ford in Kln-Niehl eine groe Kiste angekommen. Absender: die Konzernmutter in Dearborn (USA). Inhalt: ein Cardinal. Aber keiner aus Fleisch und Blut, sondern aus Lack und Blech.

Der nach einem rtlichen Singvogel aus der Finkenfamilie benannte Prototyp war zu Groem auserkoren. Ursprnglich sollte er sich der wachsenden Flut deutscher Kfer in den USA entgegenstemmen. Mit allem, was der Kfer nicht hatte: Frontmotor, Wasserkhlung, funktionierender Heizung, Frontantrieb und groem Kofferraum. Doch als der Cardinal fertig war, fiel er an hchster Stelle durch. Fords Vizeprsident Lee Iacocca befand, er she aus wie ein Auto fr alte Damen, bestenfalls gut genug fr das alte Europa.

Lang ist es her: Die Autobahn diente als Teststrecke

So kam der Cardinal nach Niehl. Und als sie ihn auspackten, staunten sie nicht schlecht: Angetriebene Vorderrder gab es damals noch nicht bei Ford, ebensowenig einen Vierzylinder in V-Bauweise. Die Kombination sorgte fr einen grozgigen Innen- und einen riesigen Kofferraum. Der Cardinal kam den Klnern wie gerufen. Denn Ford brauchte dringend einen neuen Taunus. Der alte, zeitweise mit einer Weltkugel auf der Haube garniert, war schlielich schon seit 1952 im Geschft. Und mit einem so modernen Konzept wrde man schlagartig wieder weit vorn sein.

Dass es nicht ganz so schnell ging, zeigte sich bei den ersten Probefahrten. In Sachen Antrieb und Fahrverhalten erwies sich der gebrtige Ami nicht als Offenbarung. Damit kamen Andreas Zemann und seine Kollegen ins Spiel. Es galt, den knftigen Taunus fit zu machen fr deutsche Kunden. Und das ging nur auf deutschen Straen, private Testgelnde gab es noch nicht. Also testete man ffentlich, aus Geheimhaltungsgrnden allerdings nur nachts.

Gern genommen wurde die A 4: Eine Schicht, acht Stunden lang, ging es immer wieder vom Kreuz Kln-West zum Aachener Europaplatz und zurck. Hier gab es wenig Verkehr, herrliche Querfugen und nette Polizisten, die zur Not auch mal einen Parkplatz sperrten, wenn die Testfahrer etwas zu schrauben hatten und dabei nicht gesehen werden wollten.

Fahrwerkstets an der Bordsteinkante

Die Verbrauchsmessungen im Klner Stadtverkehr erforderten grundstzlich eine Zwei- Mann-Crew: Der Beifahrer kmmerte sich um den Tank im Furaum und das Klemmbrett auf den Knien, auf dem die Zahl der Anfahr- und Schaltmanver festzuhalten war. Um gemtliche Spazierfahrten handelte es sich nicht, denn der Cardinal war alles andere als fertig entwickelt. Der Motor, ein halbierter V8, lief trotz einer Ausgleichswelle ziemlich rauh. Die Ventile blieben gern hngen, die Kraftstoffleitung war so ungnstig verlegt, dass sie immer wieder brach.

Als ausgesprochen mhsam erwiesen sich auch die Fahrwerktests. Mehrfach riefen Passanten die Polizei auf den Plan, wenn Zemann und seine Crew immer wieder auf Bordsteine (und wieder herunter) fuhren, um die Belastbarkeit der Aufhngungen und Antriebswellen zu testen. Am Ende wurde trotzdem alles gut: Im September 1962 kam der 12M P4 auf den Markt, zunchst mit 1,2 Liter Hubraum und klglichen 40 PS. Doch das war damals nicht so schlecht: "So viel Temperament: von null auf 100 in 28 Sekunden", schwrmte die Werbung.

"Ohne Gegenverkehr, das wre mir zu langweilig gewesen"

Zemann macht den Weg frei. Zwei Runden auf dem Hochgeschwindigkeitsoval mit den Steilkurven, danach ber die Handlingpiste.

Dagegen war der 65 PS starke 1,5-Liter in unserem Coup ein echter Brecher. Grund genug, mit ihm auf ein abgesperrtes Gelnde zu fahren. Andreas Zemann sieht das Ford-Testzentrum im belgischen Lommel zum ersten Mal und ist beeindruckt: von den strengen Sicherheitsmanahmen, den hohen Sichtschutzblenden, der Bremsbahn mit unterschiedlichen Reibwerten und der riesigen Fahrdynamikflche. Zemann nimmt erstmals in einem Taunus Coup Platz ("Den durften wir damals nie fahren.") und fhrt los: Zwei Runden auf dem Hochgeschwindigkeitsoval mit den Steilkurven, danach ber die Handlingpiste, durch den Staubtunnel, zwischendurch ein wenig Slalom, schlielich zur Rttelstrecke. Ganz behutsam fhrt er das alte Coup auf die eigens dafr gebauten Bordsteine und freut sich: "Hier strt einen keiner." Keine Frage also, dass man hier besser testen kann als damals auf der A 4? "Klar", sagt Zemann, aber ihm htte es trotzdem keinen Spa gemacht. "Irgendwie fhlt man sich hier eingesperrt. Und ohne Gegenverkehr, das wre mir zu langweilig gewesen."

Technische Daten

V-Vierzylinder, vorn lngs eingebaut 1487 cm 48 kW (65 PS) bei 4500/min max. Drehmoment 115 Nm bei 2300/min Fallstrom-Vergaser Viergang Frontantrieb Querblattfedern vorn, Lngsblattfedern mit Stabilisator hinten Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten Lnge/Breite/Hhe 4322/1594/1424 mm Rder 5 J x 13 Reifen 5.60-13 Leergewicht 880 kg Spitze 140 km/h

Autor: Hermann J. Mller

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