Ford Taunus TC II

Ford Taunus TC II

— 25.04.2014

Locker bezahlbar

Hinter seinem Vierspeichenlenkrad liegt die alte Bundesrepublik: Autos heien wie Mittelgebirge, sind simpel wie heiteres Beruferaten und gemtlich wie die kleine Kneipe in unserer Strae. Und trotzdem hat der spte Ford Taunus keine groe Lobby.

Es sind nur 18.896 Kilometer, da fehlt keine Eins am Anfang. Mehr ist die alte Dame nicht gefahren mit ihrem Ford Taunus, 36 Jahre hat sie dafr gebraucht und auch dann kein H-Kennzeichen haben wollen, als der Ford schon zum Sammlerstck geworden war. Jetzt ist sie mit 90 Jahren gestorben. Ihr Taunus ist noch da, sieht aus wie ein Jahreswagen und soll mit 6000 Euro so wenig kosten wie ein oller Golf IV. Manchmal ist Automobilgeschichte am spannendsten, wenn sie nicht von Marken und Machern erzhlt, sondern von den Menschen hinterm Lenkrad.

Das Design des Taunus '76 entsprang noch nicht einem CAD-Computer. Ein paar Liniale am Zeichenbrett reichten aus.

©C. Bittmann

Obwohl es lohnt sich, auch die Geschichte des letzten Ford Taunus noch mal zu erzhlen. Sie gehrt ins Deutschland der siebziger Jahre wie Lord-Extra-Zigaretten, die Illustrierte "Quick" und das Fragezeichen auf dem laufenden Band von Rudi Carrell. Und sie ist verblasst wie ein seidenmattes Porst-Farbfoto im Familienalbum, weil vor dem glatten Taunus das Knudsen-Modell mit der Nase kam und danach der aerodynamische Sierra. Diese beiden sind es, die in Erinnerung blieben, nicht der Taunus von 1976 bis 82, der klare, eckige, entworfen von Ghia-Designer Tom Tjaarda und Uwe Bahnsen, dem Gestalter des Badewannen-17M. Das interessierte zwar keinen, der damals einen Taunus kaufte. Und doch liebten sie seine Form, die so wirkte, wie sich die Bundesbrger jener Jahre selbst gern sahen: traditionsbewusst, doch nicht provinziell. Elegant, nicht verschwenderisch. Ford hatte 15 Prozent Marktanteil in jenen Jahren. Und der Taunus stand an jeder Ecke, weil er in fast jedes Leben passte.
Klassik-Test: Ford Taunus 1600 GXL

Der 1.6er verliert sich im Motorraum

Der Ford Taunus TC II ist gerade eben noch schnell genug fr die Autobahn und nicht zu durstig fr den Alltag.

©C. Bittmann

Es gab ber 60 Modellkombinationen, ungewohnt viel Auswahl fr ein Volk, das vom Kfer kam. Irgendwo da drauen, in Worms oder Wolfenbttel, saen Familien stundenlang am Teakholz-Esstisch, tranken "Kellergeister" und diskutierten, ob es ein Taunus 1.6 oder 2.0 sein sollte. Dazwischen lagen zwei Zylinder, 18 PS und nicht selten komplette Lebensentwrfe. So ist der rote Taunus der alten Dame zwar ein GL, gemacht "fr die Befriedigung hherer Ansprche", wie der Prospekt versprach, aber kein Zweiliter-V6. Ein 1.6er verliert sich im Motorraum, der blaue Ventildeckel hilft beim Finden. Eine Dreistufenautomatik wrgt an seinen 72 PS und erklrt mit gemtvollen Gangwechseln, warum gerade solche Typen bis heute berleben durften. Wenigfahrer strten sich weder am milden Temperament noch daran, dass kein Verkufer die Wanderdne wieder in Zahlung nehmen wollte. Und heute? Passt schon, weil Omas Galama-GLS mehr anrhrend als anregend wirkt. Blo keine Gebrauchsspuren hinterlassen auf dem beigen Fischgrt der soften Sitze, keinen Steinschlag riskieren auf dem makellosen Metalliclack.
Die Supernase: Ford Taunus TC

Das Vierspeichenlenkrad ist Luxus

Wohnzimmer-Atmosphre im Taunus. Dazu brauchte es nicht einmal die Ghia-Ausstattung.

©C. Bittmann

Ja, der 1.6er brummt wie der Hustinettenbr, die starre Hinterachse stt, und das Differenzial jammert, was alles zum Serienumfang zhlt wie "die Rechteck-Scheinwerfer mit dem intensiveren H4-Licht" oder "der Teppichboden, der farblich auf den Innenraum abgestimmt ist". So einfach konnte der kleine Luxus sein, fr den es nicht das plschige Ghia-Paket brauchte, es reichte schon ein Vierspeichenlenkrad und ein bisschen Holzfurnier auf dem Armaturenbrett. Und tatschlich: Es gibt gar nicht viel, was sich heute vermissen lsst. Der Kanten-Ford ist gerade eben noch schnell genug fr die Autobahn und nicht zu durstig fr den Alltag. Mit 4,38 Meter Lnge passt er in die Golf-Klasse, hat auf der Sofa-Rckbank und im Kofferraum aber mehr Platz als viele heutige Kompakte. Nicht einmal die Verarbeitung spricht gegen ihn: Es war der heute so gesuchte Knudsen-Taunus, der klapperte und knarzte, bis Henry Ford II in BILD am Sonntag offiziell um Vergebung bat. Und jetzt sind wir alle dran mit der Entschuldigung: Denn fast keiner will so einen spten Taunus, auch nicht fr Dnnes. Manchmal ist Automobilgeschichte auch noch ungerecht.

Technische Daten

Das Blaue in der Mitte ist der 1,6-Liter-Motor. Laufkultur ist nicht sein wichtigstes Anliegen.

©C. Bittmann

Ford Taunus 1.6 GL Motor: Vierzylinder, vorn lngs zentrale Nockenwelle, Antrieb ber Zahnriemen, zwei Ventile pro Zylinder, Ford-Fallstromvergaser mit Startautomatik Hubraum 1593 ccm Leistung 53 kW (72 PS) bei 5000/min max. Drehmoment 118 Nm bei 2700/min Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe (auf Wunsch Dreistufenautomatik) Hinterradantrieb Doppelquerlenkerachse vorn mit Schraubenfedern und Querstabilisator, hinten Starrachse mit Lngs- und Schrglenkern, Schraubenfedern und Querstabilisator Reifen 165 SR 13 Mae: Radstand 2579 mm L/B/H 4380/1700/1362 mm Leergewicht 1055 kg Tank 54 Liter Fahrleistungen/Verbrauch: 0100 km/h in 16 s Spitze 152 km/h Verbrauch 11 l S pro 100 km Neupreis: 13.940 Mark (1977).

Historie

Der Name Taunus taucht bei Ford erstmals 1939 auf. Der bucklige Ur-Taunus bleibt bis 1952 im Programm und wird dann von den Pontonmodellen 12M und 15M abgelst. Deren letzte Evolutionsstufe (P6) beerbt 1970 der Taunus TC. 1976 erfhrt der bis dahin nach dem damaligen Ford-Vorstandschef benannte "Knudsen-Taunus" eine grndliche berarbeitung. Das Design des TC II wirkt viel sachlicher und weniger amerikanisch. Den in England baugleich als Cortina verkauften Mittelklssler gibt es mit 1,3 bis 1,6 Liter groen Vierzylindern; anspruchsvollere Kunden bedient Ford mit zwei V6 (2,0 und 2,3 Liter). Der "Schrittmacher des sicheren Komplettautos" (Werbung) steht in drei Varianten zur Verfgung: als zwei- und viertrige Limousine und als Kombi ("Turnier"); das zuvor angebotene Fastback-Coup entfllt. Im Herbst 1979 beschert eine Modellpflege dem Taunus grere Leuchten und ein hheres Dach. Im Herbst 1982 lst ihn der bis auf die Motoren neu entwickelte Sierra ab. Auer in Kln, Genk (Belgien) und Dagenham (England) luft der Taunus TC auch in Argentinien sowie in Lizenz bis 1994 in der Trkei vom Band.

Plus/Minus

Fr 805 Mark extra wre es 1977 ein Taunus 2.0 mit suselndem V6 geworden.

Groe Gemeinheiten verkneift sich der Taunus, groe Finessen leider ebenso. Wirklich rger macht im Alter nur das Blech. Da Rostvorsorge in den 70ern noch ein Fremdwort war, verlie der Ford das Werk nahezu ungeschtzt. Die Folge: 35 Jahre spter gammelt er an allen Ecken und Enden. Ein prfender Blick sollte vor allem den oberen Stehblechen, A-Sulen und Schwellern gelten. Bei guten Autos empfiehlt sich falls noch nicht geschehen eine Hohlraumversiegelung und die Nachrstung von Innenkotflgeln. Die (unterdimensionierten) Differenziale und Radlager verschleien relativ schnell, technisch drohen sonst jedoch kaum bse berraschungen. Motoren und Getriebe sind robust und wartungsfreundlich. Die Vierzylinder laufen unkultiviert, die Sechszylinder nehmen gern einen Extraschluck aus dem Tank. Als Kombi (Turnier) ist der Taunus ein besonders praktischer Familien-Klassiker.

Ersatzteile

Zwar ist bei Ford selbst nicht mehr viel zu holen, spezialisierte Anbieter wie www.motomobil.de knnen aber vieles liefern. Die Preise sind moderat. Eine Lichtmaschine beispielsweise kostet 156 Euro, ein Kotflgel 285 Euro. Mit Karosserieblechen und Zierleisten in Herstellerqualitt wird es schwierig, Nachfertigungen nerven nicht selten mit widerwilliger Anpassbarkeit. An gut erhaltene Innenausstattungen kommen Taunus-Restaurierer fast nur ber Szenekontakte oder durch geduldiges Durchforsten von Internetbrsen.

Marktlage

Nachfrage? Kaum vorhanden. Angebot? Sehr bersichtlich, vor allem wenns ein Guter sein soll. Von den fast 1,8 Millionen gebauten Post-Knudsen-Taunus haben nur ein paar Hundert berlebt, die meisten wurden aufgebraucht. Fr 4000 Euro wirds ein Vierzylinder in Zustand 2, die V6 kosten etwa 2000 Euro mehr.

Empfehlung

Lieber den gut gepflegten (und mit etwas Glck durchaus noch auffindbaren) Vierzylinder aus Opas Garage als den durch mehrere Hnde gegangenen und zum Schluss von halbstarken Heizern abgerockten Sechszylinder. Auf jeden Fall nach Zustand kaufen, Restaurierungen machen wirtschaftlich kaum Sinn. Zhlen Seltenheit und Alltagsnutzen, lohnt sich die Suche nach einem Turnier.

Autoren: Christian Steiger, Malte Bttner

Fotos: C. Bittmann

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen gnstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung