Frankreichs abgefahrenster Autohandel

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Frankreichs abgefahrenster Autohandel

— 17.12.2008

Goldies Oldies

Marina und Roland Wolter hatten das Leben in Deutschland satt. Vor sechs Jahren kauften sie einen alten Hof in der Auvergne. Hier betreiben sie ihren Oldtimerhandel der etwas anderen Art.

Zum Verkauf steht ein Alvis TD 21, Baujahr 1960, mit Sechszylindermotor und versifften Sitzen. "Formschön und mit Drahtspeichenrädern", steht im Text der Ebay-Anzeige. Auf dem Foto posiert eine Dame, die, sagen wir mal: Hitze hat. Miniröckchen, knappes Oberteil, riesiger Ausschnitt. Marina heißt die Blondine. Und sie steht nicht nur vor dem Alvis. Marina lächelt neben R 4, zeigt Bein vor DS und Kurven vor Taunus. Da müssen wir hin. Loddes. Ein kleines Kaff in der Auvergne, dem französischen Naturparadies. Die Gegend ist gottverlassen, jede Straße menschenleer. Nur in La Vernière tobt das pralle Leben. Ein altes graues Haus, daneben ein nicht ganz so altes graues Haus, ganz links eine alte graue Halle, davor und dazwischen Dutzende Autos mit oder ohne Lampen, mit Rostflecken oder Rostlöchern.

Rund 150 Oldtimer auf 26.000 Quadratmetern

Das Konzept von Goldies Boutique: Marina posiert vor den Oldtimern, ihr Mann Roland besorgt die Autos.

Herzlich willkommen in Frankreichs abgefahrenstem Autohandel. Marina öffnet die Tür, der Ausschnitt ihrer Bluse ist noch viel größer als auf den Fotos im Internet. Im Wohnzimmer stehen drei Sofas und eine Theke, darauf eine Skulptur in Form einer Nackten. Marina erklärt: "Hier war früher mal eine Kneipe, der Wirt hat sich umgebracht, sein Sohn zu Tode gesoffen." Dann geht sie durch die Küche in ihr angrenzendes Büro: "Wir haben alles renoviert, sind aber noch lange nicht fertig." Wir, das sind Marina und Roland Wolter. Die beiden haben sich 2001 über eine Zeitungsannonce kennengelernt. Dann gleich der erste gemeinsame Urlaub in Frankreich. Sie sahen das 26.000 Quadratmeter große Anwesen und das Schild "a vendre" ("zu verkaufen"), waren hin und weg. Und haben gekauft, mit ihrem Leben in Deutschland abgeschlossen.

Der Ausstieg: Verkauf von Plunder auf einem alten Bauernhof in Frankreich

Rund 150 Klassiker auf 26.000 Quadratmetern: Goldies Boutique ist ein Paradies für Oldtimerfans und Schnäppchenjäger.

"Ich war Sachbearbeiterin in einer Maschinenfabrik im Siegerland", erklärt Marina, die 47 ist und figürlich zumindest für 35 durchgehen könnte. "Jeden Morgen ins Büro und für die Rente schuften, die man sowieso nicht bekommt. Nee, darauf hatte ich keine Lust mehr." Roland grinst. Der 55-Jährige trägt Jeanshose, Jeanshemd und Arbeitsschuhe. Er hat in seinem Leben schon fast alles gemacht, war Gärtner und in der Weinlese aktiv, hatte vor ein paar Jahren einen Herzinfarkt. Jetzt gießt er sich die dritte oder vierte Tasse Kaffee ein, zieht genüsslich an seiner x-ten Gauloises und ist zufrieden: "Die Autos, der Hof, Marina, das ist mein Ding." Als die beiden 2004 in das Anwesen zogen, eröffneten sie im Keller einen Flohmarkt. Verkauften Plunder, den sie aus ihrem alten Leben mitgebracht hatten, Geschirr, Kleidung. "Ich war schon immer Jäger und Sammler", erzählt Roland.

Erstes Auto: Peugeot 403

Auch einen Peugeot 403 brachten sie mit. Den wollte aber keiner. Jetzt steht er zwischen all den anderen Oldtimern, ist Symbol des neuen Lebens. "Der kostet 100.000 Euro, mindestens. Aber den verkauf' ich nie", sagt Roland. Für alte Autos hatte er schon immer eine Schwäche. "Wenn ich nach Frankreich gefahren bin – nur mit Anhänger. Dann hab' ich für 2000 Euro einen Peugeot oder Citroën gekauft und in Deutschland für 4000 wieder verscherbelt." So finanzierte er seine Urlaube. Dass mit deutschem Plunder in Frankreich kein Staat zu machen ist, merkten die beiden Aussteiger schon nach wenigen Wochen. Dann lernten sie einen betagten Franzosen namens Pierre kennen. "Pierrot", wie Marina und Roland den Kauz nennen, handelt mit Oldtimern, einige Kilometer weiter am anderen Ende der Auvergne, wo die Gegend ebenso gottverlassen ist wie in Loddes. Dieser Pierrot karrte Marina und Roland die ersten Rostlauben auf den Hof.

Verkaufsfördernde Maßnahmen: Strapse, Dessous, hohe Stiefel

In Goldies Boutique finden sich auch Raritäten wie ein Mercedes L319. Mit dem 319er stieg Mercedes 1956 in den Markt der Transporter ein.

Die beiden fingen an, zu verkaufen. Denn La Vernière liegt strategisch günstig direkt an einer Schnellstraße, auf der Urlauber fahren, die Autobahnmaut sparen wollen. Das Geschäft brummte, Roland holte immer mehr Oldtimer. Wie gesagt: Er fährt nie ohne Hänger los, "und wenn ich wiederkomme, steht da immer ein Auto drauf". Irgendwann lief es so gut, dass die beiden ihre Oldtimer via Internet anboten. Die Homepage heißt "Goldies-Boutique.eu", das  Markenzeichen ist "Goldie", wie Roland sie wegen ihrer langen, blonden Haare nennt. Er kaufte ihr Dessous, Strapse, hohe Stiefel. Und fotografierte sie vor den Oldtimern. "Sie zeigt sich halt gern", erklärt der 55-Jährige. Um auf die Homepage aufmerksam zu machen, stellen die beiden regelmäßig Autos bei Ebay ein. Die Resonanz? Marina lächelt: "Ich hab' einen eigenen Fanklub in Polen. Einer hat mir sogar schon mal Strapse mit Fell zugeschickt, weil ich auf den Fotos immer so wenig anhabe."

Das Konzept: Roland kauft die Oldtimer, Marina posiert für die Fotos

Der Zustand der Autos? Meistens restaurationsbedürftig. Auch dieser Ford Anglia Estate aus den 60ern ist ein Pflegefall.

Und dann war da noch die Sache mit den beiden Männern, die zu Besuch waren. "Einer von denen hat gefragt, was eine Nacht mit Marina kostet", sagt Roland. "Was meinst du, wie schnell die Typen weg waren?!" Er besorgt die Autos, sie posiert auf den Fotos. So lautet die Geschäftsidee. Und es läuft. 200 Karossen kaufen und verkaufen die beiden pro Jahr, Zustand zwischen Note vier und sechs. Mittlerweile ist der Hof für all die Autos zu klein geworden, nur etwa 120 bis 150 stehen in La Vernière. Das jüngste ist ein gespachtelter Mexiko-Käfer mit Frontspoiler, das älteste ein Vorkriegs-Mathis mit Holzkarosserie und Rosshaar-Dämmung. Im Garten wuchert Unkraut um einen Peugeot-203-Pritschenwagen, Enten rosten vor sich hin, und HY-Wellblechbüchsen warten mit offenen Schiebetüren auf den Prinzen, der sie küsst.

Roland kennt jeden Bauern und jede Scheune im Umland

Angekurbelt: Seitdem die Wolters Oldtimer verkaufen, brummt das Geschäft. Pro Jahr handeln sie rund 200 Fahrzeuge.

In benachbarten Hallen wollen 350 weitere Rostlauben aus ihrem Dornröschenschlaf befreit werden, viele sind komplett, bei den meisten dreht der Motor, dafür fehlen Fahrzeugpapiere. Roland rührt keinen der Oldies an. Er schießt Fotos, Marina stellt die Autos ins Internet. Wie der Oldtimermarkt in Frankreich aussieht? Roland winkt ab: "Schreib' einfach, dass es von privat nichts mehr gibt, die Leute müssen zu uns kommen." Höker wie Roland und Pierre haben den Markt leer gekauft, kennen jeden Bauern und jede Scheune und wissen, wo noch was zu holen ist. Das Problem: "Du brauchst einen Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Du musst mit den Bauern französisch sprechen und mit ihnen auf einer Wellenlänge sein", weiß der 55-Jährige. Und Geduld haben. Ja, Geduld sei wichtig, sagt Roland. "Ich kenne einen Bauern, der hat Schätze aus den 20er-Jahren in seiner Scheune. Wenn der mal verkauft, bin ich der Erste, den er anspricht."

Die Wolters suchen Mitstreiter-Paar zum gemeinsamen Leben und Arbeiten

Das Hillman Minx Mk VIII Cabrio müsste nur mal geputzt werden, der Motor läuft, der Lack ist okay.

Dann geht er raus, zeigt Garten, Pool, Ferienhaus. "Manchmal", sagt Roland, "wird das alles ein bisschen viel. Wir können nicht einen Tag wegfahren." Via Internet suchen die beiden "ein nettes, tolerantes Mitstreiterpaar zum gemeinsamen Leben und Arbeiten" – bislang ohne Erfolg. Vielleicht bringt eine andere Offerte ja mehr Glück. Zum Verkauf steht diesmal kein Alvis, sondern eine Woche Urlaub mit Silvesterfeier, 400 Euro kostet der Spaß. Frühstück inklusive. Auf den Bildern ist Marina zu sehen, im knappen Zweiteiler. Aber auch andere Mädels, überwiegend in Negligés. Szenen einer Ehe mit Oldies. Goldies Boutique eben. Was dagegen?

Autos aus Frankreich: Vorsicht, Schnäppchen!

Welche Oldtimer sind in Frankreich noch reichlich zu haben? In den 90er-Jahren gab es eine Verschrottungsprämie, deshalb ist das Angebot an Youngtimern nicht mehr ganz so gut. Trotzdem kann man fündig werden, weiß Joachim Kaiser (44), Vorsitzender des Franzosenklubs PeReCi in Berlin. Zum Beispiel gibt es Peugeot 404 und 504 als rostfreie Limousinen aus Altherren-Erstbesitz, 505 in der Standardausführung oder Renault 4, 5, 16 und 20. Citroën-CX-Modelle fahren in Frankreich oft in der Zweiliter-Variante, Autos von Talbot (Horizon, Solara) gibt es ebenfalls noch.
Bei welchen Modellen sind echte Schnäppchen drin? Hier ist Vorsicht geboten. Die Franzosen basteln gern an ihren Autos, improvisieren lieber, als in die Werkstatt zu fahren. Wer sucht, findet gute und gepflegte Peugeot 104 und 305 oder Vorkriegs-Modelle des Citroën Traction Avant. Die kosten allerdings mindestens 10.000 Euro, wenn sie wirklich fit sind. Was Oldtimer-Fans in Frankreich meist vergebens suchen: Autos der Oberklasse oder der oberen Mittelklasse wie Peugeot 604, Citroën SM oder Renault 30. Wegen der hohen Steuern wurde so was fast gar nicht verkauft. Und auch gute, bezahlbare Citroën DS sind Mangelware. Die "Göttin" genießt auch in Frankreich Kultstatus.
Wo und wie finde ich meinen Traum-Oldtimer? Nur wer ganz viel Zeit und Geld hat, fährt auf gut Glück zum Autokauf nach Frankreich. Wer es trotzdem macht: Man sollte Französisch sprechen können. Besser: vorher in Deutschland informieren. Es gibt zahlreiche Markenklubs. Einer davon ist PeReCi in Berlin. Die Auto-Fans haben sich auf Peugeot, Renault und Citroën spezialisiert, kennen sich aus mit Talbot und Simca. Eine sehr gute Übersicht von Markenklubs gibt es auch beim Deuvet, dem Bundesverband für Klubs klassischer Fahrzeuge. Und, ganz klar: Von Ebay-Blindkäufen ist grundsätzlich abzuraten.
Was ist bei der Überführung zu beachten? Frankreich gehört zur EU, deshalb fallen weder Zoll noch Mehrwertsteuer an. Wenn der Oldie auf eigener Achse fährt, ist immer eine Panne drin – besser per Anhänger überführen.
Welche Dokumente sind bei der Zulassung nötig? Original Fahrzeugpapiere sowie der Kaufvertrag sollten vorliegen – und die Unbedenklichkeitsbescheinigung des KBA, Infos beim Kraftfahrtbundesamt.

Autor: Andreas May

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