Goliath Express 1100

Goliath Express 1100

— 23.01.2012

Der Bremer Stadtlieferant

In der Hansestadt machte bis 1961 Borgward die Musik. Tochter Goliaths Dreiräder waren berühmt, die Vierrad-Transporter leider nicht. Umso wertvoller dieser Express 1100, eine blaue Mauritius der Lieferwagen-Szene.

Die Caltex-Ölwechselzettel von 1961 baumeln noch grau und verknittert unterm Armaturenbrett. Vor 51 Jahren kaufte ein französischer Bauhandwerker diesen Goliath Express. Ob er ahnte, dass der mal so selten sein würde wie ein Bugatti? Als wir den Nutzfahrzeug-Experten Holger Gräf nach dem Zeitwert des Kleintransporters fragen, fällt ihm am Telefon fast der Hörer aus der Hand. Der Chefredakteur des Fachblatts "Historischer Kraftverkehr": "Ich kenne keine andere Tiefpritsche. Dafür aber Leute, die für solch eine Rarität ganz klar fünfstellig zahlen würden." Von nun an nähern wir uns dem Express noch ehrfurchtsvoller. Zeigt er doch gut 50 Jahre nach der traurigen Borgward-Gruppen-Pleite, wie detailverliebt die Bremer ihre Transporter bauten.

Laufruhe garantiert: Der Vierzylinder-Viertakter grummelt vor der Vorderachse, das Getriebe sitzt dahinter.

©U. Sonntag

Wo andere einfache Armaturen ins lackierte Blech setzten, da prangen beim Goliath Tacho, Zeituhr, Benzin- und Temperatur-Anzeige, chromgefasst im Holzimitat aus Bakelit-Kunststoff. Darunter reihen sich sieben elfenbeinfarbene Knöpfe. Nur drei davon sind belegt, die anderen reine Show. Die teure Tafel stammt aus den Goliath-1100-Limousinen, wurde aufwendig in den Transporter eingepasst. Weil der Zweitakt-Mief schon in den Fünfzigern langsam verpönt war, baute Goliath bereits ab 1957 einen Wasserboxer ein. VW kam erst 25 Jahre später im Bulli T3 auf diese Idee. Laufruhig grummelt der Bremer Vierzylinder-Viertakter vor der Vorderachse, das Getriebe sitzt dahinter, in der Mitte strecken sich die Antriebswellen zu den Vorderrädern. Bei schnellerer Fahrt übertönen die Geräusche des Kühlerventilators das kernige Knurren der 40 PS. Die Lenkung dürfte leichter sein, über die fehlende Sitzverstellung können wir uns nicht aufregen, das war halt so.

Rückblick: Autos der 50er-Jahre

Die Schaltung braucht dafür Aufmerksamkeit, der Lenkradhebel will mit Feingefühl bewegt werden. Er besitzt zudem eine selbst gemachte Schaltsperre an der Lenksäulenverkleidung. Der französische Erstbesitzer hatte wohl Probleme mit dem Rückwärtsgang. Die Tacho-Höchstzahl verspricht 140, doch wenn die Nadel um die 90 pendelt, dann ist’s an der Zeit, vom Gas zu gehen. Auch wenn er Express heißt – diese Rarität hat Schonung verdient.
Fahrzeugdaten Goliath
Motor Vierzylinder, Boxer
Hubraum 1093 ccm
Bohrung x Hub 74,0 x 64,0 mm
kW (PS) bei U/min 29 (40)/4250
Nm bei U/min 79/2700
Höchstgeschwindigkeit 92 km/h
Getriebe Viergang manuell
Antrieb Vorderrad
Bremsen vorn/hinten Trommel/Trommel
Testwagenbereifung 6.70-15
Verbrauch (Werksangabe) 9,8 l
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 50 l/Normal
zulässiges Gesamtgewicht 2190 kg
Achslast vorn/hinten 1150/1150 kg
Neupreis 6600 Mark (1960)
Messwerte
Leergewicht/Zuladung 1155/1035 kg
Wendekreis (links/rechts) 14,2/12,7 m
Innengeräusch bei 50 km/h 82 dB (A)
Testverbrauch 10,3 l
Reichweite 480 km
Kosten
Steuern pro Jahr 124 Euro
Versicherung (HPF/100 %) 68 Euro
Werkstattintervalle 5.000 km
Kosten Ölwechsel/Inspektion 150/420 Euro
Zeitwert* (Zustand 2, Stand 01/2012) circa 15.000 Euro
* Schätzwert der Experten von "Historischer Kraftverkehr"

Autor: Diether Rodatz

Fotos: U. Sonntag

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