Hamburg-Berlin-Klassik 2008

Jaguar MK II VW 1303 Cabrio VW 1303 Cabrio

Hamburg-Berlin-Klassik 2008

— 16.09.2008

Das Hoch im Norden

Klassische Autos auf historischen Spuren: Die Oldtimer-Rallye Hamburg-Berlin verbindet zwei Metropolen, zwei Verlagssitze sowie Ost und West. Eine Tour durch blühende Landschaften.

Im Ford Thunderbird lassen sie heute die Puppe tanzen. Sie dreht sich, sie kreist mit den Hüften, sie wackelt mit dem linken Arm. "Habe ich vor der Rallye extra noch gekauft", sagt Dieter Hertrampf und zeigt auf die Figur an der Windschutzscheibe. Wie auf Kommando wirbelt der Wackel-Elvis da vorn um die eigene Achse – weil sich der zwei Tonnen schwere Straßenkreuzer gerade in die Kurve gelegt hat. Wir sind an Bord des T-Bird von Frank "Schatten" Toeffling (47) und Dieter "Quaster" Hertrampf (63), dem Gitarristen der legendären Ost-Rockband Puhdys. In Toefflings Ami-Schlitten von 1965, dem Gründungsjahr der Puhdys-Vorgängerband, absolvieren die beiden Freunde die Hamburg–Berlin Klassik , die erste Oldtimer-Rallye von AUTO BILD KLASSIK. "So ein Auto auf solch einer Strecke zu fahren", sagt Hertrampf und zieht an seiner knorrigen, handgezöpfelten Zigarre, "das hätte ich mir zu DDR-Zeiten nie träumen lassen." 

Hier alle Autos, die an der KLASSIK-Rallye teilgenommen haben

Kerndaten des Teams mit der Startnummer 154: 6,4 Liter Hubraum, 335 PS und Spaß ohne Ende. Man merkt das schon bei der ersten Wertungsprüfung am Hamburger Museum der Arbeit. Aufgabe: eine 50 Meter lange Strecke in neun Sekunden absolvieren, idealerweise auf die Hunderstel genau. "Du musst etwa 30 km/h fahren", schätzt Beifahrer Hertrampf extrem grob (20 km/h hätten es auch getan). "30 geht aber nicht", kontert Toeffling, "bei so niedrigem Tempo geht mir immer der Motor aus!" Weil die beiden Berliner auch keine Stoppuhren dabeihaben, zählt "Quaster" die Sekunden nach Gefühl: "21..., 22..., 23..., 24..." Und als er merkt, dass der Thunderbird viel zu früh durch die Lichtschranke rollen wird, zählt er einfach schneller: "25, 26, 27, 28, 29, geschafft!" Merke: Zeit ist eben relativ.l

Das schöne an Oldtimerrallyes ist ja: Jeder kann so ehrgeizig sein, wie er es für richtig hält. Gerhard (73) und Gisela Hamer (70) aus Hamburg – übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit unserem Verlagsgeschäftsführer – sind in der Hinsicht das glatte Gegenteil des Puhdys-Teams. Der pensionierte Postbeamte und die ehemalige Lehrerin haben sich vor 23 Jahren einen Mercedes 190 E zusammengespart und ihn seitdem gehegt und gepflegt. "Mein Mann ist immer selbst gefahren", erzählt Frau Hamer, "nur zweimal in all den Jahren durfte ein anderer hinter das Steuer." Im HAMBURGER ABENDBLATT hatten die Rentner gelesen, dass bei der Hamburg-Berlin Klassik Autos ab einem Alter von 20 Jahren zugelassen sind. "Erst da ist uns klar geworden, dass wir einen Youngtimer besitzen", sagt Gerhard Hamer. Familie Hamer schrieb den ADAC an, bat um Infomaterial über Klassikrallyes, schrieb auch Daimler an, telefonierte mit dem Rallyebüro, kaufte sich Fachbücher. "Und dann ging das Pauken los", erzählen sie. Lohn für so viel ernsthafte Vorbereitung: Nach dem ersten Tag belegten die Hamers unter 154 Teilnehmern Platz 52 – für die erste Rallye ein tolles Ergebnis.

Denn eines wollen wir festhalten: Die Rallye war eine sportlich ernsthafte Veranstaltung. "Ich hatte vorher gedacht, das wird so eine Kaffeefahrt", sagt Renn-Legende und Unternehmerin Heidi Hetzer (71), "aber da habe ich mich gründlich getäuscht." Einem Freund zuliebe saß sie im Porsche 356 C 1600 SC Coupé von 1963 zum ersten Mal nach etwa 100 Oldtimer-Rallyes nicht auf dem Fahrer-, sondern auf dem Beifahrerplatz. Hetzer: "So viele Wertungen in so kurzer Zeit und dann auch noch Geheimprüfungen darunter. Jetzt habe ich noch mehr Respekt vor den Beifahrern." Denn die sind es ja, die alles rechnen und ansagen müssen und dabei auch noch den Weg finden sollen. Ähnlich ambitioniert wie Heidi Hetzer zeigten sich die zweifache Rallye-Weltmeisterin Isolde Holderied mit Toyotas PR-Chef Jürgen Stolze: Ihre Celica TA 22 von 1975 war mit zwei Stoppuhren, einem Twinmaster und zwei Funkuhren extrem professionell ausgerüstet. "Ich kann einen ungeheuren Ehrgeiz entwickeln", verrät Holderied, "ich rechne vorher alles aus, schaue mir das Roadbook genau an. Einfach alles auf mich zukommen lassen, das passt nicht zu mir."

Hier kommen Sie zu den kompletten Ergebnislisten

Es hat halt jeder so seine eigene Taktik: Jochi Kleint zum Beispiel, der Rallye-Europameister von 1979, setzt gezielt auf Understatement: "Gleichmäßigkeitsprüfungen muss ich erst noch üben. Auf Zehntel oder gar auf Hundertstel zu fahren, das kann ich noch nicht." Sprachs und fuhr dann mit Jochen Berger (war mit Walter Röhrl Europameister 1974) im Opel Ascona B Gruppe 2 doch auf Rang sieben der Gesamtwertung vor. Bei dem Wagen handelte es sich übrigens um Kleints Original-Europameister-Auto von 1979. Inklusive der Beule im Kofferraumdeckel, die seinerzeit auf der Essen Motor Show ein Elefant mit seinem Rüssel verursacht hatte. Eine andere Strategie: lockeres Mundwerk. Und das wird am besten dargeboten von Tim Mälzer. "Wenn wir uns verfahren, mache ich dich rund", scherzt der Koch gegenüber Beifahrer Markus Frey, dem auch der Mazda Cosmo Sport von 1968 gehört, mit dem die beiden antreten. Das Auto ist eine Rarität: Der Cosmo war eines der ersten Serienautos mit Zweischeiben-Wankelmotor, wurde nur 1176 Mal verkauft – und die Produktion 1972 schon wieder eingestellt.

650 Kilometer, 20 Wertungsprüfungen, zwölf Ausfälle

Mit dem Gesamtsieg hatte das Team Mälzer/Frey dann auch tatsächlich nichts zu tun, den holten sich Konrad Schmidt und Andreas Kuppert vom Team Barbour auf ihrem BMW 3.0 CSi. Als kleinen Trost überlassen wir Kochprofi Mälzer aber gern das Schlusswort: "Es hat viel Spaß gemacht, es war eine tolle Tour und sensationell organisiert." Wir sagen Danke, Tim. Und bis zum nächsten Mal. Fortsetzung folgt.

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Für alle KLASSIK-Fans, die autobild.de auch mobil nutzen, haben wir ab sofort einen speziellen Gratis-Download eingerichtet: Auf unserem mobilen Portal AUTO BILD MOBIL (mobil.autobild.de) können Sie in der Rubrik Handy-Fun alle in der Galerie gezeigten Bilder kostenlos auf Ihr Handy herunterladen. Es fallen lediglich die aus Ihrem Mobilfunkvertrag resultierenden Datenkosten an. Für private Zwecke können Sie natürlich auch jedes online gestellte Motiv auf Ihren Rechner ziehen: einfach mit der Maus draufgehen, rechte Maustaste drücken, "Grafik speichern unter" wählen, einen Ablageplatz auf Ihrem Rechner ansteuern, fertig.
ERGEBNISSE: TOP 10
Fahrer Auto
Platz 1 Konrad Schmidt/Andreas Kuppert BMW 3.0 CSi (1971)
Platz 2 Peter Krieglsteiner/Thomas Linhardt Porsche 911 SC (1982)
Platz 3 Marcus Englert/Christof Hellmis Ferrari 250 GTE (1961)
Platz 4 Josef Juracka/Hana Jurackova Skoda Felica Super Cabriolet (1960)
Platz 5 Georg Weidmann/Curt Bloß Bentley R-Type Continental (1954)
Platz 6 Lars Stuhlweißenburg/ Marcus Klippgen VW Transporter Doppelkabine (1965)
Platz 7 Jochi Kleint/Jochen Berger Opel Ascona B Gruppe 2 (1979)
Platz 8 Reinhard Hainbach/Klaus Fabisch BMW 2002 ti (1972)
Platz 9 Mike Giesche/Gisela Giesche Porsche 911 (1973)
Platz 10 Petr Fiala/Tomas Fiala Ferrari 330 GT 2+2 Coupé

Autor: Alex Cohrs

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