Hanomag 2/10 PS

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Hanomag 2/10 PS

— 06.05.2010

Das Brot der frühen Jahre

Zwei Kilo Blech, ein Kilo Lack, fertig ist der Hanomag. Das Kommissbrot wurde verspottet und geliebt: Es war in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der erste wahre Volkswagen.

Die Idee vom Volksauto – sie boomt wieder in Zeiten des VW up! und Tata Nano. Einheitsgröße, Zeitgeist-Design aus dem Modellbaukasten, minimaler Preis. Alles neu? Nicht wirklich. Ein revolutionäres Jedermann-Auto kam vor über 80 Jahren aus Hannover und hieß Hanomag 2/10 PS. Dem Volksmund war das zu fad: Und so bekam der Rundling den Spitznamen "Kommissbrot". Alles andere als öde war das Konzept des Kleinstwagens: Seine Karosserieform ohne ausladende Kotflügel und Trittbretter machte ihn zum Pionier der Pontonform. Seine einfache Konstruktion erlaubte die Herstellung vieler Varianten: Offene Standardversion, Limousine, Sport-, Liefer- und Pritschenwagen – das perfekte Baukasten-Prinzip.

Das kleinste Auto der Welt: Peel P50

Zyklopenauge - ein Scheinwerfer mußte vor 80 Jahren für die Beleuchtung genügen.

Eine Neuheit war auch der erstmals serienmäßig gebaute Mittelmotor, dessen Vorteile auch Sportfahrer entdeckten. So waren beim Eröffnungsrennen des Nürburgrings 1927 auch Spezial-Kommissbrote am Start, die mit einem Schnitt von 60,6 km/h durch die Eifel kachelten. Aber das war nur eine Nebentätigkeit des Kleinkünstlers, der 1925 auf den inflationsgebeutelten Markt kam. Der einsame Hauptscheinwerfer und die Einzeltür berichten vom Spardiktat jener Zeit, aber die Askese hatte Erfolg: Mit einem Preis ab 2000 Reichsmark, einem klugen Marketing und modernem Ratenzahlungs-System gingen die Kommissbrote weg wie warme Semmeln. Bis 1927 fanden knapp 16.000 Käufer Gefallen am Zwerg-Zyklopen.

Schon das Starten des Kommisbrotes ist ein Abenteuer

Er war das Auto der kleinen Reisenden und Kaufleute, die sich vom Motorrad unter ein schützendes Dach flüchteten. Seiner Zeit voraus? Eher das richtige Auto zur richtigen Zeit. Wobei manche Kommissbrote den Krieg überlebten und noch durch die 50er-Jahre hoppelten. Wer heute mit dem Kauf eines Kommissbrotes liebäugelt, sollte kein Freund labbriger Weißmehlbrötchen sein. Das Abenteuer beginnt schon beim Start: Der Hanomag wird nicht mit einer Kurbel geweckt, sondern über eine Anwerfkette, die mit einem Hebel zwischen den Sitzen verbunden ist. Das braucht Feingefühl, denn zuviel Vorzündung kontert der Halbliter-Einzylinder mit einem deftigen Rückschlag, der dem Fahrer bis in die Halswirbelsäule donnert...

Nichts für Eilige

Wer endlich unterwegs ist, fühlt sich im Alltagsverkehr etwas einsam. Denn maximal 60 km/h läuft er. Am besten auf leeren Landstraßen, weil sie die Konzentration auf ein Auto erlauben, das noch Körpereinsatz, Zwischengas und manuelle Zündverstellung fordert. Nichts also für den hektischen Stadtverkehr mit Stop and go. Denoch ist der Hanomag ein Meilenstein in der Automobil-Geschichte. So sah es auch schon der Würzburger Volkswirt Otto Hoppe: "Das Problem des Volksautos wurde vorher in Deutschland von keiner Fabrik gelöst", schrieb Ökonom Hoppe im Jahr 1931 – da war das Kommissbrot bereits seit einigen Jahren schon wieder Geschichte und der Volks-Wagen Käfer noch lange nicht zu haben.

Technische Daten

Hanomag 2/10PS
Einzylinder-Viertaktmotor, quer vor der Hinterachse • wassergekühlt • hängende Ventile über unten liegende Nockenwelle, Stoßstangen und Kipphebel angetrieben • Bohrung x Hub: 80 x 100 mm • Hubraum 502 cm³ • 10 PS (7,4 kW) bei 2500/min • Hinterradantrieb (Kette) • unsynchronisiertes Dreiganggetriebe • Chassis: Kastenrahmen aus U-Profilen • vorn Schwingachse an Querblattfedern, hinten Starrachse mit Schraubenfedern • Länge/Breite/Höhe 2780/1118/1500 mm • Leergewicht 370 kg • Spitze 60 km/h

Historie

Das Hanomag "Kommissbrot" entsteht 1924 als Werk der Konstrukteure Fidelis Böhler und Carl Pollich. Einen Nachfolger gibt es nach Produktionsende 1928 nicht. Zwar geraten die späteren Hanomag-Automobile wie etwa die konventionellen Typen 3/16 (1928), Rekord (1934) oder der auf Dreizylinder-Basis entwickelte Prototyp Partner (1951) deutlich erwachsener, aber an den Erfolg des 2/10 PS knüpft keiner an. Als Lastwagen-Hersteller bleibt Hanomag bis 1974 auf dem Markt.

Plus/Minus

Der wassergekühlte Mittelmotor braucht Schlitze in der Haube für reichlich Kühlluft.

Der größte Anreiz für den Kauf eines Hanomag 2/10 PS ist heute das Gefühl, einen Meilenstein der Autogeschichte in der Garage zu haben. Zudem bietet der Einzylinder ungefilterten Fahrspaß und erreicht höchste Sympathiewerte. Auch das macht ihn einzigartig – wer kennt schließlich noch seine Zeitgenossen namens Exor, Priamus, Mollmobil oder Luwo? Neben all dem schönen Schein hat der runde Kohlenkasten aber auch seine Schattenseiten: allen voran die mechanische Startweise, die sehr kraftvolles Anreißen fordert. Kurios: Werden die massiven Holzspeichenräder nicht von Zeit zu Zeit feucht gehalten, verziehen sie sich – akuter Stillstand droht.

Marktlage

Das Kommissbrot ist eine Rarität, etwa 30 fahrbereite Exemplare sind der Hanomag IG bekannt. Scheunenfunde sind selten wie Sechser im Lotto, aber trotz des überschaubaren Bestands kommen immer mal wieder gute Exemplare zum Verkauf. Unerschwinglich ist der kleine Hanomag bis heute nicht: Vollständige und fahrbereite Exemplare (Zustand 3 bis 4) erreichen Preisregionen um 15.000 Euro, Tendenz steigend. Spitzen-Stücke können 25.000 Euro und mehr kosten.

Ersatzteile

In Anbetracht seines biblischen Alters kann beim Kommissbrot nicht mehr von einer organisierten Ersatzteilversorgung gesprochen werden. Bis auf wenige Normteile ist fast nichts erhältlich. Besonders gesucht sind Motoren- und Getriebeteile sowie alles rund um die Elektrik. Im Ernstfall helfen die Clubs weiter: Ihre Typreferenten wissen, wo Teile aufzutreiben sind oder welche Nachfertigungen gerade vorbereitet werden.

Empfehlung

Das wichtigste Kriterium beim Kauf des kleinen Volks-Automobils heißt Vollständigkeit. Da die meisten Teile nur sehr schwer zu beschaffen sind, kommen Restaurierungsobjekte nur für Sammler infrage, die mit der Materie vertraut sind und über gute Szenekontakte verfügen. Ansonsten gilt auch beim Kommissbrot, das etwas teurer meist billiger ist.

Autor: Jochen Perrey

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