Im Wald der toten Wagen
— 27.07.2010Das letzte Paradies
Und Sie glauben wirklich, der letzte Oldtimer-Schrottplatz sei aufgelöst? Stimmt nicht: Es gibt sie noch, geheime Orte, die keine Umweltbehörde kennt. Hunderte von Klassikern, vergessen im Wald – ein Paradies für Rost-Romantiker.
Aus für den Autofriedhof in Kaufdorf/Schweiz
Nach Jahrzehnten siegt die Natur über die Technik
Die Ansammlung von verrotteten Audi 60, Ford 17M P2 und Borgward Isabella rundet das Bild des versteckten Ortes ab. Hier stehen die jüngeren, noch nicht völlig zusammengebrochenen Dauerparker. Doch einem Fiat 600 wächst ein stämmiger Baum durchs Seitenfenster und zieht den Italiener in luftige Höhe. Bei einem Ford Anglia zwängt sich ein stattlicher Ast durch die Tachometer-Öffnung – Sieg der Natur. Vandalen haben diesen Ort jedoch noch nicht entdeckt. Das ist ein Wunder, denn er liegt mitten in Europa, nicht in den Weiten der skandinavischen Wälder, sondern nahe der nächsten Autobahn-Ausfahrt. Nebenan lärmt ein Bauer mit seinem Trecker und treibt die Kühe auf die Weide, die das kleine Waldstück umgibt. Zeit, den Ort zu wechseln. Denn ein paar hundert Meter weiter soll es noch einen weiteren, größeren Autofriedhof geben. Wer die Wracks gesammelt hat, wem die Wälder gehören, das sind Fragen, auf die Bewohner des nahen Dorfes nur einsilbig antworten. Wenn sie überhaupt mit Fremden reden.
200 Wracks im Wald
Fest steht: Bis vor kurzem gab es noch mehr Schrott im nahen Gehölz. Zwei Plätze sind inzwischen Geschichte, auch den übrigen könnte bald ein ähnliches Schicksal drohen. Ähnlich dem Autofriedhof in Gürbetal in der Schweiz, der jetzt nach über 70 Jahren zwangsgeräumt wird, weil es sture Behörden so wollen. Doch noch lohnt sich der Weg. Nach vielen Metern durch das dichte Unterholz stockt der Atem: Auf einer langen Lichtung stehen etwa 200 Fahrzeuge. Es sieht aus, als hätte sich ein Verkehrsstau des Jahres 1963 niemals aufgelöst. An den Seiten der Fahrspuren parken die Autos zwischen den Bäumen, als wären ihre Besitzer nur kurz ausgestiegen. Erstaunlich: Die Wracks, die unter den Bäumen stehen, sind morscher als ihre ungeschützten Nachbarn. Viele sind ausgeschlachtet, andere tragen noch die komplette Verglasung und alle Instrumente. Deutsche Modelle stehen da, Amis und Franzosen. Eine seltsame Mischung, aber funktionstüchtig ist nichts mehr: vergammelt, verrostet, zusammengesackt, verbogen und verformt. Selbst die heil gebliebenen Fensterscheiben sind an den Rändern milchig wie der Nebel im Morgengrauen.
Viele US-Schlitten der 1950er stammen von GIs
Viele der Autos müssen seit über 50 Jahren hier sein, wie der Peugeot 202 aus den Vierzigern. Seine Blechhaut ist so dünn wie Toilettenpapier. Opel Rekord P2, Kapitän PL, A-Kadett, Peugeot 404, ein paar Buick, zwei Plymouth Savoy mit monströsen Stoßstangen und ein zusammengebrochener Panhard Dyna leisten ihm Gesellschaft. Die meisten Autos stammen von Soldaten einer nahe gelegenen ehemaligen US-Militärbasis. Die ausgemusterten Kisten der GIs landeten beim örtlichen Schrotthändler. Der stellte die Wracks in den Wald und soll vor Jahren verstorben sein. Damals, als es noch keine Umweltauflagen für die entsorgende Branche gab. Dass die Behörden heute wacher sind, wissen die Leute im Dorf. Auch deshalb antworten sie am liebsten nicht auf die Fragen neugieriger Fremder. So bleibt die Stimmung im Wald der toten Wagen gespenstisch: Licht und Schatten, die Fratzen der verfallenden Autos im Zwielicht oder im Dunkeln. Dass der Autofriedhof kein ganz geheimer Ort ist, zeigen die Reste eines Grabgestecks mit grellroten Plastikrosen und verwitterten Seidenschleifen. Sie liegen auf dem Vordersitz eines Buick aus den frühen 50ern. Hier muss vor kurzem ein anonymer Melancholiker der Autos gedacht haben. Der Zylinderkopf des Achtzylinder-Reihenmotors wäre eine gewichtige Erinnerung, aber auch eine Form von Entweihung. Nein, Fotos müssen genügen.
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Kommentare zum Artikel (14)
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Der angesprochene Schrottplatz in Schweden - unter der Adresse - http://picasaweb.google.com/owtoeging/KyrkoMosse# - gibt es viele Fotos zu sehen. Viel Spaß.
Sehr zu empfehlen ist auch der Autofriedhof bei Ryd in Südschweden (Kyrkömosse), Smaaland. Große Ansammlung von z.T. schon sehr verwitterten aber beeindruckenden Autowracks von den 50-80'er Jahren. Ein Ausflug dahin ist lohnenswert und es gibt auch gute Übernachtungsmöglichkeiten in der Nähe. Z.B. Hotell Älgen (www.aelgen.de)
Leider wurde der eine Platz geräumt, der andere ist noch vorhanden (der Grösste von Allen). Wie lange es diesen noch gibt ist unklar.
Ich bin 13 Jahre alt und mach Naturfotos und würde gerne dieses Paradies besuchen aber wo ist es?
Und wer noch mehr solcher anbetungswürdig vergammelten Wracks sehen will: www.sleeping-beauties.de . Rost in seiner schönsten Form!