Interview: Derek Bell über Stefan Bellof

Interview: Derek Bell über Stefan Bellof

— 10.08.2013

Das war verrückter als Formel 1!

Rennfahrer-Legende Stefan Bellof stellte vor 30 Jahren seinen bis heute unerreichten Weltrekord auf der Nordschleife auf. Sein Teamkollege Derek Bell erinnert sich in unserem Exklusiv-Interview an Bellof und eine unglaubliche Renn-Epoche.

Am 28. Mai 1983 fuhr Stefan Bellof im Training zum 1000 km-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife mit einem Porsche 956 die schnellste Zeit: 6:11,13. Ein Rundenrekord, den er bis heute hält. Leider kam der Porsche 956, in dem er sich das Cockpit mit Derek Bell teilte, nicht ins Ziel: Im Rennen crashte Bellof schon früh, der Porsche war schrottreif. Zum 30-jährigen Jubiläum der Rekordfahrt kam der 956, mittlerweile vollrestauriert, erneut in die Eifel. Im Gedenken an Stefan Bellof, der 1985 in Spa tödlich verunglückte, und seine Rekordfahrt drehte Derek Bell im Rahmen des 41. AvD-Oldtimer-Grand-Prix einige Demorunden mit jenem Auto, das auch mal seins war. autobild.de sprach mit ihm über Mensch und Maschine:

autobild.de: Mister Bell, Sie haben soeben mit dem Porsche 956 zwei Demorunden auf der Nordschleife absolviert, und waren dabei nicht gerade schnell unterwegs. Wären Sie gerne....?
 
Derek Bell: ...Sie meinen, ob ich gerne schneller gefahren wäre? Um ehrlich zu sein, nein – der 956 fährt nicht wirklich gut um den Ring.
 
Wie das?
 

Längst eine Rennfahrer-Legende: Der Brite Derek Bell (Jahrgang 1941).

©Götz v. Sternenfels

Das Auto ist sehr hart, sehr rau, und die Strecke dafür viel zu holprig. Deshalb kamen wir auch nur einmal hierher, weil es so gefährlich war. Aber so hatte ich immerhin die fantastische Gelegenheit, ein solches Auto hier zu fahren. Den 917 zum Beispiel haben wir auf dem Nürburgring nicht gefahren, sondern den 908/3. Keine Frage: Den 956 hierher zu bringen, war verrückter als einen Formel 1 zu fahren!


So verrückt, wie mit einem Formel 1-Auto in Monaco zu fahren?

Nein, das ist etwas völlig anderes. In Monaco ist es kein Problem, schnell unterwegs zu sein. Die Strecke ist völlig eben, und wenn man nicht von der Straße abkommt, kann nichts schief gehen – das ist am Nürburgring natürlich auch nicht anders, aber das eigentliche Problem ist, dass man hier von einer Bodenwelle zur nächsten hüpft. Und zwar ständig. Stefan kam damals im Rennen von der Strecke ab – ich weiß nicht genau warum, vielleicht hatte er nicht genug Respekt vor ihr. Es gibt einen Film, ich wurde damals bei einer Runde gefilmt...
 
Ja, das Video ist auf Youtube zu sehen.
 
...genau, aber leider können Sie da meine Hände am Steuer nicht sehen. Sont würden Sie sehen, was ich meine. Der Nürburgring ist die größte Rennstrecke der Welt, aber sie eignet sich nicht für ein Abtrieb-Auto. Der Ring ist perfekt für Tourenwagen – ich meine nicht die modernen DTM-Autos, eher die alten, die man schon eher über die Bodenwellen fliegen lassen konnte. Deshalb war unsere Teilnahme am 1000 km-Rennen damals etwas so Besonderes.

Stefan Bellof war ein besonderer Rennfahrer, heißt es – was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an ihn denken?
 

Seine Karriere war viel zu kurz: Rennfahrer Stefan Bellof (1957 - 1985).

©dpa

Dass wir die 1000 Kilometer nicht gewonnen haben! Ich will gar nicht davon reden, dass er starb, das war ja zwei Jahre später. Bellof kennenzulernen und mit ihm zu fahren war eine fantastische Sache. Ich konnte damals, glaube ich, aus drei verschiedenen Fahrern meinen Teamkollegen wählen und entschied mich bewusst für Stefan, weil er noch so jung und ein hochinteressanter Fahrer war. Und Porsche war wohl der Ansicht, dass ich dazu beitragen konnte, ihn reifen zu lassen. Ich konnte es aber nicht – und ich habe es auch nicht versucht. Wir fuhren dazu auch nicht oft genug zusammen.


Ich hätte ihn gerne etwas ruhiger gemacht, tatsächlich aber konnte ich das gar nicht. Porsche hat aber auch nie direkt gesagt: „Wir wollen, dass Du dich um Stefan Bellof kümmerst und dafür sorgst, dass er am Leben bleibt.“ Es ging nur darum, ihm ein guter Teamkollege zu sein. Doch er brauchte noch Führung, und ich konnte nicht mit ihm gemeinsam Auto fahren – nur vorher und nachher mit ihm sprechen. So hoffte ich, dass er aus seinem Crash hier am Ring lernen würde – das Auto war ja ein totales Wrack. Aber ihn lockte die Formel 1, und in der Formel 1 erwarten sie von dir, dass Du ein Draufgänger bist.

Und wie war Bellof als Mensch?
 
Er war ein ganz liebenswerter Mensch – und unheimlich enthusiastisch. Das wirkt heute noch nach, wie man an seinen Fans sehen kann, die ihm heute noch folgen.

Das ist tatsächlich außergewöhnlich – und noch nicht mal bei Senna in dieser Form spürbar.

Bei Senna ist das aber auch etwas völlig anderes. Wäre Senna nach nur drei Karriere-Jahren in Brasilien verunglückt, verhielte es sich wohl ähnlich. Bellof starb in einem deutschen Auto und hatte ein großes, deutsches Publikum, für das er zweifellos ein Star gewesen ist. Natürlich war er ein ganz besonderer Fahrer – wie Senna eben auch. Es gibt ja nur eine Handvoll Fahrer, die zu dieser exclusiven Gruppe gehören. Bellof hat leider nicht überlebt, wie so viele andere große Fahrer meiner Zeit auch. Schauen Sie sich nur mal um: Jochen Rindt, Ronnie Peterson, Gilles Villneuve, und viele andere – alles brillante Fahrer, bei denen irgendwas schief gelaufen ist. Es trifft immer die guten! Warum habe ich überlebt? Warum Stuck? Warum Quester? Ich weiß es wirklich nicht.
 
Sie waren vielleicht einfach nicht verrückt genug?
 
Naja, wir waren vielleicht etwas ruhiger, hatten mehr Kontrolle, kannten die Limits. Und ich glaube, es kann schrecklich ausgehen, wenn jemand das Limit nicht kennt. Ich habe nie zu Bellof gesagt: „Stefan, weißt Du, wo das Limit ist?“ Ich glaube, für sich selbst hat er es nie gefunden.

Noch einmal zurück zum Porsche 956. Was war anders, was machte ihn so besonders?
 

Einer der erfolgreichsten Rennwagen der Geschichte: Porsche 956

©Porsche AG

Porsche-Chefentwickler Helmuth Bott
, bot mir damals an, den 956 zu fahren. Im 936 hatte ich Le Mans gewonnen, das war das einzige Rennen, das ich für Porsche bis dato gefahren war, und es war fantastisch. Also dachte ich sofort: Wow! Was für eine Gelegenheit! Ich wusste nicht wirklich, was die Gruppe C war, und Barth sagte: „Wir bauen ein Monocoque-Chassis. Haben wir noch nie gemacht. Wir bauen ein Abtrieb-Auto. Haben wir auch noch nie gemacht. Und noch nie hat jemand einen Sechszylinder-Boxermotor in ein solches Auto eingebaut.“ Ich meinte: „Ist das alles wirklich so eine clevere Idee?“ Und Barth sagte: „Wir haben auch noch nie falsch gelegen!“ Letztlich war es einfach ein Meisterstück der Ingenieurskunst, das den Standard für Prototypen-Rennen setzte.

Hier beim Oldtimer Grand Prix starten viele verschiedene Rennen und unterschiedlichste Klassen. Welche Motorsport-Epoche ist für Sie die aufregendste?

Die Sportwagen-Zeit. Ich habe alle möglichen Autos gefahren, auch Formel 1-Wagen, und doch bin ich glücklich, gerade die großen Porsche-Sportwagen, also den 956 und seinen Nachfolger 962, gefahren zu sein. Das waren starke Autos, die in Rennserien auf der ganzen Welt starten konnten. Ich bin für Porsche bestimmt 10 Rennen in Europa und nochmal 10 in den USA gefahren – mit dem gleichen Auto! Das gab es vorher und nachher nie wieder. Das war eben die Zeit. Damals konnte man mit einem Bündel Geld einen Porsche 962 kaufen und Rennen fahren – heute geht so etwas nicht mehr. Außerdem war ich beim besten Team und hatte die besten Teamkollegen, das war großartig! Also ich würde sagen: 1980 bis in die Mitte der 90er Jahre. Das war die beste Zeit.
 
Interview: Frederik E. Scherer

Highlights vom Nurbürgring beim AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2013









Fotos: Götz v. Sternenfels, dpa, Götz v. Sternenfels, Porsche AG

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