Alfa Romeo Autotutto F12

Italo-Van Alfa Romeo Autotutto F12

— 07.12.2012

Alfa-Transporter mit Sportlerherz

Renn-Dienst, Lastesel, Krankenwagen: Mit seiner Vielseitigkeit machte der Alfa Romeo F12 im Italien der 50er und 60er Karriere. Warum er dennoch kein Dutzendtyp ist.

Der Romantiker mag es sich so vorstellen: Targa Florio, 1968, am Alfa Romeo Tipo 33/2 von Nanni Galli lst sich im Training eine Antriebswelle. Stillstand. Die Titelhoffnung aller Italiener, gestrandet im Hinterland Siziliens. Doch Hilfe naht. Schlingernd kommt ein Alfa-Kleinlaster, ein "Assistenza"- Transporter des Autodelta-Teams, zum Stehen. Mnner in ligen Overalls, die brennende Muratti im Mundwinkel, springen heraus, bocken kurzentschlossen den Prototyp auf, nach wenigen Minuten kann es weitergehen.

Gelber Engel: So fuhr sie frher vor, die Hilfe fr den
Alfa-Romeo-Kunden im Renneinsatz.

©S. Beckefeldt

Am nchsten Tag werden Nanni Galli und Ignazio Giunti Zweite im Gesamtklassement, Porsche gewinnt. Szenenwechsel. In Turin erleben berraschte Passanten, wie ein Dutzend kleiner dunkelblauer Alfa-Busse der Guardia di Finanza die Villa irgendeines Magnaten umstellen. Ah, Signore hat ein Problem ... Renn-Dienst, Behrden-Karriere, tragende Aufgaben beim Militr und im Gesundheitswesen. Das alles war mal Alfa. Und noch viel mehr. Dass eine der ersten Neukonstruktionen der Mailnder Marke nach dem Krieg ein Nutzfahrzeug war, ist komplett in Vergessenheit geraten. Genauso, dass der Alfa Romeo Autotutto, das Allzweckfahrzeug, 1954 fortschrittlicher als die versammelte Konkurrenz war und als erster Alfa Romeo Vorderradantrieb besa. Heute ist es einfacher, an einen toprestaurierten 2600 Spider heranzukommen, als einen brauchbaren Alfa-Transporter zu finden.

Alfa Romeo Autotutto: Alfa mal anders

Lal! Vor seiner zweiten Karriere diente dieser F12 als Krankenwagen beim Militr.

©S. Beckefeldt

Liegts an dessen lauen Stckzahlen? Keine 35.000 Stck in fast 30 Jahren, was daran liegt, dass die Transporter fr Alfa Romeo komplettes Neuland waren. Und vielleicht geriet die Konstruktion nur deshalb so modern, weil nichts Altes die Sicht versperrte. Als Frontlenker mit Vorderradantrieb und solidem Rahmen-Unterbau bot der Alfa genug Freiheit fr Aufbauten aller Art und besa schon in Standard-Bauweise als Bus oder Transporter eine durchgehende Frontscheibe und eine groe Tr am Heck. Die variable Grundkonstruktion, die Einzelradaufhngung rundum und der neue Vierzylinder- Leichtmetallmotor der bezaubernden Giulietta erhoben den Romeo 2, wie der Autotutto auch genannt wurde, weit bers Klassenma. Der Zweizylinder-Diesel von Perkins wurde zwar als sparsame Alternative zum 1,3-Liter-Doppelnocker angeboten, darf jedoch als reizarme Notlsung verbucht werden.

La dolce vita: Alfa Romeo GT 1300 Junior

Die Beschriftung ber den Schaltern verrt, dass dieser Wagen mal ein Martinshorn und Nebelscheinwerfer hatte.

©S. Beckefeldt

Doch trotz aller guten Gene, ein typischer Alfa wurde der Mailnder Frachter nie. Nur 37 PS lieferten die ersten Motoren, zum Ende der Karriere waren es immerhin 60 PS. Sie werden wie bei unserem Fotoauto, einem spten F12 (Furgone) von 1975 von der kurzen bersetzung des ZF-Vierganggetriebes eingefangen und von der Motor-Peripherie domestiziert. Statt heiser zu trompeten, rasselt der Motor nur lautstark im Erdgeschoss. Die Lenkung ist fordernd ausgelegt, die hohe Sitzposition alternativlos, der Motor heizt gnadenlos ein. Alfa fahren fhlt sich auf einmal sehr anders an. Warum nicht einen Zweiliter mit 132 PS reinhngen? Weil unterm Motordeckel der Platz fehlt. Und weil der Beifahrer der Vergaser- und Ansauganlage im Weg wre. Also doch nur 115 Spitze, mehr war ab Werk nicht drin. Grere Benziner als den 1,3-Liter gab es nie. Auch an Konstruktion und Fahrwerk nderte sich ber die Jahrzehnte nichts. Es war auch das se Gift der Subvention, das die Entwicklung lhmte: Der Staat garantierte Absatz, Privatleute kauften bei Fiat billiger. 1983 fuhr der Alfa-Bus ins Museum. Kein Vorgnger, kein Nachfolger: Ende der Ausnahme.

Technische Daten

Flacher Ladeboden und weit ffnende Hecktr, damit war Alfa der Konkurrenz lange voraus.

©S. Beckefeldt

Alfa Romeo F12 Motor: Reihenvierzylinder, vorn lngs zwei oben liegende Nockenwellen, ber Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder ein Solex-Fallstromvergaser Bohrung x Hub 74 x 75 mm, Hubraum 1290 ccm Leistung 44 kW (60 PS) bei 5600/ min max. Drehmoment k. A. Antrieb/ Fahrwerk: ZF-Viergangschaltgetriebe Vorderradantrieb Einzelradaufhngung, vorn an querliegender Blattfeder, hinten an Lngslenkern und Drehstben Scheibenbremsen vorn, Trommeln hinten Reifen 6.00 oder 6.40 R16 Mae: Radstand 2300 mm Lnge/Breite/Hhe 4410/1740/2000 mm Leergewicht 1400 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0100 km/h k. A. Spitze 115 km/h Verbrauch 12,4 l N pro 100 km Neupreis: k. A., in Deutschland nicht offiziell erhltlich gewesen.

Historie

Zwischen den Sitzen schlgt das Herz des F12, der berhmte Alfa-Doppelnocker vom Typ 750.

©S. Beckefeldt

Im April 1954 prsentiert Alfa Romeo auf dem Turiner Salon den neu entwickelten Eintonner-Lieferwagen Autotutto bzw. Romeo 2, das Auto fr alles. Die moderne Konstruktion, zuerst als Transporter und Bus verfgbar, besitzt Einzelradaufhngung und Vorderradantrieb. Dank flacher Plattform und Rahmenbauweise sind beim Aufbau zahlreiche Varianten mglich. Zur Wahl stehen ein per Kompressor aufgeladener Zweizylinder-Diesel (1158 ccm, 31 PS) von Perkins oder der 1,3-Liter-Vierzylinder (1290 ccm, 37 PS) der Giulietta. Ab 1956 wird der Romeo 2 von der spanischen FASA in Lizenz gebaut und ab 1967 offiziell nach Kolumbien exportiert. Im selben Jahr erhlt der Romeo 2 ein Facelift mit genderter Front und vorn angeschlagenen Tren, die Diesel-Variante entfllt. Alfa unterscheidet nun in A (Autocarro = Lastwagen) und F (Furgone = Kastenwagen) sowie die Nutzlastversionen 11 und 12. Ab 1973 gehrt wieder ein Perkins-Diesel (vier Zylinder, 1760 ccm, 50 PS) zum Angebot. Mitte der 1970er-Jahre folgt das letzte Facelift mit schwarzem Kunststoffgrill. 1983 luft die Fertigung der verbliebenen A12- und F12-Versionen aus. Gesamtstckzahl: 34.500.

Plus/Minus

Versteckt und doch entdeckt: Die Batterie trägt der Frontlenker hinten links.

©S. Beckefeld

Fr Liebhaber klassischer Alfa Romeo im Speziellen und Freunde alter italienischer Automobile im Allgemeinen stellt der Romeo 2 eine Versuchung dar. Ein Kleintransporter mit Sportwagenmotor, wo gibt es das ein zweites Mal, wie lassen sich Last und Lust besser verbinden? Dass der Alfa hbsch antiquiert aussieht, sehr selten und natrlich durchaus praktisch ist, steht ebenfalls auf dessen Habenseite. Weniger schn sind das mangelhafte Angebot, die unzuverlssige Aktenlage um Technik und Ausstattung und der Umstand, dass sich der Lastenwagen trotz seines Doppelnockenwellen-Leichtmetallmotors wie ein Nutzfahrzeug fhrt, lenkt und bremst. Dieser Alfa Romeo ist und bleibt ein Kaltblter: Wer mit ihm glcklich werden will, muss das vorher wissen.

Ersatzteile

1983 kam das Aus für den Alfa-Bus. Wer ihn heute noch fahren will, muss für ein gutes Exemplar etwas 14.500 Euro berappen.

©S. Beckefeld

In der Transporter-Fertigung hat Alfa verbaut, was in der Pkw-Produktion liegen geblieben war. Ohne Kenntnis des Alfa-Romeo-Technikbaukastens sowie Kontakte zur Alfa-Szene und nach Italien ist ein sanierungsbedrftiger Autotutto nur sehr mhsam wieder auf die Strae zu bekommen. Der stabile Rahmen macht eher selten Sorge, die Karosserie ist jedoch rostgefhrdet, und Reparaturbleche sind Mangelware. Krmmer, Rcklichtglser, Khlergrill, Fenster- und Trdichtungen, das alles kann Autotutto-Besitzern Probleme bereiten. Ein Grund fr die schlechte Ersatzteilversorgung ist, trotz langer Bauzeit und kaum vernderter Konstruktion, die geringe Stckzahl des Lasten-Alfa. Vielleicht haben Behrden ja noch was auf Lager?

Marktlage

Sehr mager bis nicht existent. Selbst in der alten Heimat ist der Alfa Autotutto in jedweder Ausprgung extrem selten geworden. Nur ein Angebot findet sich derzeit auf dem italienischen Internet-Automarkt. Der abgekmpfte Kastenwagen (F12) trgt Perkins-Diesel sowie verschossenes Rot und soll 1900 Euro kosten. Eine Chance?

Empfehlung

Fragen Sie die Experten. Beim Alfaclub e.V. stehen seit Jahren zwei restaurierte Alfa Romeo F12 als Werbetrger und Lastesel in Diensten. Die Enthusiasten verfgen ber Erfahrungen in Nutzung und Erhalt des hierzulande extrem exotischen Alfas und knnen mit Tipps bei einem mglichen Kauf sowie der spteren Instandsetzung weiterhelfen. Fr Einzelkmpfer gilt: Der Wagen muss komplett, die Karosserie zu retten sein. Das mit der Technik findet sich schon irgendwie.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: S. Beckefeldt, S. Beckefeld

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