Fahrbericht Callum Mark 2

Jaguar Mark 2 gestern und heute

— 03.08.2015

Der Mark 2 mit dem zweiten Gesicht

Jaguar-Designer Ian Callum modernisiert den klassischen Jaguar Mark 2. Geniale Idee oder Sakrileg? Wir wagen eine Probefahrt.

Wo anfangen? Bei diesen Front- und Heckschürzen aus Kevlar in Wagenfarbe? Bei den Breitreifen? Bei den Luftschlitzen oder dem grellroten Innenraum? Oder unter der Haube, wo ein auf 260 PS massierter Sechszylinder schlummert? Wo auch immer, fest steht, dass du es wider Erwarten nicht mit einem entgleisten Tuningversuch an einem Alt-Jaguar zu tun hast. Es ist auch kein Niveaulimbo eines Veredlers. Um sich zu vergewissern, genügt es, genau hinzusehen. Diese Details. Die Qualität. Dieser enorme Aufwand überall – das zeugt von einer Mission, und zwar einer höheren.

Jaguar Special GT Lightweight E-Type

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Alltagstauglichkeit stand im Lastenheft der Neuauflage

Er hat den Alten in die Neuzeit befördert: Jaguar-Designer Ian Callum mit dem überarbeiteten Mark 2.

Dazu berufen fühlt sich kein Geringerer als Ian Callum, Chefdesigner bei Jaguar, verantwortlich für XK, XF, XJ, XE und F-Type sowie in seinem früheren Leben für die Aston-Martin-Modelle DB 7 und Vanquish. Ein Mann mit Geschmack also. Und einer, der selbst in seiner knappen Freizeit von seinem Job nicht loskommt. "Das mit dem Mark 2 war mir immer ein Anliegen, das hat bei mir Geschichte", beichtet der 61-jährige Schotte. Der Jaguar an sich war es, weil er seinerzeit die Inkarnation einer Sportlimousine darstellte. Aber auch der Rennerei wegen, wo er in den frühen 60ern dominierte. Für Callum ein Traumauto: "Die Freunde meines Vaters fuhren alle Mark 2. Wir hatten nur Vauxhall ..." Nun hat er sich den Jugendtraum erfüllt, freilich auf seine eigene, ganz spezielle Art. Die Experten von Classic Motor Cars Ltd. (CMC) in Bridgnorth modellierten für ihn das Idol des jungen Callum, aber optisch idealisiert und technisch perfektioniert. Komplett mit Einzelradaufhängung hinten (anstelle der blattgefederten Starrachse) und eigens konstruierter Servolenkung. Und mit einer Weiterentwicklung des klassischen XK-Sechszylinders, muskulös und vor allem hitzebeständig. Warum diese Mühe? "Er soll mich sicher und zügig rauf nach Schottland befördern können. Und ohne liegen zu bleiben. Das war die Vorgabe."

Technische Neuerungen verbessern Performance und Sicherheit

Alt trifft neu: Bei unserer exklusiven Ausfahrt mit dem modernen Mark 2 war auch der Oldie am Start.

So viel vorweg: Die Chancen stehen gut. Wir starten zu einer exklusiven Ausfahrt, ebenfalls anwesend ein Original-Mark 2, als Eichstrich sozusagen. Wo genau strandet der Callum Mark 2 auf dem Weg von gestern nach heute? Der erste Eindruck ist vielversprechend: Anstelle des alten Jaguar-Möbels, das den Fahrer zum Spielball der Fliehkräfte macht, warten gut ausgeformte Sitze. Der Reihensechszylinder, vergrößert von 3,8 auf 4,3 Liter, startet sofort und benimmt sich hernach ungewohnt kultiviert. Neu auch die leichtgängige Kupplung, ein Schalthebel, der willig und mit geölter Präzision fünf Gänge bedient, sowie die Servolenkung, direkt und gefühlvoll. Klassisch dagegen die ausgezeichnete Rundumsicht. Es sind ungeahnte Talente, die wir auf den Landstraßen rund um den Geburtsort des "Mark 2 by Callum" (so der offizielle Name) entdecken. Exaktes und freudiges Einlenken, kaum Seitenneigung, maßvolles Untersteuern gepaart mit reichlich Grip, der auch auf welligen Abschnitten keineswegs abreißt. Da lässt die neue Hinterachse grüßen. Derweil legt das schöne, wenngleich technisch antiquierte XK-Triebwerk Qualitäten an den Tag, die bestens in unsere Zeit passen. 380 Nm Drehmoment werden geboten, und die schüttelt es aus dem Ärmel. Schon ab 1700/min atmet der Langhuber voll durch, 1000 Umdrehungen später kannst du bereits hochschalten.

Fahrbericht Jaguar E-Type Lightweight

Das langt schon, um mit gehörigem Nachdruck Boden zu gewinnen. Leistungseindruck: satt. Sportliche Bedürfnisse erfüllt er mittels kräftigem Biss beim Gasgeben, ausgereizt bis 5500/min erlebst du eine Beschleunigung, von der Mark-2-Fahrer normalerweise nur träumen können (null auf 100 km/h in 6,5 Sekunden). Gleiches gilt für den Verzögerungsfall: Die modernisierte Technik bremst die 1360-Kilo-Limousine souverän zusammen.

Der historische Mark 2 will noch richtig gefahren werden

Auch mit dem alten geht es gut voran: Der Klassiker zaubert einem ein Dauergrinsen ins Gesicht.

Doch bei allem Fortschritt bleibt dieser Mark 2 ein Klassiker. Wirklich modern fühlt er sich nicht an. Da gibt es keine Elektronik, die dir hilft, nichts isoliert dich, die enge Verbundenheit mit der Mechanik, diese Direktheit, die wir an den Oldies schätzen, sie wurde von den Jaguar-Experten bei CMC gut konserviert. Wie es zu Zeiten der alten Jaguar wirklich war, zeigt uns unterdessen das Original – kein Serien-Mark 2 übrigens, sondern eines der seltenen Exemplare vom Jaguar-Tuner John Coombs. Die Coombs Mark 2 waren vom Werk geadelt und damals die schnellsten unter den schnellen Limousinen: fünf Sitzplätze, vier Türen, aber Sturm und Drang wie ein Ferrari. Heute reißt einen das vielleicht nicht mehr vom Hocker. Es genügt jedoch, um uns ein Permalächeln ins Gesicht zu zaubern. Er dreht leichter, der Coombs-behandelte 3,8 Liter, zeigt deutlich mehr Temperament als ein Mark 2 von der Stange. Aber du musst ihn bewusster fahren, am besten zwischen 2500 und 5000 Touren. Das Vierganggetriebe mit Overdrive besitzt die Schaltqualität eines Stellwerks, die Pedalkräfte sind hoch. Schnelle Kursänderungen gelingen nur unpräzise mit erheblicher Schräglage, sie verlangen heftiges Kurbeln am Holzlenkrad, das aus dem E-Type stammt. Und auf den unebenen Landstraßen tanzt die Starrachse, was die ausgedehnten Bremswege noch verlängert.

Die kosmetischen Operationen sind nicht unumstritten

Weniger Chrom, zusätzliche Luftschlitze, zweiteilige Speichenräder – das ist der neue Mark 2.

Zum Abgewöhnen, das alles? Nicht für Menschen, die Perfektion langweilt. Mit der Technik ringen, sie beherrschen, in musealer Umgebung (hier holzgetäfelt wie die Bibliothek von Lord Kitchener), das ist der Reiz des Alten. Und der ist zeitlos. Entsprechend heikel dann auch Ian Callums kosmetische Operationen am klassischen Objekt. Weniger Chrom, zusätzliche Luftschlitze, zweiteilige Speichenräder von Turrino unter neu profilierten Kotflügeln, innen modifizierte Armaturen auf dunklem Eichenholz – die hochgezogenen Augenbrauen der Traditionalisten sind da noch die harmloseste Reaktion. "Schon mit neun oder zehn fand ich, dass Autos schlichter aussehen sollten. Besonders der Mark 2 – Verzicht auf Chrom, weniger Verzierungen. Eben genau so wie meiner hier." Aber breite 17-Zoll-Räder? "Hey, ich bin Autodesigner. Da müssen sie einfach breiter sein!", lacht Callum. Tatsächlich entfaltet seine Blech gewordene Vision hier draußen in freier Wildbahn eine Wirkung, die sich auf Bildern schwer erschließt. Eine besondere Klassik strahlt er aus, zeitgemäß interpretiert, unverhofft verführerisch. Und zur Beruhigung fügt Callum hinzu: "Für alle, denen er nicht gefällt, finden sich ja noch jede Menge Originale." Andernfalls hilft CMC: Für 350.000 Pfund (490.000 Euro) bauen sie eine Kopie des Callum Mark 2.
Fahrzeugdaten Callum Mark 2 Jaguar Mark 2 Coombs
Motor Reihensechszylinder Reihensechszylinder
Hubraum 4300 cm³ 3781 cm³
Leistung 191 kW (260 PS) bei 5500/min 176 kW (240 PS) bei 5500/min*
max. Drehmoment 380 Nm bei 3000/min 340 Nm bei 3000/min*
Vmax 230 km/h* 220 km/h*
0–100 km/h 6,5 s* 7,5 s*
Antrieb Hinterradantrieb/Fünfgang Hinterradantrieb/Viergang
Tankinhalt 91 l 55 l
L/B/H 4572/1702/1453 mm 4591/1695/1461 mm
Leergewicht 1519 kg 1491 kg
Reifen 205/55 R 17 v./225/50 R 17 h. 6.40-15
* Schätzwerte

Fahrbericht Callum Mark 2


Autor: Wolfgang König

Stichworte:

Oldtimer

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