British Bulldog mit Buick-V8

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Kaufberatung: Rover Vitesse (SD1)

— 04.07.2014

British Bulldog mit Buick-V8

Einige britische Autos sind nicht schlechter als ihre internationale Konkurrenz – jedenfalls nicht Rover. Dessen starker Vitesse hatte vor allem BMW als Gegner.

Er hat keine Chance, der Rover Vitesse, doch er nutzt sie – das ist es, was ihn heute so begehrenswert macht. Als Designer David Bache ihn 1970 zeichnet, stimmen sie in Longbridge bereits die erste Strophe des British-Leyland-Klageliedes an. Es endet, wie wir alle wissen, in einem bis heute widerhallenden Desaster: dem kollektiven Selbstmord der britischen Autoindustrie. Doch der, den sie bis heute "British Bulldog" nennen, bleibt unsterblich. Der Rover Vitesse, der nicht Rapide heißen darf, weil Aston Martin 1982 dagegen Einspruch erhebt, gilt als "Aston des kleinen Mannes". Und er ist der letzte Versuch der einst so stolzen Rover Car Company, das Feld der gehobenen Sportlimousinen nicht allein BMW zu überlassen – dem Konzern, der Rover 1994 kauft.

Der bullige Rover Vitesse hatte vor allem die PS- und prestigestarke Konkurrenz von BMW im Visier seiner geschlitzten Scheinwerfer.

©M. Gloger

Bittersweet Memories: Der Vitesse, mechanisch und optisch kraftvolles Spitzenmodell der 1976 empfindlich verspätet präsentierten SD1-Reihe, lauert dank verkürzter Federn tief auf dem Asphalt. Martialische Front- und Heckspoiler liegen damals auf der Höhe des Zeitgeists – und stehen dem V8-Fließheck noch heute auf unpeinliche Weise gut. Bullige Hörner auf verchromter Stoßstange signalisieren Angriffslust auf Motorway und Landstraße, wozu das straff ausgelegte Fahrwerk, die spielend leichte Servolenkung sowie die eng beieinanderliegenden fünf Gänge des manuellen Getriebes animieren. Dank Lucas-Einspritzung liefert der – ursprünglich von Buick stammende – Dreieinhalbliter-V8 ehrliche 193 PS. Das reicht dicke für kommodes Touren auf den Straßen dieser Welt, zumal fünf Personen entspannt in üppigen Polstern versinken. Der V8 presst sie bei Bedarf aufs Angenehmste und mit Nachdruck hinein, während hinten im geräumigen Kofferraum dicker Dämmstoff das lederne Knautschen der Burberry-Taschen schluckt.
Völlig unterbewertet: Rover P6 3500

Auto und Unternehmen scheiterten

Den Schriftzug "Rapid" ließ Aston Martin verbieten. Souverän blieb der Rover aber auch als "Vitesse".

©M. Gloger

Apropos schlucken: Vorn strömen derweil 13,8 Liter Super pro 100 Kilometer durch das erhitzte Gemüt des Executive Hatchbacks – nicht mehr als beim Konkurrenten BMW 528i (E28) und weniger als im Mercedes 380 SE (W 126). Verflossen. Jenseits aller Vorschusslorbeeren, die der in Jahrzehnten gewachsene gute Ruf von Rover dem neuen Modell SD1 beschert, allen Bemühungen versierter Entwerfer, Produktionsplaner und Unternehmenslenker zum Trotz scheitern Auto und Unternehmen an der Struktur von British Leyland – und an der britischen Gewerkschaft. Nach der finanziell ruinösen Implosion der Austin-Morris-Gruppe, an die auch Rover gekettet ist, wechselt die Geld gebende britische Regierung komplette Vorstandsriegen aus. Auch fähige Leute fallen den Rochaden zum Opfer – bitter für Rover, ein Unternehmen, das lange Jahre von Führungskräften aus dem Familienclan rund um die Brüder Maurice und Spencer Wilks profitierte. Schließlich schaufelt ausgerechnet die britische Regierung mit am Grab des Traditionalisten, der auch an der kruden Strukturförderung mit absurd weit voneinander entfernten Werken, schlecht qualifiziertem Personal und unausgereiften neuen Produktionsanlagen scheitert. Der Vitesse immerhin wird bleiben. Als ewiger Abgesang.

Technische Daten

Sattes V8-Package im Grand Tourer: 298 Nm Drehmoment bei 4000/min und 193 PS.

©M. Gloger

Rover Vitesse (SD1) Motor: V8, vorn längs • zentral liegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, 2 Ventile pro Zylinder, elektronische Benzineinspritzung (Lucas) • Hubraum 3528 ccm • Leistung 142 kW (193 PS) bei 5280/min • max. Drehmoment 298 Nm bei 4000/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe (auf Wunsch Dreistufenautomatik) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an MacPherson-Federbeinen, Querlenker, Stabilisator, hinten Starrachse, Längs- und Diagonallenker, Schraubenfedern, automatischer Niveauausgleich (Boge) • Reifen 205/60 R 15 • Maße: Radstand 2815 mm • L/B/H 4699/1768/1358 mm • Leergewicht 1440 kg • Kofferraum 490 bis 1420 Liter • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 9,1 s • Spitze 217 km/h • Verbrauch 13,8 l Super pro 100 km • Tank 67 Liter Neupreis: 38.990 Mark (1983).

Historie

Achtung, Englischstunde: "Leader by Nature. Paris by Lunchtime. Car by Rover" – mit diesen markig-coolen Worten überschreibt Rover 1982 eine Werbeanzeige für sein neues Topmodell Vitesse. In der Tat erfüllt die charismatische Fließhecklimousine die alte Marken-Maxime, nach der ein Rover immer besser zu sein hatte als ein Austin oder Ford, aber dann eben doch nicht so glamourös wie der Jaguar des Chefs. Mit dem Vitesse krönt Rover die 1976 präsentierte SD1-Baureihe, die damals den legendären P6 ablöst. Dank der elektronischen Lucas-Einspritzung springen beim Vitesse im Vergleich zum Vergasermodell zusätzliche 35 PS heraus, damit schafft der Brite respektable 217 km/h Spitze. Elektrische Fensterheber, Servolenkung, Klimaanlage, Zentralverriegelung und vieles mehr verstehen sich beim Rover Vitesse von selbst. Der Vitesse zielt direkt auf die Konkurrenz von BMW, doch entstehen zwischen 1982 und 1986 nur rund 33.000 Exemplare. Nachfolger wird 1986 die Baureihe 800 mit Bodengruppe, Fahrwerk, Getrieben und V6-Motoren von Honda.

Plus/Minus

Innen war der Rover Vitesse seiner Zeit voraus. Die Überarbeitung von 1982 bewahrte die sachliche Avantgarde.

©M. Gloger

Ein Rover SD1 Vitesse vereint Power und Prestige und krönt das Ganze mit typisch britischer Noblesse. Und mieser Verarbeitung. Halt! Ja, die Briten kochten auch in ihren Autofabriken teils ungenießbare Süppchen, ab dem Facelift des SD1 (1982) war es um Korrosionsschutz, die Haltbarkeit der Innenraum-Materialien und die Zuverlässigkeit der Motoren besser bestellt. Dennoch ist Rost ein Thema – zum Beispiel an Türunterkanten und Radläufen. Der Kofferraum sollte auf Feuchtigkeit überprüft werden (Heckscheibenrahmen!). Auch die Windschutzscheibe wird undicht. Unbedingt das Getriebe checken, besonders die Automatik gilt als anfällig. Beachtung verdient auch das Hinterachsdifferenzial, welches gern mal Öl verliert. Empfohlen seien Sicherheitsfach im Portemonnaie sowie ein Mechaniker des Vertrauens mit Zoll-Werkzeug.

Ersatzteile

Wer sich einen Rover Vitesse zulegt, leidet bei der Ersatzteilversorgung keine Not – vorausgesetzt, das Auto ist vollständig erhalten und einsatzbereit. Mechanische Komponenten sind dank Großserie vor allem in England (auch online) problemlos zu bekommen, zudem kümmern sich dies- und jenseits des Ärmelkanals rührige Clubs um die Pflege des automobilen Rover-Erbes. Achillesferse des Vitesse ist meist die Innenausstattung. Zwar sind verwohnte Interieurs noch seltener als der Vitesse selbst, Ersatz für löchrige Polster oder versiffte Teppiche im Kofferraum gibt es aber nur noch gebraucht.

Marktlage

Ein Rover SD1 Vitesse vereint Power und Prestige und krönt das Ganze mit typisch britischer Noblesse.

©M. Gloger

Es werden nur wenige Rover Vitesse inseriert, häufiger sind die Vanden-Plas-Versionen. Dennoch bleiben die Preise meist niedrig, auch wenn der Vitesse sicherlich die attraktivste Ausführung des Rover SD1 sein dürfte. Projektautos im Zustand vier starten bei rund 1500 Euro, ausgezeichnete Exemplare pendeln sich meist zwischen 8500 und 12.000 Euro ein. Note-2-Fahrzeuge sind schon für 7900 Euro zu haben.

Empfehlung

Für extrem zuwendungsbedürftige Rover Vitesse gilt die alte englische Autobahn-Weisheit: links liegen lassen. Der Aufbau maroder Exemplare lohnt sich nicht und kostet neben Geld auch jede Menge Zeit und Nerven. Erquicklicher ist der Griff zum guten Exemplar, das erspart die Suche nach fehlenden oder schadhaften Komponenten. Unter Umständen empfiehlt sich zusätzlich der Kauf eines Teileträgers.

Autor: Knut Simon

Fotos: M. Gloger

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