Kinofilm: Mit dem Auto um die Welt

Kinofilm: "Fräulein Stinnes fährt um die Welt" (2009) Kinofilm: "Fräulein Stinnes fährt um die Welt" (2009)

Kinofilm: Mit dem Auto um die Welt

— 21.08.2009

Die Frau aus Stahl

Clärenore Stinnes war jung, solo und wagemutig - was lag näher, als auf Weltreise zu gehen? Ihre Tour mit einem Adler-Automobil begann 1927, dauerte zwei Jahre und machte sie berühmt. Jetzt startet ein Kinofilm über das Abenteuer.

Das erste SUV war ein Adler Standard 6: Zum puren Vergnügen fuhr Clärenore Stinnes, Tochter des Ruhr-Industriebarons Hugo Stinnes, damit von 1927 bis 1929 durch Matsch, Schnee, Wüsten und Gebirge einmal um den ganzen Erdball. Das war zuvor keinem Menschen gelungen. Wie auch? Selbst im Deutschen Reich gab es damals weniger als 5000 Automobile. Noch weniger verbreitet waren Straßen in der Welt von damals, so dass zur Fortbewegung immer wieder Menschen, Zugtiere und Schienen zu Hilfe genommen werden mussten. Und nicht selten spannte sich Fräulein Stinnes, damals 26, selbst vor ihr zwei Tonnen schweres Fahrzeug, um die Karre mal wieder aus dem Dreck zu ziehen. Die kleine, energische Frau aus Mülheim an der Ruhr war nicht nur finanziell, sondern auch in physischer und moralischer Hinsicht der Motor der gesamten Unternehmung. "Fräulein Stinnes muss aus Stahl sein", notierte der Kameramann Axel Söderström während der Reise in sein Tagebuch. Das war keineswegs nur bewundernd gemeint; zwischenzeitlich muss der gemütliche Schwede seine Expeditionsleiterin und Arbeitgeberin abgrundtief gehasst haben. Was ihn letztendlich aber nicht hinderte, die Begleiterin nach der Heimkehr zu heiraten. Doch dazwischen stehen unendliche Strapazen, zermürbende Grenzformalitäten, brutale Wegelagerer, glutheiße Wüsten und eisige Gebirgszüge. Und Pannen, immer wieder Pannen.

Für den Dreh wurde ein historisches Auto gekauft und restauriert

Immer wieder fuhr sich der zwei Tonnen schwere Adler unterwegs fest und musste mühevoll ausgegraben werden.

Ein Stoff, wie gemacht für einen Film. Die Regisseurin Erica von Moeller wählte einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte nachzuerzählen: Mit dem Filmmaterial, das Söderström während der Fahrt produzierte, lagen authentische Szenen in Hülle und Fülle vor. In diese wurden Spiel-Sequenzen hineingebaut, die entscheidende Momente vor und während der Expedition erläutern. Auf drei faszinierende Charaktere konnte die Regisseurin dabei bauen: Sandra Hüller spielt die Clärenore Stinnes nicht nur überzeugend, sie sieht ihr auch verblüffend ähnlich. Der Schwede Bjarne Henriksen mimt ihren treuen Begleiter und führt als Erzähler mit seinen trockenen Kommentaren durch die packende Handlung. Der dritte und schwierigste Star in der Truppe ist der Adler: Er nahm seine Rolle offenbar so ernst, dass er sämtliche Pannen 1:1 nachspielen musste – auf Kosten der Produktion! "Jedes Auto hat seine eigene Persönlichkeit – und der Adler ist auf jeden Fall ziemlich zickig!" Die das sagt, hat ihre ganz eigene Beziehung zu dem Filmfahrzeug: Anina Diener ist Szenenbildnerin und hat das Auto in dieser Eigenschaft erst entdeckt. Es stammt nämlich nicht aus dem Depot, sondern musste mühevoll gesucht werden.

Fräulein Stinnes wählte einen Adler Standard 6 als Expeditionsauto

Clärenore Stinnes Tochter hatte den starken Willen und die Zähigkeit sicher von ihrem Vater, dem Industriebaron Hugo Stinnes.

Als die Entscheidung getroffen war, die Geschichte nachzuspielen, begann die Suche: Woher ein Auto nehmen, dass zur Geschichte passt? Die Firma Adler war in den späten 1920er-Jahren einer der größten Autoproduzenten der Welt. Fräulein Stinnes' Wahl fiel auf diesen Hersteller, weil er erstmals in Deutschland die Fließbandproduktion eingeführt hatte – der Unternehmertochter schwebte vor, dass die Reise möglichst einfach nachvollzogen werden konnte. Das dachte sie zumindest vor dem Beginn der Expedition... Jedenfalls musste es ein Adler sein – ausgerechnet, denn die Marke ging nach dem Krieg unter, und viele Fahrzeuge sind nicht mehr erhalten. Genau genommen drei. Als deren Besitzer einen Blick ins Drehbuch warfen – "bleibt im Matsch stecken", "wird abgeschleppt", "rast einen steilen Abhang herunter" –, winkten sie schnell ab. Also machte die Szenenbildnerin sich auf die lange Suche. Fündig wurde sie in Cottbus unter der Erde: Dort hatte nach Kriegsende der Besitzer eines Adler Favorit sein geliebtes Auto kurzerhand vergraben – ein übliches Vorgehen, um Beschlagnahme durch sowjetische Besatzungstruppen zu verhindern.

Außenaufnahmen in Marokko

Produktionsgesellschaft und Adler-Totengräber wurden sich einig, und der Torso wechselt den Besitzer. "Es waren nur noch Chassis, Motor, Lenkrad und einige andere Teile dran", berichtet Anina Diener. Doch unglaublich: "Der Motor sprang sofort an!" Anschließend wurde dafür gesorgt, dass der Adler wieder wie ein Adler aussah: In wenigen Wochen baute eine Restaurierungs-Werkstatt das über 80 Jahre alte Auto von Grund auf. Dann ging es damit auf große Tour; per Trailer nach Marokko. Denn natürlich konnte für den Film nicht die ganze Welt bereist werden, so entstanden die meisten Außenaufnahmen in Nordafrika – ob nun vor dramatischer Gebirgskulisse der Anden, in der Wüste Gobi oder bei einer Pause in der Türkei... Und der Adler schien die Abenteuer seines Vorfahren unbedingt nachempfinden zu wollen: Immer wieder ging er kaputt, musste geschleppt werden, verlangte nach neuen Zündkerzen. "Wir hatten so viele dabei, und dann waren doch keine mehr da, und wir mussten halb Marokko danach durchsuchen", erzählt die Szenenbildnerin. Eigentlich sollte als Mechaniker der Restaurierungswerkstatt mitkommen, doch als Ersatz musste ein Baubühnenmechaniker aus Dieners Team den Adler stets aufs Neue zurechtflicken. "Der Arme – tagsüber hatte er seinen regulären Job, und nachts lag er unterm Auto..."

Die packendsten Film-Bilder sind immer noch die Original-Szenen

Zwei Jahre auf Weltreise: Den Reservereifen zierte ein Verzeichnis aller Orte, die der Adler besucht hatte.

Am Ende war alles im Kasten, der Adler wurde verkauft – er gehört jetzt einer Firma, die Filmautos verleiht – und der Film läuft in den Kinos. Er ist ein beeindruckendes Zeugnis des menschlichen Pioniergeists, der nicht notgedrungen männlich sein muss. Er erzählt in herrlich bunten Bildern eine spannende Geschichte, die es bei allem Heroismus nicht an grotesken Augenblicken und witzigen Situationen fehlen lässt. Und er setzt ein würdiges Andenken an dieses verrückte Fräulein Stinnes, das anschließend mit ihrem geliebten Kamermann ein eher ruhiges Leben auf einem Bauernhof in Schweden mit vielen Tieren und Kindern führte, bis sie 1990 verstarb. Wobei – Schauspielkunst hin, bunte Bilder her – die packendsten Momente im Film tatsächlich die Original-Szenen sind.

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