Klassik-Test: VW Golf 1

VW Golf I VW Golf I VW Golf I

Klassik-Test: VW Golf 1

— 12.10.2012

Der Mehrheits-Dreitürer

Golf Eins: Das einstige Allerweltsauto ist nicht nur rar geworden, wir wissen auch kaum noch, wie sich der Millionenseller der Siebziger heute anfühlt. Schlägt er auch im Alter noch seine Konkurrenten von damals?

Er kann uns nicht täuschen, auch wenn er vornehme Chrom-Radkäppchen trägt und sich hochnäsig GL nennt. Unser Test-Golf ist mit allem erdenklichen Nichts ausgestattet, eine Sparversion, ein Mini-Golf, als Neuwagen in die DDR exportiert, wo demütige Brüder und Schwestern mit der Minimal-Ausstattung glücklich sein mussten. Wir sind froh, immerhin schon ein Lenkrad zu haben. Einziges Extra ist der rechte Außenspie­gel. Die Ablagen sind aus Pappe, inzwischen verbogen und ver­beult, das Getriebe hat vier Gän­ge, es gibt keinen Drehzahlmes­ser, nur das wie von einem Glas­bläser mundgeblasene, spitze Tacho-Abdeckplexiglas. Ansonsten grüßt Hartplastik in der Tradition von Plaste und Elaste aus Schkopau.

Golf I: Die Geschichte vom gutem Golf

Scharfe Kanten, klare Linien: So schnörkellos durfte ein Volks-Wagen mal sein.

©C. Bittmann

Trotz dieses Handicaps gegen­über dem vergleichsweise gut ausgestatteten DAF und dem zu­mindest etwas besseren und wohnlicheren Opel: Der Wolfs­burg-Wagen gewinnt unseren Vergleich. Das liegt mal wieder, auch wenn wir Sie jetzt langwei­len, an seiner Ausgewogenheit. Er hat die besten Fahrleistungen, das größte Raumangebot, das niedrigste Gewicht (787 kg, ein Up wiegt heute 929 kg), den kür­zesten Bremsweg. Er ist prak­tisch, kantig, gut aussehend, ein Jahrhundert-Entwurf eben, aber das wissen wir ja alle. Auch wenn sich viele Altauto-Enthusiasten bis tief in die 90er-Jahre nicht vorstellen konnten, dass dieser Pragmat mal ein bewahrenswer­tes Auto werden könnte. In allen anderen Kategorien schneidet er auch gut ab, selbst wenn seine subjektiv spürbare Zerbrechlichkeit die erstmaligen Ur-Golf-Benutzer verstört. Doch wundersamerweise mündet das Gefühl nicht in technische Katas­trophen.
Dreitürer der 70er im Einzeltest
DAF 66 Opel Kadett City Vergleichstest

Das lebendige 1,1-Liter-Motörchen will gedreht werden: Er rückt seine Nennleistung von 50 PS erst bei 6000 Umdrehungen heraus.

©C. Bittmann

So ein Golf I ist trotz Ge­klapper, raspeligem Motorklang und einer Dünnhäutigkeit, als würden sich die Knochen von in­nen durchdrücken, überraschend robust. Gut, es gab den Rost der frühen Jahre. Das war desaströs und kostete den Konzern Millio­nen für Rückkäufe von den Kun­den und die anschließende Ver­nichtung der zersetzten Karos­sen. Ergonomie können sie aber in WOB. Wir sitzen prima, alles lässt sich tadellos bedienen, Platz ist vorhanden, die Rückenlehne hin­ten klappt, die Schaltung schal­tet, auch wenn sich der Hebel ein bisschen labberig anfühlt. Die von allen Servos verlassene Len­kung ist zwar präzise, aber nur mäßig direkt, zu spüren sind jederzeit auch die zerrenden 50 PS des 1100er-Motörchens, und auch ihm, dem Parade-Front­triebler, haben sie in der Lauf­lernschule das freudlose Unter­steuern beigebracht. Damit schwingt er nicht so gelenkig und willig um die Hütchen wie der Kadett, bleibt aber doch wendi­ger als der behäbige DAF.

Ende Legende: Aus für den Golf I

Gut, ein glattflächiger Laderaum ist das nicht. Dafür passt eine Menge hinein.

©C. Bittmann

Fazit: Das Wichtigste ist bei einem Auto, das wissen wir alle, seine Ausstrahlung. Die Sympa­thie, die es erzeugt, seine Präsenz und Symbolik. Und da ist der Golf in unserem Trio unschlag­bar. Denn die Welt hat ihn gern, er ist ja so modern – und doch schon eine Antiquität. Damit siegt auch der Golf-Designer Giorgetto Giugiaro. Kaum auszudenken, wenn der Golf ein 08/15-Design bekommen hätte. Aber der Italiener schuf ein Meisterwerk für Hinz und Kunz. Dazu fährt es auch noch gut. Seine Mängel: der schwache Motor, die langweiligen Fahreigenschaften und das ständige Gefühl der Zerbrechlichkeit.
Fahrzeugdaten VW Golf I
Motor Reihenvierzylinder, vorn quer
Ventile/Nockenwellen 8/1
Nockenwellenantrieb Zahnriemen
Hubraum 1093 ccm
Bohrung x Hub 69,5 x 72,0 mm
kW (PS) bei U/min 37 (50)/6000
Nm bei U/min 78/3000
Höchstgeschwindigkeit 145 km/h
Getriebe Viergang manuell
Antrieb Vorderrad
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Trommel
Testwagenbereifung 155/80 R 13 T
Verbrauch (Werksangabe) 9,0 Liter/100 km
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 44 Liter/Normal
zulässiges Gesamtgewicht 1200 kg
Vorbeifahrgeräusch 71 dB (A)
Abgas CO2 (nach Werksverbrauch) 213 g/km
Messwerte
Beschleunigung 0-50/-80 km/h 5,0/11,0 s
Beschleunigung 0-100 km/h 20,0 s
Elastizität 60-100/80-120 km/h 16,4/23,4 s
Bremsweg aus 100 km/h 54,0 m
Leergewicht/Zuladung 787/413 kg
Gewichtsverteilung vorn/hinten 62/38 Prozent
Wendekreis (links/rechts) 10,9/10,5 m
Innengeräusch bei 50/100 km/h 70/79 dB (A)
Testverbrauch – CO2 9,9 l - 235 g/km
Reichweite 440 km
Kosten
Steuern pro Jahr 191 Euro
Versicherung (HPF/100 %) 109 Euro
Werkstattintervalle 7500 km
Kosten Ölwechsel/Inspektion 140/320 Euro
Zeitwert (Zustand 2) 2800 Euro


Autor: Bernhard Schmidt

Fotos: C. Bittmann

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