Klassiker für 5000 Euro: Alfa Romeo 75

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Klassiker für 5000 Euro: Alfa Romeo 75

— 26.09.2012

Viel Feuer für wenig Asche

Eine schwierige Straße, eine heißblütige Wette, Frontantrieb gegen Heckantrieb – und ein junger Mann entdeckt, dass die PS-Zahl nur die halbe Wahrheit über den Alfa Romeo 75 erzählt.

"Herausgefordert hast du ihn? Deine 70-PS-Lehrlingsnudel gegen seinen 300-PS-Golf?" Onkel Tazio schaut skeptisch, während Benjamin seine Feierabend-Pizza vernichtet. "Na ja", sagt Benni, "das ist so ’ne Tuning-Schüssel, dicke Backen, Flipflop-Lack. Furchtbar. Kevin prahlt immer mit seinen Rundenzeiten auf dem Nürburgring. Dabei kann der gar nicht fahren." "Und deswegen musst du ihn auf die Teufelsstraße fordern?" – "Heut hat er’s echt übertrieben. Bloß weil er im dritten Lehrjahr ist, muss er sich nicht aufführen wie der King." Benni schiebt den leeren Teller weg. "Onkel, du bist doch noch Bergrennen auf der Teufelsstraße gefahren, kannst du mir nicht zeigen, wie das geht?" "Die letzten Rennen da sind bald 40 Jahre her. Aber ich kann dir schon was zeigen. Willst du wirklich deine Karre gegen Kevins Dickgolf starten?" Benni lässt den Kopf auf seine Arme fallen. "Oh Mann, ich werd dermaßen abloosen ..." – "Du Hitzkopf. Aber ich wüsste was, das dich vielleicht vor Kevin rettet."

Kanten und Keilform, Schweller mit Wespentaille und Plastikleiste an der Gürtellinie – dieser Alfa heißt 75 und steckt doch tief in den 80ern.

©U. Sonntag

Fünf Minuten später knipst Tazio in einer Garage das Licht an. "Wie gefällt dir das?" Benni starrt einen Moment und verzieht das Gesicht. "Ich weiß nicht ... vielleicht ein bisschen ... unauffällig?" – "Du meinst, weil er nicht aussieht, als wäre er deinen Spiderman-Heften entlaufen?" – "Was ist das überhaupt?" – "Das, mein ignoranter Neffe, ist der letzte Alfa Romeo, und mit dem haust du Kevin in die Pfanne." Ein Moment der Stille geht durch die Garage. Tazio grinst in sich hinein, als Benjamin ums Auto herumschleicht, als könnte er sich eine Krankheit davon holen. "Alfas sind doch irgendwie ... sportlicher." – "Wahre Schönheit kommt von innen", sagt Tazio und öffnet die Motorhaube. "Dreiliter-V6, 185 ehrliche, gottesfürchtige PS – nix Chiptuning oder Turbo-Schnickschnack." Benjamin ist nur mäßig beeindruckt. "Ganz okay. Aber immer noch ein Drittel zu schlapp, oder?" – "PS allein sagen nicht viel über ein Auto. Schau mal da rein, die hinteren Zylinder entlang." – "Hmm ... wo ist das Getriebe?" – "Tja, wo mag es sein?" Benjamin bekommt große Augen, hechtet auf den Garagenboden und leuchtet mit einer Stablampe unters Auto. "An der Hinterachse! Ein Transaxle!" – "Bravo! Habt ihr das in der Berufsschule durchgenommen?" – "Nee, hab’ ich gelesen. Alfa hat das jetzt wieder, ich dachte, das wär was ganz Neues." – "Es ist ganz alt, so alt wie das Automobil. Alfa Romeo hatte das in den Siebzigern."

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Das Transaxle-Konzept (Motor vorn, Getriebe hinten) hat der 75 vom Vorkriegs-Rennwagen Alfa Romeo Tipo 158 geerbt.

©U. Sonntag

"Boah – innen liegende Bremsen!", tönt es unter dem Auto. Als Benjamin wieder aufsteht, sieht er den kantigen Alfa mit deutlich mehr Respekt an. "Ein Transaxle hat gute Gewichtsverteilung, das weiß ich, aber bringt das wirklich so viel?" – "Das wird dir eine neue Welt eröffnen. Weißt du, wenn man ernsthaft Kurven fahren will, zum Beispiel die Teufelsstraße, dann ist Frontantrieb was für Anfänger. Da gibst du halt Gas und würgst das Steuer herum. Mit Frontantrieb musst du nur um die Kurve wollen. Aber mit Heckantrieb musst du um die Kurve können! Du musst dein Auto genau balancieren, Gas und Lenkeinschlag sauber dosieren und den Punkt finden, an dem der Grip weich wird. Dann kannst du mit dem Gaspedal steuern. Und dieser Bursche hier, so unscheinbar er aussieht, ist dermaßen wundervoll in der Kurve, das findest du nirgendwo sonst." Benjamin ist nachdenklich. "Wie ist es mit dem Audi quattro?" – "Allrad ist geschummelt."

La dolce vita: Alfa Romeo GT 1300 Junior

Vor schwarzen Plastik-Armaturenträgern wirken Holzlenkräder ja normalerweise deplatziert – aber hier geht’s, oder?

©U. Sonntag

"Er hier, der Alfa Romeo 75, hat alles, was du brauchst." – "Außer PS." – Tazio zuckt die Achseln. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Schlag deinem Kevin vor, dass ihr für die Wertung die Straße nicht nur hochfahrt, sondern auch runter. Bergauf kann er dich schlagen, wenn er es brachial genug angeht. Aber bergab sind nur die richtig guten Autos schnell. Kevin hat bergab nichts von seinen 300 PS. Mit diesem Burschen hier gleitest du den Berg runter, immer schön am Gas, immer mit voller Kontrolle in den Kurven. Du wirst ihm davonsegeln." Das kann Benjamin sich nicht so recht vorstellen. Tazio grinst. "Wir machen das so: Wir zwei fahren jetzt mal zur Teufelsstraße, und wenn du lieb bittest, dann zeig ich dir, wie das geht mit dem Transaxlegleiten." Schwupps, schon hockt Benjamin auf dem Beifahrersitz. Tazio muss lachen, dann steigt auch er ein und dreht den Zündschlüssel. Benjamin bekommt große Augen, als der V6 zum Leben erwacht. "Boah, was für ein Sound", sagt er. "Du bist meine Rettung, Onkel Tazio."

Technische Daten

Wer auf das "6C" und 37 PS verzichten kann, bekommt für noch weniger Geld einen tollen Vierzylinder.

©U. Sonntag

Alfa Romeo 75 3.0 V6 America
Motor: V6, Zylinderwinkel 60°, Leichtmetall • eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderbank • zwei Ventile/Zylinder • Kraftstoffeinspritzung Bosch LE-Jetronic • Bohrung x Hub 93 x 72,6 mm • Hubraum 2959 ccm • Verdichtung 9,5:1 • 136 kW (185 PS) bei 5400/ min • 241 Nm bei 4000/min • Antrieb/Fahrwerk: Kupplung und Fünfganggetriebe mit dem Differenzial verblockt (Transaxle) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Dreieck- und Querlenker mit Stabilisator an Torsionsstäben, hinten De-Dion-Achse mit Watt-Gestänge an Schraubenfedern; Teleskopdämpfer • Scheibenbremsen • Reifen 195/60 VR 14 • Maße: Radstand 2510 mm • L/B/H 4420/1660/1400 mm • Leergewicht 1300 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 217 km/h, 0–100 km: 7,5 s • Verbrauch 10,1 l/100 km • Neupreis: 38.600 Mark (1992).

Historie

Das Transaxle-Konzept (Motor vorn, Getriebe hinten) hat der 75 von Vorkriegs- Rennwagen geerbt: 1937 schickte Alfa Romeo den Tipo 158 gegen die deutschen Silberpfeile ins Feld – ohne Erfolg. Der kam erst mit den Anfängen der Formel 1, der kleine Alfa war während der ersten Jahre unschlagbar. Obwohl das Transaxle-Prinzip seine Tauglichkeit damit bewiesen hatte, ruhte die Idee bei Alfa Romeo bis 1972, als die Alfetta nicht nur den Spitznamen des Tipo 158 aufnahm, sondern auch die Getriebeanordnung. Alfa setzte damit auf Anhieb Maßstäbe im Segment der Sportlimousinen, BMW sah über Nacht alt aus. Doch mit technischer Unzuverlässigkeit und ausgeprägten Rostproblemen handelte sich die Alfetta einen schlechten Ruf ein, der sich auf den Leumund späterer Alfa auswirkte, namentlich der Giulietta (Typ 116) und schließlich des 75. Schlicht 75: kein Name, nur noch eine Bezeichnung – die Zahl rührt von seinem Geburtsjahr 1985, Alfa Romeo würdigte damit das 75. Jubiläum der Firmengründung. Bis 1992 bekam er Motoren zwischen 1,6 und drei Litern, zwischen 95 (Zweiliter-Turbodiesel) und 192 PS. Gesamtstückzahl 386.767.

Plus/Minus

Winzig steht 6V am Heck – für den Dreiliter-V6 mit 185 PS und für fantastischen Fahrspaß zum Discountpreis.

©U. Sonntag

Es ist ein Alfa. Hilfe, Rost! Nein, nicht erschrecken. Alfa-Experten halten den 75 für ein gesegnetes Auto, weil es zwischen dem Rost-Tiefpunkt der frühen Siebziger und den zweifelhaften Experimenten der späten Neunziger qualitativ eine Spitzenposition einnimmt. Natürlich gibt es eine Reihe von neuralgischen Stellen, fast alle gut verborgen, aber die sind in der Regel nicht zahlreicher als bei anderen Fabrikaten. Was die Verarbeitung angeht, sollte man bitte keine Mercedes-Qualität erwarten. Andererseits ist der 75 auch keine Klapperkiste wie sein kleiner Bruder Alfa 33. Aber wer Alfa 75 fährt, der tut dies nicht wegen der Innenausstattung oder der Verarbeitung. Den 75 fährt man, um ihn zu fahren – und da ist er einfach brillant: spritzig, wendig, dynamisch, mit herrlichem Sound.

Ersatzteile

Im Prinzip ist alles zu bekommen. Im Prinzip ... Bei der Fiat-Vertretung am Stadtrand braucht allerdings keiner vorzusprechen. Immerhin: Einige freie Spezialisten versorgen die Szene mit allem, was man braucht, um sein Auto am Leben und bei Laune zu halten. Ansonsten: Um die Transaxle-Alfa schart sich eine kleine, verschworene Fangemeinde, die für den Rest sorgt. Im Prinzip hat jeder 75-Besitzer mindestens ein Schlachtauto, und man hilft sich untereinander weiter. Wer also 75 fahren möchte, sollte Kontakt zu den Transaxle-Leuten suchen – nicht zuletzt, um überhaupt ein brauchbares Exemplar zu finden.

Marktlage

Alfa 75 in freier Wildbahn sterben aus. Man kann natürlich mit vollem Risiko im Internet jagen – aber jedem Interessenten sei ans Herz gelegt, sich zuerst in der Transaxle-Gemeinde umzuhören. Die besten Autos sind heute in Besitz der Fans, und hin und wieder hat einer von ihnen ein schönes Exemplar übrig.

Empfehlung

Jeder Alfa 75. Wer Kurven gern hat, dem gefällt jede Ausführung. Das rundum beste Auto in der Summe seiner Eigenschaften ist der Twin Spark: 148 PS, er hat den perfekt rotzigen Sound, er macht richtig viel Spaß und ist ausreichend verfügbar. Zudem ist er für noch weniger Geld als ein Sechszylinder zu haben. Alfa-Gourmets machen sich auf die Suche nach einem 2.5 QV. Der Haken: Es gibt kaum welche.

Autor: Till Schauen

Fotos: U. Sonntag

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