Klassiker für 5000 Euro: Citroën Dyane

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Klassiker für 5000 Euro: Citroën Dyane

— 25.09.2012

Beinahe-Ente für kleines Geld

Die Dyane ist der bessere Citroën 2 CV. Die Wissenschaft kann erklären, warum sie dennoch ein Drittel weniger kostet: Ein Botenstoff macht den Unterschied.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Studierende, herzlich willkommen im Institut für Oldtimerforschung. Ich darf Sie – auch im Namen des Dekans – begrüßen zum ersten Teil unserer Vorlesungsreihe "Charles Darwin und das Automobil: die Evolutionsbiologie im Spiegel der Oldtimerologie". Unsere erste Vorlesung heute trägt den Titel: "Quo vadis, 2 CV – stürzt Darwin über die 'Ente'?" Wie auszuführen sein wird, spielt die Citroën Dyane in der Beweisführung dieser Frage eine Schlüsselrolle. Doch zunächst zum 2 CV. Er scheint einen Kernsatz der Darwin’schen Evolutionstheorie zu widerlegen: den des "survival of the fittest". Der Begriff, den Darwin vom Sozialphilosophen Herbert Spencer übernahm, bedeutet: Es überleben diejenigen, die sich am besten ihrer Umwelt anpassen. Schon Spencer erkannte: "Dieses Überleben der Passendsten (...) hat auch die Vermehrung der Passendsten zur Folge."

Gegen den Citroën 2 CV ("Ente") hatte die Citroen Dyane keine Chance. Designer Robert Opron befand: "Das Auto ähnelt einem unterernährten Tier."

©S. Krieger

Zunächst scheint der 2 CV die Theorie zu untermauern: Bei seiner Markteinführung 1949 und in den 1950er-Jahren war er außerordentlich gut an die Bedürfnisse einer großen Zahl von Kunden angepasst und vermehrte sich entsprechend. (Merke: Der Kunde ist gleichsam der König der Automobil-Evolution.) 1961 erschien ein Automodell, das man, terminologisch etwas unscharf, als Nahrungsrivalen bezeichnen kann: Der Renault 4 konkurrierte mit dem 2 CV um Kunden und war dabei besser an deren Bedürfnisse angepasst. Zum Beispiel bot er mehr Platz im Innenraum, eine große Heckklappe und bessere Fahrleistungen. Der gute Verkaufserfolg des R4 zulasten des 2 CV scheint ebenfalls das Prinzip "survival of the fittest" zu belegen. Dann aber kam 1967 die Dyane von Citroën auf den Markt, und hier kommen Zweifel an der Theorie auf: Die Dyane hatte eine große Heckklappe und war auch sonst in mehreren Belangen dem 2 CV überlegen – von der größeren Frontscheibe bis zur hohen Heckklappe. Insofern war die Dyane zwar nicht besser an die Umwelt angepasst als der R4, aber doch offenbar besser als der 2 CV.

Liebling der Lebenskünstler: Citroën 2 CV Charleston

Im Kurvenverhalten reagierte sie genauso extrem, aber sonst war die Dyane der "Ente" in vielen Belangen überlegen.

©S. Krieger

Stimmt das Spencer/Darwin’sche Prinzip, dann hätte die Dyane den 2 CV ablösen müssen, zumindest hätte der Verkauf der "Ente" deutlich zurückgehen und alsbald enden sollen. Tatsächlich trat das Gegenteil ein: Die Dyane wurde 1984 nach etwa 1,4 Millionen Exemplaren eingestellt, die Produktion des 2 CV lief bis 1990 und umfasste schließlich rund fünf Millionen Stück. Auch die Rezeption beider Modelle in der heutigen Oldtimerszene widerspricht auf den ersten Blick dem Überlebensprinzip des Bestangepassten: Zwar ist eine Dyane auch nach heutigen Maßstäben besser als ein vergleichbarer 2 CV, dennoch werden seit langer Zeit Dyane ausgeschlachtet, um Ersatzteile für den 2 CV zu gewinnen. Und während ein 2 CV 6, Baujahr 1983, in Zustand 2 heute einen Marktwert von rund 7500 Euro erzielt, werden für eine entsprechende Dyane nur 5000 Euro bezahlt. Um es populärwissenschaftlich zu formulieren: Die Dyane ist eine "Enten"-Alternative für ein paar Kröten. Ist Darwin damit widerlegt? Nein – denn der Begriff "fittest" wird fälschlich als Angepasstheit nach rein rationalen Kriterien ausgelegt.

Happy Ent': Citroën Méhari

Wollen Kapitalismus-Kritiker die "Commerciale"-Ausstattung haben? Und dürfen Pazifisten die "Revolver"-Schaltung benutzen?

©S. Krieger

Tatsächlich aber muss auch die emotionale Wirkung eines Lebewesens oder Produkts mit in den Begriff einbezogen werden. Ein Beispiel: Hunde, die bei Menschen leben, sehen aufgrund ihrer Schädelformen im Schnitt deutlich niedlicher aus als andere Fleischfresser. Das hat Dr. Chris Klingenberg von der Universität Manchester herausgefunden. Foxterrier und Golden Retriever sind also auch dadurch sehr gut an ihre Umwelt angepasst, dass Menschen sie kaufen und lebenslang füttern, weil sie niedlich aussehen. Das Prinzip "survival of the cutest", das Überleben der Süßesten, gilt nicht nur im Tierreich. Auch Produkte, deren Design dem Kindchenschema entspricht, aktivieren im menschlichen Gehirn den Neurotransmitter Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon. Der Umstand, dass der 2 CV vor allem von vorn kindlicher und schutzbedürftiger aussieht als die Dyane, erklärt also zu einem wesentlichen Teil, warum das nach rationalen Kriterien weniger gute Automobil sowohl als Neuwagen wie auch als Young- und Oldtimer langfristig mehr Kunden fand und findet. Da diese Niedlichkeit als eine Form der Angepasstheit zu werten ist, steht die Geschichte von 2 CV und Dyane in Einklang mit den Lehren Darwins. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich hoffe, ich darf Sie morgen zu unserer nächsten Vorlesung begrüßen. Thema: "Oxytocin und Oldtimer – machen süße Autos den Straßenverkehr kuscheliger?"

Technische Daten

Mehr Platz als in der "Ente", mehr Leistung unter der Haube. Der 600-Kubik-Big-Block – ein luftgekühlter Boxer – protzt seit 1970 mit bis zu 32 PS.

©S. Krieger

Citroën Dyane 6 Motor: Zweizylinder-Boxer, vorn längs • zentrale Nockenwelle über Stirnrad angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, über Stoßstangen und Kipphebel angetrieben, Fallstrom-Registervergaser • Bohrung x Hub 74 x 70 mm, Hubraum 602 ccm (steuerlich 597 ccm) • Leistung 24 kW (32 PS) bei 5750/min • max. Drehmoment 41 Nm bei 4000/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang- Schaltgetriebe mit Revolverschaltung • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung rundum an Längslenkern, längs liegende Schraubenfedern (Verbundfedern); Teleskopstoßdämpfer • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 125 R 15 • Maße: Radstand 2370 mm • L/B/H 3950/1500/1540 mm • Kofferraum 400–1200 l • Leergewicht 610 kg • Tankinhalt 25 l • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 118 km/h • Verbrauch ca. 7,5 l N/100 km • Neupreis: 8790 Mark (1981).

Historie

Historiker streiten darüber, ob die Dyane die Lücke zwischen 2 CV und Ami schließen oder die Ente ablösen sollte. Fakt ist: Als der Renault 4 Mitte der 1960er-Jahre dem 2 CV die Kunden abspenstig machte, waren Citroëns Entwickler mit der neuen DS-Front, dem GS und dem SM ausgelastet. 1965 schluckte Citroën die Firma Panhard. Also wurden Panhard-Kollegen beauftragt, auf Basis des 2 CV ein moderneres Auto zu konstruieren. Panhard-Designchef Louis Bionnier entwarf die Optik, Citroën-Chef Pierre Bercot fand die Front des Entwurfs aber laut amicale-citroen.de zu massiv – also zeichneten Citroën-Designer unter Robert Opron die endgültige Front. 1967 wurde die Dyane präsentiert: mit 18 PS aus 425 Kubik, Schiebefenstern vorn, sieben Zentimeter länger als die "Ente", das Faltdach ließ sich von innen öffnen. 1968: Dyane 4 mit 23 und Dyane 6 mit 24,5 PS, 18-PS-Version wurde eingestellt, Zwölf-Volt-Elektrik. 1969: drittes Seitenfenster. 1970: Dyane 6 bekam 32 PS. 1975: Zweikreis-Bremsanlage, Teleskopstoßdämpfer, geänderte Lenkung. 1977: Scheibenbremsen vorn. 1978: Kastenwagen Acadiane. 1983: Limousine wurde eingestellt. 1988: Ende der Acadiane nach 250.000 Stück.

Plus/Minus

Historiker streiten darüber, ob die Dyane die Lücke zwischen Citroën 2 CV ("Ente") und Citroen Ami schließen oder die "Ente" ablösen sollte.

©S. Krieger

Ein viertüriges, alltagstaugliches Auto mit Faltdach, Charme und Aussicht auf Wertzuwachs, das im Unterhalt nur ein Handgeld kostet, noch dazu ein sicheres und komfortables Fahrwerk – vieles spricht für die Dyane. Kurios: Was Fahrer bürgerlicher Autos als Nachteile empfinden, sind aus Sicht eines "Enten"-Fahrers genau die Vorteile – die schwachen Fahrleistungen der Dyane sind etwas weniger schwach als beim 2 CV, der schmale Innenraum ist weniger schmal, die mäßige Rundumsicht weniger mäßig. Für Hochgewachsene ist die höhere Frontscheibe der Dyane der Hauptvorteil gegenüber der "Ente". Nachteile: Der Vorderwagen ist mit mehr Schrauben fixiert, deshalb dauert es länger, Haube und Kotflügel zu entfernen. Jedem Passagier muss man erklären, wie die Türen von innen öffnen. Und Ersatzteile sind knapper.

Ersatzteile

Motor, Getriebe, Fahrwerk – um solche Technikteile müssen sich Dyane-Fahrer kaum Sorgen machen, das meiste gibt’s bei 2 CV-Spezialisten (zum Beispiel unter www.treffpunkt-citron.de, www.franzose.de, www.burton2cvparts.com, www.dyane.nl). Aber die Dyane ist keine "Ente" mit anderen Kotflügeln, sondern die Karosserie ist weitestgehend eigenständig. Solange die Dyane noch nicht als Kultauto angebetet wird, gibt es nicht viele hochwertige Nachfertigungen, also müssen vergammelte Teile teuer aufgearbeitet werden – wenn das mit Zierleisten und Interieurteilen überhaupt geht. Oder man fahndet in Foren, fragt Freunde, fährt nach Frankreich.

Marktlage

In Frankreich sind zwar die Internetbörsen (wie www.lacentrale.fr, www.marche.fr oder http://annonces.autoplus.fr) auch nicht gerade voll von Dyanen, aber in den Zeitungen und auf Gebrauchtwagenhöfen des trockenen Südens steht das eine oder andere Top-Exemplar. In Deutschland ist das Angebot dürftig.

Empfehlung

Selbst wenn es möglich wäre, eine schlechte Dyane zu restaurieren: Es wäre wirtschaftlicher Irrsinn. Also kaufen Sie die beste, die Sie finden. Frühe Modelle mit 18 PS (1967/68) sind keine gute Wahl für den Alltag, mindestens 24,5 PS sollten es schon sein. Ab Juli 1977 waren Scheibenbremsen vorn und Rollgurte Serie. Sehr charmant sind die Acadiane-Kastenautos, zumal als "Reiseente"-Version mit Tischchen und Bettchen.

Autor: Frank B. Meyer

Fotos: S. Krieger

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