BMW 730i E32 – schön und gut

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Klassiker für Ästheten: BMW 730i

— 07.11.2013

Schön und gut

Harry durfte diesen Wagen erstmals im Juni 1987 holen. Derricks neues Dienstauto hatte die Konkurrenz von Mercedes schon ein halbes Jahr zuvor ins Schwitzen gebracht. Denn nun spielte BMW mit dem 730i ganz oben in der Luxus-Liga mit.

Oberinspektor Stephan Derrick warf schon in den Siebzigern fragen bei manchen Fernsehzuschauern auf: Wie konnte sich ein Kriminalbeamter mit 4000 Mark Monatssalär eine Gold-Rolex für 20 Riesen leisten und warum stand ihm ein Dienst-BMW zur Verfügung, wie ihn in Wirklichkeit vermutlich nicht mal der Polizeipräsident fuhr? Geklärt ist nur eines: Am 19. Juni 1987 nutzte Derrick erstmals die zweite Generation der 7er-Reihe, in Kennerkreisen unter dem Kürzel E32 bekannt. Dass die fragliche Folge den Titel "Die Nacht des Jaguars" trug, war Zufall, wenn auch ein bezeichnender. Weniger, weil Schauspieler Horst Tappert privat britische Zwölfzylinder bevorzugte. Vielmehr, da der neue Luxus-BMW aufgrund seiner grazilen Schönheit rasch im Ruf stand, eine Art deutscher Jaguar zu sein.

Seiner grazilen Linienführung wegen galt der E32 als „deutscher Jaguar“.

©C. Bittmann

Zum Glück war er erheblich zuverlässiger, sonst hätte er sein wichtigstes Entwicklungsziel vermutlich nie erreicht: den Aufschluss zur übermächtigen Konkurrenz aus Stuttgart. Der erste 7er (E23), unterwegs seit 1977, hatte gegen die S-Klasse allenfalls Achtungserfolge erzielt. Als Direktorenlimousine oder Staatskarosse kam er nie weit über die Grenzen des weiß-blauen Freistaats hinaus, auch wenn die Münchner Mordkommission sein Debüt zum Anlass genommen hatte, das Ermittlerduo Derrick/Klein automobil zu befördern. Zuvor waren die beiden stets im Fünfer unterwegs gewesen. Als im September 1986 der neue 7er erschien, klingelten in Stuttgart-Untertürkheim sämtliche Alarmglocken. Vieles an diesem Wagen sei "besser als bei Mercedes", lobte AUTO BILD. Dort, so das Fazit, werde man "sich anstrengen müssen, wenn die neuen großen BMW im Oktober zu den Händlern kommen". Die Form des 7ers konnte begeistern. Das war jedoch nicht das Entscheidende, schließlich markierte Bruno Saccos 126er in der S-Klasse-Historie ebenfalls einen stilistischen Höhepunkt. Viel wichtiger: BMW war drauf und dran, auch technologisch auf die Überholspur auszuscheren. Im März 1987 lancierten die Münchner mit dem 300 PS starken 750i den ersten deutschen Nachkriegs-Zwölfzylinder. Bei Daimler waren damals acht Töpfe das letzte Wort. Erst mit dem 600 SE der 1991 präsentierten Baureihe W 140 schlug Mercedes zurück – und legte noch mal 108 PS an Leistung drauf.

Der Dynamiker: BMW 728i

Typisch für den E32 sind die Heckleuchten in L-Form.

©C. Bittmann

Ästhetisch lag nun allerdings der 7er in Führung, denn im Kontrast zum wuchtigen Schwaben-Dampfer kam sein Naturell als schlanke Alternative für den sportlich gestimmten Luxus-Liebhaber umso stärker zur Geltung. A propos Luxus: In den späten 80ern und frühen 90ern war das noch eine ziemlich karge Angelegenheit. Die solvente Kundschaft musste in der Oberklasse mit wenigem zufrieden sein – oder für heute Selbstverständliches tief in die Tasche greifen. Das Basismodell 730i stand 1986 auf schmächtigen Stahlrädern. Und eine Klimaanlage kostete auch sechs Jahre später noch extra, als unser Fotowagen in Dingolfing vom Fließband rollte. Der Erstbesitzer wählte bei seinem 71.000 Mark teuren BMW lazurblauen Metalliclack für 1680 Mark, gönnte sich Aluräder im Vielspeichen-Design (3390 Mark), Bordcomputer (990 Mark), elektrisch verstellbare Sitze mit Memoryfunktion (3100 Mark) und Rollos für die hinteren Scheiben (960 Mark). Kühle Luft ließ jedoch nur ein Schiebedach herein (2020 Mark). Die 5710 Mark teure Klimaanlage sparte sich der Mann genauso wie die Vierstufenautomatik (3850 Mark). Gute Entscheidung, findet BMW-Sammler Klaus Jansen, der den E32 heute fährt. Der Wandler klaut dem Sechszylinder schließlich nur unnötig Kraft. In Tateinheit mit einer manuellen Fünfgangbox wirkt das 188 PS starke Triebwerk viel lebendiger. Und Schalten macht ja Spaß, wo doch der Hebel fast von allein durch die Kulisse flutscht.

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Stoffsitze, Handschaltung, keine Klimaanlage: So karg konnte Luxus noch 1992 aussehen.

©C. Bittmann

Zum "deutschen Jaguar" passt auch der kultivierte Antrieb. Der M30-Reihensechszylinder, erstmals eingesetzt in den E3-Limousinen und E9-Coupés der späten 60er-Jahre, trägt zwar seiner Robustheit wegen den wenig schmeichelhaften Kosenamen "Eisenschwein". Dennoch zählt er zu den vornehmsten Vertretern seiner Gattung. Sein ruhiger Lauf und die turbinenhafte Drehfreude sind legendär. Dass es an Bord auffällig leise zugeht, liegt nicht allein am Motor, auch am aerodynamischen Feinschliff, den BMW dem Flaggschiff angedeihen ließ – Ergebnis: cW-Wert 0,32. Das Bemühen um Windschlüpfigkeit machte, wie der Tester bemerkte, nicht an Karosseriekanten und Spoilerlippen halt: "Wenn man die Türen von außen schließt, kann man sehen, dass sich die Gummis bündig zusammenfalten wie die Blätter einer Seerose am Abend." Ob Derrick so viel Sinn für Poesie besaß? Wohl kaum. 14 Tage nach dem ersten Einsatz, am 3. Juli 1987, hatte er in Folge 154 ("Ein Weg in die Freiheit") an seinem 7er den ersten Plattfuß. Blöd gelaufen. Und am falschen Ende gespart. Denn (auch wenn sie noch nicht so hießen): Runflat-Reifen gab’s bei BMW auch damals schon.

Technische Daten

Der in den späten 60ern entwickelte M30-Sechszylinder gehört zu den säuselsanftesten Vertretern seiner Gattung.

©C. Bittmann

BMW 730i (E32) Motor: Reihensechszylinder, vorn längs • eine obenliegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, elektronische Benzineinspritzung • Hubraum 2986 ccm • Bohrung x Hub 89 x 80 mm • Leistung 138 kW (188 PS) bei 5800/ min • max. Drehmoment 260 Nm bei 4000/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung an McPherson-Federbeinen, Dreiecksquerlenkern, diagonalen Druckstreben, Drehstab-Stabilisator, Teleskopstoßdämpfer, hinten Einzelradaufhängung an Schräglenkern, Federbeinen, Drehstab-Stabilisator, Teleskopstoßdämpfer • Reifen 205/65 VR 15 • Maße: Radstand 2833 mm • L/B/H 4910/1845/1411 mm • Leergewicht 1720 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 9,3 s • Spitze 222 km/h • Verbrauch 11,1 l N/100 km • Tank 90 l • Neupreis: 71.000 Mark (1992).

Historie

Mit der im September 1986 vorgestellten zweiten 7er-Generation (Werkscode E32) gelang es BMW zum ersten Mal, in der Oberklasse aus dem übermächtigen Schatten von Mercedes herauszutreten. Dies galt umso mehr, als die Münchner ein Jahr nach dem Debüt der Sechszylinder-Typen 730i (188 PS) und 735i (211 PS) einen 300 PS starken V12 brachten, den ersten Motor dieser Bauart in einem deutschen Nachkriegsautomobil. Der 750i unterschied sich von seinen schwächeren Brüdern optisch durch eine in die Breite gezogene Niere im Frontgrill und rechteckige Endrohre. Von Anfang an bot BMW den E32 auch in einer um 11,4 Zentimeter gestreckten Langversion an; nur das Basismodell 730i war in Deutschland nicht als "L" erhältlich. Im März 1992 ergänzten zwei Achtzylinder das Motorenprogramm: Der 730i (218 PS) trat an die Stelle des 735i. Die Lücke zum V12 schloss der 740i (286 PS), der – wie das Topmodell – ausschließlich mit Automatik zu haben war. Beide V8 bekamen die breite Niere des Zwölfzylinders, behielten aber runde Auspuffrohre. Mitte 1994 übergab der E32 den Stab an seinen Nachfolger E38; insgesamt 311.065 Stück wurden gebaut.

Plus/Minus

Noch heute sieht man regelmäßig Siebener der 32er Reihe. In ihrer Zeitlosigkeit fallen sie nur kaum auf.

©C. Bittmann

Obwohl die ersten Exemplare schon ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel haben, fährt sich der 7er der zweiten Generation verblüffend modern – ein Zeichen für die Güte seiner damaligen Konstruktion. Der E32 eignet sich als problemloser Alltags-Youngtimer. Selbst die Wirtschaftlichkeit stimmt, solange kein V12 unter der Haube steckt. Die Anzahl der möglichen technischen Krisenherde hält sich in Grenzen. Wie alle großen BMW neigt er zu erhöhtem Verschleiß an der Vorderachse (Querlenker, Pendelstützen, Spurstangen). Hinten nagt der Zahn der Zeit (und der Kilometer) an Tonnenlagern und Spurausgleichsknochen. Die Sechszylinder gelten als langlebig, sofern sie behutsam warm gefahren und ordentlich gewartet wurden. Rost befällt vor allem die Türkanten und Wagenheberaufnahmen. Wenn sich ein elektrischer Sitz beim Verstellen verzieht, ist die Welle gebrochen, das kommt vor.

Ersatzteile

Wegen der großen Verbreitung und zahlreicher Gemeinsamkeiten mit dem 5er der Baureihe E34 ist der Nachschub an Technik- und Verschleißteilen gesichert, sowohl seitens des Herstellers als auch über freie Anbieter. Budgetbewusste BMW-Besitzer decken sich auf dem Ersatzmarkt ein. Nicht mehr neu verfügbar sind Teile der Innenausstattung, hier hilft aber unter anderem Ebay weiter. Nach der Pleite des Gladbecker Zulieferers GAT sind keine Kaltlaufregler zur Euro-2-Umrüstung mehr im Angebot. Nur TwinTec liefert für den 735i noch ein entsprechendes System.

Marktlage

Die Autobörsen sind voll von E32. Vielfach geht es schon bei weniger als 1000 Euro los. Abgerockte Vierthand-Exemplare mit Milieubereifung und zurückgedrehtem Tacho muss aber keiner nehmen. Auch gepflegte Rentner-7er mit überschaubarer Laufleistung sind ausreichend im Angebot – und meist nur wenig teurer.

Empfehlung

Elektronikmacken kosten Geld und Nerven. Deshalb: Je weniger drin ist, desto besser. Gleiches trifft auf die Motoren zu. Der V12, mag er beim Kauf auch noch so billig sein, wird bei Wartung und Reparaturen zum Groschengrab. Laufkultur und sortenreines BMW-Feeling gibt es auch schon bei einem halben Dutzend Zylinder, allerdings wirkt sich die Automatik (vor allem beim 730i) dämpfend auf die Fahrleistungen aus. Deshalb lieber einen Schalter nehmen.

Der Designer

Der E32 wird gern Claus Luthe (1932–2008) zugeschrieben, was auch insoweit stimmt, als dieser als damaliger BMW-Designchef seine Form verantwortete. Gezeichnet hat den 7er aber der Italiener Ercole Spada. Von ihm stammt auch der 5er der Baureihe E34. Spada (geb. 1938) startete seine Karriere in den 60er-Jahren bei Zagato und entwarf nach seiner BMW-Zeit (1976 bis 1983) zahlreiche Autos für Fiat (u. a. Tipo, Tempra, Lancia Dedra, Alfa 155). Er betreibt heute eine eigene Designfirma in Turin.

Autor: Martin G. Puthz

Fotos: C. Bittmann

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