Operl Rekord D

Opel Rekord D Opel Rekord D Opel Rekord D

Klassiker für Ästheten: Opel Rekord D

— 07.11.2013

Schön schlicht

Flokati hin, Fototapete her, auf der Straße gab es ihn, den guten Geschmack der 70er-Jahre: Der Opel Rekord D bewies, dass eine Massen-Limousine weder schwülstig noch dröge aussehen muss. Seine klare Linie hielt sich bis heute frisch.

Schöne Bescherung. Der Opel Rekord D, dieser durch und durch bürgerliche Kantenhauber, als Teilnehmer eines hochkarätigen Designgipfels. Was hat der denn unter den schönsten Viertürern zu suchen? Mercedes S-Klasse vom Stamm W 108, klar: die ganze Daimler-Wucht in einem Wabengrill. Oder die bezaubernde Déesse: Nie mehr danach war ein Citroën dem Himmel so nah. Wir schnauzbärtigen Opel-Treter der frühen 80er-Jahre hingegen hatten mit Formen und Formalien nichts am Hut. Stattdessen durchkreuzten wir im billig geschossenen D-Rekord die rostige Hölle. Unsere rekordverdächtigen Buntspechte vereinten alle Töne der werkseitigen Farbpalette auf einem einzigen Modell, Schrottplatz-Willi sei Dank. Ein roter Rekord D trug nach spätestens acht Jahren unschuldiges Arktisweiß am Kotflügel vorn rechts, Citrusgelb gegenüber links, eine Fahrertür in Montanagrau, die Kofferklappe in Saharagold. Oder auch Tropengrün.

Serien-Standard waren niedliche 13-Zoll-Räder mit Chrom kappen und Alu-Radzierringen.

©C. Bittmann

Tropengrün? Ja, so wie der Foto wagen hier. Kein zusammengewürfeltes Exemplar wie eben beschrieben, sondern schier, glatt und fast ein wenig kokett figurbetont steht er da. Ein ausnahmsweise mal echter Scheunenfund aus Belgien. Erste Hand, erster Lack, 16.000 Kilometer jung. Schauen wir genau hin. Ist es die Farb-Kombination, die fasziniert? Beiges Interieur mit Dunkelgrün liegt auf der imaginären Liste der Geschmackssicherheit eindeutig weit oben. Direkt neben Mercedes-Lack 291 "Dunkeloliv". Aber es ist ein Opel. Ein schnöder Rekord. Der "Rekord II", wie die Rüsselsheimer Werber das neue Modell anfangs nannten. Er trat im Januar 1972 die Nachfolge des Millionensellers Rekord C an. Der hatte seit 1966 gut gelebt vom modischen Coke-Bottle-Design, was nichts anderes bedeutet als dies: Seine Seitenlinie hat die Form einer Cola-Flasche, die alte, klassisch-kleine natürlich. Doch dann kommt "Chuck". Charles M. "Chuck" Jordan. Ein Mann, so amerikanisch wie Coca-Cola. Typ: Traum aller Schwiegermütter. Gepflegt, teamfähig, kreativ. Vor allem aber weiß er, was er will: schöne Autos bauen. Denn sonst "ist die Technik vergeblich", meint er. Mit 30 ist Chuck Chefdesigner beim Opel-Mutterkonzern General Motors (GM). Mit 40 abkommandiert zur Opel-Tochter nach Deutschland.

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Die Eleganz des kleinen Wohlstands: Ein viertüriger D-Rekord kostete 1972 rund 10.000 Mark, das war auch für Opel-Kunden ohne Prokura erschwinglich.

©C. Bittmann

Der Mann kommt wie ein reinigendes Gewitter über Rüsselsheim, wo sie in der jungen Abteilung Marktforschung und Marketing, nun, sagen wir, nicht immer einig sind. Für Chuck ist das Shit. Marktmeinungen interessieren ihn nicht: "Ein guter Designer ist nicht beeinflussbar." Sein Motto: "no dull cars", keine langweiligen Autos. Große Worte, große Taten. Unter Jordans Regie entstehen innerhalb von nicht mal vier Jahren Manta A und der Opel GT. "Wir hatten alle eine italienische Ader", sagt der frühere Opel-Designer Erhard Schnell – und meint damit auch Robert A. "Bob" Lutz, der im Rüsselsheim jener Jahre mit kernigen Sprüchen als Verkaufschef wirkt. Doch "Rocket Man" Jordan hebt nicht ab, als er den Rekord D skizziert. Stattdessen legt er eine bodenständige Ruhe in die Kraft des Ausdrucks. So arbeitet nur einer, der sich vorher ausgetobt hat. Er, der Erfinder von schrägsten Space-Cars aus der Alles-ist-möglich-Ära, der Fiberglasgestalter des Buick Centurion (1956) und Vater des bahnbrechenden "Aerotrain". Er, der Formengeber von Buick Rivera (1963) und 59er Cadillac Eldorado, dem Flossentier der höchsten Verschwendungsstufe, also ausgerechnet dieser Mann legt in Adam Opels alten Hallen eine neue Spur zeitloser Sachlichkeit in den Opel Rekord D.

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Ein Käfer war komplizierter zu bedienen als der frühe Erfolgs-Rekord, dessen Besitzer nicht einmal ein Radio brauchten.

©C. Bittmann

Fast scheint es so, als habe er dafür alles über Bord geworfen, was ihn einst antrieb. Nicht das Außergewöhnliche wollte er dieses Mal formen, sondern das schöne Schlichte. Ein Auto mit glasklaren Verläufen, großen Fenstern und niedriger Gürtellinie. Ein Auto, gezeichnet wie mit einem Lineal, das begrenzt biegsame Ecken hat. Womöglich zu clean für jene, die es Anfang der 70er lieber barock mögen. Die sollen Ford fahren, mag er gedacht haben, als er den stimmigsten Rekord aller Zeiten entwirft. Zweifel an diesem Superlativ kontert vor allem der Blick auf den Nachfolger Rekord E. Der kommt 1977 mit plump vorgeschobener Unterlippe. Da ist Chuck längst wieder in Richtung Stratosphären-Design für General Motors unterwegs. Seine klare Linie indessen lebt lange weiter, Ford etwa entsagt dem Pomp beim zweiten Granada von 1977 mit ähnlicher Konsequenz. Sogar die Seitenansicht des großen Alfa 6 zeigt später gewisse Ähnlichkeiten. Und die erste Generation des 5er-BMW, Baureihe E 12, gestaltet von Bertone – neun Monate nach dem Rekord D auf den Markt gekommen. Wir lernen: Die großen Designer der Welt, sie eint die italienische Formensprache. Deshalb schuf Ferrari-Fahrer Charles M. Jordan ein Rekord-Meisterstück. Es darf nur keine kunterbunten Kotflügel tragen.

Technische Daten

Vorn näselt der 1,7-Liter-Basismotor mit 66 PS. Speziell die stärkeren 1,9- oder 2,0-Liter-Motoren meistern locker auch den heutigen Alltag.

©C. Bittmann

Opel Rekord D 1700L (1974) Motor: Reihenvierzylinder vorn längs • seitlich im Zylinderkopf liegende, kettengetriebene Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder• ein Solex-Fallstromvergaser • Hubraum 1698 ccm • Leistung 49 kW (66 PS) bei 5300/min • max. Drehmoment 118 Nm bei 2550/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung an doppelten Querlenkern, Schraubenfedern, Stabilisator, hinten Starrachse mit Schraubenfedern, Doppel-Längslenkern, Panhardstab, Stabilisator • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 6.40- 13, auf Wunsch 175-14 • Maße: Radstand 2668 mm • Länge/Breite/Höhe 4607/ 1728/1415 mm • Leergewicht 1115 kg • Zuladung 460 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 20,0 s • Spitze 143 km/h • Verbrauch circa 11 Liter pro 100 km • Neupreis: 10.500 Mark (Januar 1974).

Historie

"Ich will eine Form, die den Käufer förmlich in den Verkaufsraum saugt", fordert der junge Opel-Verkaufschef Robert "Bob" Lutz Ende der 60er-Jahre. 1968 entstehen in Rüsselsheim erste 1:1-Skizzen des neuen Rekord, am 19. Januar 1972 beginnt der Verkauf (ab 9285 Mark). Opel bietet wie beim Vorgänger eine Limousine mit zwei und vier Türen, ein Coupé und den Kombi namens CarAVan, dazu ab März 1972 den Commodore mit sechs Zylindern. Erstmals gibt es ab Herbst 1972 einen Opel Rekord Diesel (2,1 Liter, 60 PS), erkennbar an der Hutze auf der Motorhaube. Die magische Zwei-Liter-Hubraum- und 100-PS-Marke knackt ab Herbst 1975 der Rekord 2000, dazu liefert Opel das "Berlina"-Paket mit Plüschsitzen und Vierspeichen-Lenkrad. Die Produktion des einmillionsten Rekord D feiern die Hessen 1976 mit dem luxuriösen Sondermodell Millionär (u. a. Velourspolster, Zusatzinstrumente). Im Juli 1977 erscheint der Rekord E, der die glattflächige Designlinie des Rekord D nicht fortsetzt. Dessen Erfolgsbilanz: 1.128.196 Opel-Käufer fühlten sich in den Schauraum gesaugt, darunter auch Bundeskanzler Helmut Schmidt, der privat Rekord D fuhr.

Plus/Minus

Wer ein großes, günstiges Auto ohne Allüren und komplexe Technik fahren wollte, nahm in den 70er-Jahren einen Opel Rekord.

©C. Bittmann

Wer ein großes, günstiges Auto ohne Allüren und komplexe Technik fahren wollte, nahm in den 70er-Jahren einen Opel Rekord. Das gilt heute immer noch, ein Mercedes /8 in gutem Zustand ist einige 1000 Euro teurer. Wie alle Massenautos seiner Epoche neigt der Rekord zum schnellen Rosten, auch im Versteckten, wenn es ein Rekord L und Berlina ist: Die Zierblende an Schwellern und Endspitzen verdeckt den Lochfraß. Ein Hebebühnen-Termin sollte dem Check der Längsträger und Tankbefestigungsbänder dienen – sind die durchgerostet, kann der Spritbehälter auf die Straße fallen. Zu den Vorteilen des Rekord zählt dagegen die Haltbarkeit seiner Technik: Mitunter schwächelt die Wasserpumpe, oder die Steuerkette rasselt, weil sie sich gelängt hat, doch im Prinzip ermöglicht die Mechanik 200.000 und mehr Kilometer ohne große Macken. Speziell die stärkeren 1,9- oder 2,0-Liter-Motoren meistern locker auch den heutigen Alltag und geben sich mit neun bis elf Liter Super auf 100 Kilometer zufrieden. Wartung und Reparaturen sind günstig – weil die Technik so schön simpel ist.

Ersatzteile

Opel kann nicht groß helfen, doch bei Ebay laufen über 5000 Auktionen mit Rekord-D-Teilen, dann gibt’s da auch noch die spezialisierten Händler, die Clubs und viele Opel- Hobbydealer auf Teilemärkten. Technikteile sind kein Problem (Benzinpumpe 25 Euro, Auspuff-Endtopf 55 Euro), Blech ist rarer: Ein neuer vorderer Kotflügel kostet beim Teilehändler um die 300 Euro.

Marktlage

Ab etwa 5000 Euro gibt’s eine richtig gute Rekord D Limousine mit zwei oder vier Türen und 1,7-Liter-Motor, denn Wenigfahrer legten meist keinen Wert auf Leistung. Richtig selten sind Coupés und CarAVans, die in tadellosem Zustand an der 10.000-Euro-Grenze kratzen können, Tendenz steigend – doch das gilt für alle D-Rekord.

Empfehlung

Einen ganz frühen suchen – am besten mit Lenkradschaltung, dann fühlt er sich wirklich wie ein Oldtimer an. Oder einen späten Rekord Berlina mit Zweiliter-Motor und 100 PS: So eine durchdringend rote, blaue oder bernsteinfarbene Kuschelflausch-Sitzgruppe gibt’s nicht mal in den angesagtesten Metropolen-Lounges. Und der große Motor macht den Opel richtig flott, ohne zügellos zu saufen.

Der Designer

Es heißt, er habe schon seine Schulhefte mit Autoskizzen gefüllt. Mit 22 jedenfalls ging Charles M. "Chuck" Jordan, Jahrgang 1927, zu General Motors und zeichnete wilde Zukunftsstudien für die "Motorama"-Shows. Später entwarf er den 59er Cadillac Eldorado und den 63er Buick Riviera, zwei gänzlich gegensätzliche Design-Meilensteine. Von 1967 bis 1970 war er Opel-Designdirektor, ab 1986 GM-Vizepräsident für Design. Jordan starb im Dezember 2010 in seiner Heimat Kalifornien.

Autor: Karl-August Almstadt

Fotos: C. Bittmann

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