Kleinschnittger F 125

Kleinschnittger F 125

— 21.05.2010

Das kleine Spielmobil

Es sieht vielleicht albern aus, was Ernst Albers fährt, aber Ernst Albers meint es ernst mit seinem Kleinschnittger F 125. Und die Geschichte, wie Ernst zu seinem lustigen Auto kam, ist ernsthaft lustig.

Hamburg 1955: Der kleine Ernst (7) hat den 1953er Opel Rekord seines Vaters – den mit dem Haifischmaul – gewaschen und setzt sich heimlich hinters Steuer, während Papa Mittagsschlaf hält. Die Füße ausgestreckt, die Augen unterm Lenkradkranz, kurvt er über das 18.000 Quadratmeter große Gelände von Papas Baumschule. An der Ausfahrt zur Lohbrügger Landstraße hält er an – ausgerechnet in dem Moment, als ein Peterwagen vorbeikommt, so heißen in Hamburg die Streifenwagen. Die Polizisten zerren den siebenjährigen Steuer-Sünder zu seinem Vater. Der reagiert gelassen: "Auf dem privaten Grundstück ist das doch nicht verboten."

Das kleinste Auto der Welt: Peel 50

Manch 20-Jähriger träumt heute von einem Auto mit lackierten 16-Zöllern, derart flachen Reifen und tiefer Sitzposition.

Fünf Jahre später, Weihnachten 1960: Für Ernst liegt nur eine Tafel Schokolade unterm Weihnachtsbaum. "Mehr gibt's nicht", sagt Papa und verkneift sich ein Lachen, bis dem Sohn die Tränen kommen. "Guck mal aus dem Fenster." Da steht ein weißer Kleinschnittger F 125 im Schnee, Baujahr 1953, 123-Kubik-Ilo-Zweitakter, 5,5 PS, Spitze 65 km/h, Neupreis 2300 D-Mark. "Für dich." Ernst ist selig: sein erstes eigenes Auto – mit zwölf!  Albers senior hat den F 125 zwei Tage vor Heiligabend auf dem Schrottplatz in Hamburg-Billstedt gekauft, für 100 D-Mark. Er hatte der entmündigten Studienrätin Marianne M. aus Blankenese gehört, ihr Anwalt hatte dem Schrotthändler den Fahrzeugbrief übergeben.

Ein Riesen-Spaß: Rennen fahren mit dem Kleinschnittger

Es beginnen schöne Jahre für Ernst Albers: "Wir hatten auf dem Gelände einen Außenring, da haben wir die Kurven überhöht, und mit meinen Freunden bin ich Rennen gefahren“ – mit Victoria-Mopeds, einem Vorkriegs-DKW, bei dem der zweite Gang nicht rein ging, und eben mit dem Kleinschnittger. "Man konnte mit dem Auto gut driften und Bremshaken schlagen." Spätestens als Ernst Albers einen Führerschein hat, ist die Faszination Kleinschnittger erloschen, der Wagen steht und fängt an zu gammeln. "Mit Ende 20 wurde mir klar, dass es kaum noch Kleinschnittger gibt. Also habe ich einen neuen Boden eingesetzt, Farbe drübergetüncht und ihn weggestellt, um ihn eines Tages zu restaurieren."

Parken hochkant an der Wand

"Weggestellt" meint Albers wörtlich: Er parkt Deutschlands kleinsten Pkw in der Garage – hochkant an der Wand. Zu zweit ist so ein 150-Kilo-Gefährt schnell aufgestellt. 2004, Ernst Albers ist inzwischen Maschinenbauer und leitet die Materialwirtschaft von Alfa Laval, geht es los. Er nimmt den Kleinschnittger auseinander, restauriert das meiste, fertigt viele Teile selbst neu an. Schon weil die meisten Ersatzteile nicht mehr zu bekommen sind. Zum Glück passen die Scheinwerfer vom Fiat 500, und passende Gummis für die Fahrwerksfedern findet man an Federgabeln von Sandbahn-Rennmotorrädern. Vieles kann und muss Albers selbst machen: Tank schweißen, Bremstrommeln ausdrehen, Buchsen in die Hardyscheiben senken. "1972 hatte ich die dusselige Idee, Käfer-Blinker aufzusetzen." Auch die Heckleuchten stammen vom Käfer; das würde Ernst Albers heute anders machen. "Aber ich habe auch kein Interesse daran, dass alles hundertprozentig original ist. Ich will damit rumfahren und Spaß haben." Den hat er jetzt wieder.

Autor: Frank B. Meyer

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