Lancia Thema i.e.

Lancia Thema

— 12.02.2014

Immer noch ein Thema!

Lancia und Lebensart, das war einmal. Lang, lang ist’s her. Aber wenn wir schon beim Thema sind: Es muss nicht der Extremfall mit Ferrari-Motor sein. Die achtziger Jahre waren einfach. Und sogar auch ein bisschen edel.

Der Jahrgang 1984 leidet offensichtlich unter Wohlstandsverwahrlosung. Seine Vertreter wurden angeschafft, um benutzt und verbraucht zu werden. Die Basis hat sich in Rost aufgelöst, nur die oberen Eintausend sind geblieben. Ein hochgezüchteter Lancia Thema 8.32, dem der halsstarrige alte Enzo seinen Segen und damit den (Bei-)Namen Ferrari verweigerte, ist schnell zur Hand. Dabei entfiel auf die weniger als 4000-mal gebaute Sportlimousine nur rund ein Prozent der Thema-Produktion. Auch ein Kombi ließe sich leicht auftreiben. Pininfarina hat den eleganten Sport Wagon entworfen und in geringen Stückzahlen gebaut. Schon zu Lebzeiten hatte der Liebhaberstatus Vorrang vorm Lieferwagentalent, was dem Thema SW eine herausgehobene Position sichert.

Vier Türen, Stufenheck, zarter Chrom: Unter Fiat wurde Lancia konventionell – und erfolgreich.

©M. Gloger

Aber die Realität sieht (und sah auch damals schon) ganz anders aus. Sie hat kein filigranes, mühsam am Leben zu erhaltendes Ferrari-Herz im Bug, keinen Elektrospoiler im Kofferraumdeckel, kein Luxusleder von Poltrona Frau auf den Sitzen und auch kein Kombiheck, in das – man höre und staune! – tatsächlich weniger hineinpasst als in den Kofferraum der stinknormalen Limousine. Die Wirklichkeit trug und trägt Stufenheck, verschossene, von UV-Strahlen gegarte Stoffe, schiefe Innenraum-Landschaften aus langsam zerfallendem Plastik, garniert mit ein paar wenigen Knöpfen, und einen Vierzylinder-Saugmotor mit schmächtigen 113 Katalysator-PS. Das Ganze wäre auch mit Zweiliter-Turbo, Euro- oder Arese-V6 oder mit Turbodiesel denkbar, doch ein Zweiliter-Benziner ist pure Alltäglichkeit. Das wahre Leben in der oberen Mittelklasse ist 1984 selbst dann bescheiden, wenn ein großer, traditionsreicher Name wie Lancia dransteht. Heute ist die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, fast größer als die, im Alltag einem sparsam ausgestatten Thema zu begegnen.
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Ein Hauch von Luxus

Beliebte Lancia-Schrullen wie Schräghecks, skurrile Coupés und Boxermotoren strich Fiat beim Thema konsequent.

©M. Gloger

Böse Zungen werden ihn langweilig nennen und ihm fades Design und austauschbare Fiat-Technik vorwerfen. Aber die Normalität steht ihm gut. Den Lampredi-Zweiliter, bekannt aus Beta und Delta, beruhigen bereits zwei Ausgleichswellen. Nur der etwas holprige Langsamfahrkomfort und der schäbig gewordene Kunststoff im Innenraum fallen unangenehm auf. Der Rest hat Klasse, wie sie von einem Lancia erwartet werden darf. Mit seiner klaren und schnörkellosen Giugiaro-Form, dem zarten Chromschmuck um die Seitenfenster und dem eleganten Lack im Farbton "Grigio Quarzo Metallico" verströmt der Thema einen Hauch von Luxus. Und im Kreise seiner engen Verwandten aus zwei Kulturkreisen beweist er obendrein Stil und Zurückhaltung. Der Thema war ein Kind des Kostendrucks. Gemeinsam mit Saab (9000) und Fiat (Croma) entwickelte Lancia Anfang der 80er den neuen Typ Y9. Am Ende stimmten nur noch Bodengruppe, Windschutzscheibe und Türen überein, doch Mutter Fiat und Tochter Lancia, die den Thema im Oktober 1984 als Erste präsentierte, teilten sich (gemeinsam mit dem später angedockten Alfa Romeo 164) immerhin große Teile der Technik.
Italienischer Schöngeist: Lancia Gamma Coupé 2500

Der Thema musste vielen gefallen

Die Polster dünn und durchgescheuert, das Abarth-Lenkrad nachgerüstet, längst hat sich das originale Plastik aufgelöst.

©M. Gloger

Das machte den Wagen billiger, aber auch verwechselbarer. Der Thema musste jetzt vielen gefallen und in einem Aufwasch den clever gemachten, aber gealterten Beta und den schrägen, labil konstruierten Gamma ersetzen. Lieb gewonnene Lancia-Schrullen wie Schräghecks, skurrile Coupé-Formen und Boxermotoren strich Fiat konsequent. Der neue Lancia war dadurch – bisher eigentlich undenkbar – tatsächlich nur ein Auto. Genützt hat ihm das im Rückblick nicht. Nach den Erstbesitzern, Bildungsbürgern mit Hang zu Valpolicella und Frührenaissance, gaben sich in immer schnellerer Folge Fiat-Regata-Aufsteiger und Pizzerien-Besitzer die Bügeltürgriffe in die Hand, die vor allem Platz brauchten und für kleines Geld dankbar die Reste auftrugen. Und rosten tat der Thema schon von ganz allein. Deshalb braucht es heute Begeisterung und Opferbereitschaft, um die letzten Vertreter einer großen Baureihe durchzuschleppen. Wo schon der Einbau eines neuen Anlassers unrentabel erscheint, gibt es für Kosten-Nutzen- Relationen keinen Platz. Hoffen wir, dass die letzten Exemplare dennoch ihre Liebhaber finden. Sonst weiß bald niemand mehr, wie das Leben 1984 wirklich aussah.

Technische Daten

Der Zweiliter-Vierzylinder ist ein altes Stück Eisen – die Basis des Fiat-Doppelnockers geht auf die sechziger Jahre zurück.

©M. Gloger

Lancia Thema i.e. Motor: Reihenvierzylinder, vorn quer • zwei obenliegende Nockenwellen, über Zahnriemen angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, elektronische Benzineinspritzung (Bosch LE-Jetronic) • Hubraum 1995 ccm • Leistung 83 kW (113 PS) bei 5600/ min • max. Drehmoment 157 Nm bei 4000/ min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an MacPherson-Federbeinen und Dreiecksquerlenkern, hinten an Federbeinen, Querlenkern u. Zugstreben, rundum Schraubenfedern, Stabilisatoren, Teleskopstoßdämpfer • Reifen 185/65 R 14 • Maße: Radstand 2660 mm • L/B/H 4590/1755/1435 mm • Leergewicht 1120 kg • Kofferraum 550 Liter • Tank 65 Liter • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 9,7 s • Spitze 191 km/h • Verbrauch 8,3 l N pro 100 km • Neupreis: 32.190 Mark (1987).

Historie

Oktober 1984: Der Thema (Y9) mit Stufenheck ersetzt den schrulligen Schrägheck-Vorgänger Gamma. Neben Vierzylinder-Benzinern (2,0-Liter-Sauger/120 PS; Turbo/165 PS) werden ein Vierzylinder-Turbodiesel (2,4 Liter/100 PS) und ein V6 (2,9 Liter/150 PS) angeboten. 1986: Statt des erwarteten Coupés kommt der von Pininfarina entworfene Kombi namens Sport Wagon. Teures und exotisches Topmodell ist ab sofort der Thema 8.32 mit Ferrari-V8-Motor (3,0 Liter/215 PS) dessen Fertigung 1992 endet (Stückzahl: 3973). 1987 erscheint die staatstragende Langversion. Die in kleinen Stückzahlen gebaute Thema Limousine baut 30 Zentimeter länger und kostet rund 60.000 Mark. Zum Modelljahr 1988 erscheint der Nuova Thema mit flacheren Scheinwerfern, dicker umrahmtem Kühlergrill und neuen 15-Zoll-Leichtmetallrädern. Bei den Vierzylindermotoren hält Vierventiltechnik Einzug. 1989: Der Turbodiesel legt zu (jetzt 2,5 Liter/115 PS). 1992: letztes Facelift mit überarbeiteter Frontpartie und verbesserter Ausstattung. Der Alfa-V6 (3,0 Liter/171 PS) löst den Euro-V6 ab. 1994: Ende der Produktion (Stückzahl: 336.476).

Plus/Minus

Wann findet der Lancia Thema Liebhaber? Sonst weiß bald niemand mehr, wie das Leben 1984 wirklich aussah.

©M. Gloger

Rost ist ein Thema beim Thema. Typisch 80er-Jahre eben. Auch Oberflächen und Qualität enttäuschen angesichts des großen Markennamens, vor allem bei frühen Modellen. Es steckt halt jede Menge Fiat drin. Aber egal: Er ist immerhin noch ein Lancia und kein umgestrickter Chrysler. Außerdem pflegt der Thema in seinem sachlichen Giugiaro-Kleid eine verloren gegangene, stille Eleganz, bietet viel Platz für vier bis fünf Freunde, enthält solide, zum Teil sogar begeisternde Technik und ist in der Summe seiner Eigenschaften ein baldiger Klassiker mit Talent für den Alltag. Selbst Lancisti, die schwärmerisch den Zeugen der großen, alten Zeit nachträumen, können in ihm noch eine Versuchung entdecken: Ein Sport Wagon transportiert nicht nur stilvoll Designermöbel und Weinkisten. Er dürfte auch bald seltener als eine Lancia Flaminia sein.

Marktlage

Nebelscheinwerfer vom Fiat Uno, Türen und Anlasser vom Croma, Frontscheibe vom Saab 9000, Motoren aus dem Fiat- und Alfa-Regal ... Offiziell gibt es für den Thema zwar nichts mehr, Lancia hat andere Sorgen, aber im Baukasten der markenübergreifenden Großfamilie findet sich oft doch immer wieder das Gesuchte. Lediglich bei Lancia-eigenen Blech- und Ausstattungsteilen, bei Ersatz für fadenscheinige Stoffe und brüchiges Plastik wird es richtig eng. Kleiner Tipp: In Italien und Großbritannien ist das Angebot (auch an Fahrzeugen) deutlich größer.

Marktlage

Schwierig bis hoffnungslos. Wenig Nachfrage trifft auf noch weniger Angebot. Ein paar versprengte Rest-Thema, quer durch alle Baureihen und Motorisierungen, haben die Abwrackprämie überlebt. Einen echten Markt gibt es nur in Italien, aber auch der ist überschaubar. Nur an 8.32 mit Ferrari-Motor herrscht kein Mangel.

Empfehlung

Ein später LX gilt als luxuriöse und ausgereifte Ideallösung, Autos mit Turbo oder Alfa-Motor sind erstrebenswerter als solche mit Sauger oder Euro-V6. Aber das ist Theorie: Der Zustand sollte entscheiden. Selbst bestens erhaltene Spitzenmodelle schaffen es nicht in den fünfstelligen Euro-Bereich. Ausdrücklich warnen möchten wir vor dem 8.32. Mag sein Preis noch so verlockend wirken: Der Unterhalt frisst einem die Haare vom Kopf.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: M. Gloger

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