Vergleich: Reihensechser aus vier Jahrzehnten

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Legendäre Reihensechszylinder: Mercedes 300 SL

— 24.01.2015

Mercedes 300 SL - der Innovative

Unsterblich wird der Reihensechszylinder bereits Mitte der 50er, als er die Designer zur wohl legendärsten Notlösung – den Flügeltüren – zwingt.

Alle beweglichen Teile der Karosserie bestehen aus Aluminium. Ausnahmen: 28 Vollalu-SL und ein Prototyp mit GFK-Aufbau.

Unsterblich wird der Reihensechszylinder bereits Mitte der 50er, als er jene Sportwagen-Ikone befeuert, deren 82 Kilo leichter Rohrrahmen die Designer zur wohl legendärsten aller Notlösungen – den Flügeltüren – zwingt.Der Dreiliter mit leicht langhubiger Auslegung stammt zwar in seinen Grundzügen aus der 300er-Limousine, fällt im SL jedoch völlig aus dem Kontext seiner Zeit. Faszinierend für damalige Verhältnisse ist neben der Trockensumpfschmierung und der Benzindirekteinspritzung, die nicht vor Ende der 1990er-Jahre in Großserie gehen wird, vor allem die Leistung, deren Tragweite sich erst erschließt, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Mitte der 50er noch mit maximal 25 PS unterwegs waren. 215 PS weist der SL mit optionaler Sportnockenwelle offiziell aus. Durch die Frischzellenkur von HK Engineering dürfte in unserem Testwagen jedoch das eine oder andere Extra Pferdchen galoppieren.

Federleicht flügeln die in Amerika als "gullwings" (Möwenschwingen) bezeichneten Portale auf, nun heißt es Lenkrad wegknicken und Glieder einfädeln. Ein Zugschalter aktiviert die Benzinpumpe, der Taster nebenan schießt Luft dazu, dann stupst der Anlasser den Motor in einen ruhigen Ruhepuls. Keine Rhythmusstörungen, kein Wiederbeleben. Drinnen dünstet nach und nach der Schweiß der Mechanik aus, zieht zusammen mit gewittrigen Klängen übers malerische Armaturenbrett, ehe sich der höckerige Haubenhorizont Richtung Messstrecke schiebt.

Sind die 15 Liter Öl temperiert, darf die Maschine aus dem Keller fulminant hochröhren, kurz nach sechs jäh in sich zusammensacken und wieder loslegen, sobald der nächste Gang reingestochert ist. Geraden verschlingt der SL, Kurven wollen niedergerungen werden. Obwohl die bissschwachen Trommeln hier den Scheiben des späteren Roadsters gewichen sind, stemmt man die Bremswirkung regelrecht aus dem Pedal. Erst wehrt er sich ein bisschen, wird im Hintern leicht, dann zieht er sich am Lenkrad, das man wie eine Zeitung in den Händen hält, ins Eck. Willig, exakt, aber stets begleitet vom mulmigen Gefühl rund um die Pendelachse, der man ihre Tücke nicht zu Unrecht nachsagt.
Fahrzeugdaten Mercedes 300 SL
Motor Reihensechszylinder, vorn längs
Ventile/Nockenwellen 12/1
Nockenwellenantrieb Kette
Hubraum 2996 ccm
Bohrung x Hub 85,0 x 88,0 mm
kW (PS) bei U/min 158 (215)/5800
Nm bei U/min 275/4600
Höchstgeschwindigkeit 235 km/h
Getriebe Viergang manuell
Antrieb Hinterrad
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Trommel
Testwagenbereifung 205/70 R 15 V
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 100 l/Super
zulässiges Gesamtgewicht 1555 kg
Verbrauch (Werksangabe) 9,5 l
Abgas CO2 (nach Werksverbrauch) 225 g/km
Messwerte
Beschleunigung 0–50/–80 km/h 2,8/5,6 s
Beschleunigung 0–100/–130 km/h 8,6/12,7 s
Zwischenspurt 60–100/80–120 km/h 9,7/13,5 s
Bremsweg aus 100 km/h 48,3 m
Leergewicht/Zuladung 1281/274 kg
Gewichtsverteilung vorn/hinten 49/51 %
Wendekreis links/rechts 11,2/11,3 m
Innengeräusch bei 50/100 km/h 82/88 dB (A)
Testverbrauch – CO2 14,3 l – 339 g/km
Reichweite 690 km
Kosten
Steuern pro Jahr 191 €
Versicherung (HPF/100%) individuelle Einstufung
Werkstattintervalle 5000 km
Kosten/ Ölwechsel/ Inspektion nach Aufwand
Zeitwert (Zustand 2) 950.000 Euro

Vergleich: Sportliche Reihensechser aus vier Jahrzehnten

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Autor:

Stefan Helmreich

Fazit

In der Papierform fährt der Flügeltürer etwas hinterher. Aus der Fahrerperspektive jedoch, wenn man den Direkteinspritzer zornig am Gasfuß hängen spürt und Gang für Gang durchs Drehzahlband fräst, fühlt man sich auf einmal ganz, ganz vorn. Wirklich gebändigt bekommt den SL nicht mal die nachgerüstete Scheibenbremse, deren Werte ahnen lassen, wie abenteuerlich die Trommelanlage sein muss.

Fotos: C. Bittmann

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