Lloyd LT 600

Lloyd LT 600

— 07.12.2012

Der hat's vorgemacht

Vor 60 Jahren erfand Lloyd den Minivan, wie wir ihn heute kennen. Nur den Lloyd LT 600 kennt keiner mehr, denn er war einfach zu praktisch zum Aufheben. Wie fhlt sich das Urgestein heute an?

Es sind Entweder-oder-Jahre, in denen Deutschlands erster Kompaktvan entsteht. Die Nachkriegs-Republik hats noch nicht mit neumodischer Durchlssigkeit: Freies Denken und Whlen ist schon schwer genug, die Textilfreiheit von Hildegard Knef als "Snderin" im Kino ein nationaler Schock. Und auch die Autobauer haben sich lngst nicht von Opas Konventionen befreit. Sie liefern Limousinen fr bessere Leute und Lastwagen frs arbeitende Volk. Nur bei Lloyd gibt es ab Herbst 1952 ein Auto, das beides ist, ein Frachter und Freizeit-Auto fr Familien.

Fieses Schachtelheck: Eleganz war beim Deutschlands erstem Kompaktvan nicht vorgesehen, nur Zweckmigkeit zhlte.

Der Lloyd LT nennt sich "Groraum- Personenwagen", in Wirklichkeit ist er ein Minivan, aber das Wort kommt erst Jahrzehnte spter in Mode. Da gibt es ihn und seinen Hersteller nicht mehr. Dass es ihn gab, den groen kleinen Lloyd, liegt daran, dass kein deutscher Autobauer freier war als Carl F. W. Borgward in Bremen. Frei von Widerrede und Zweifeln, vor allem aber frei von strenden Traditionen. Der Lloyd LT sieht nicht so aus, aber alles an ihm ist modern. Er kommt aus dem Modellbaukasten, lsst sich also billig bauen. Eine Spaceframe-Konstruktion macht ihn leicht, und es strt nicht, dass der Rahmen aus Holz besteht, nicht aus Alu. Seine Sitze lassen sich schnell ausbauen und in die Garagenecke stellen. Vorderradantrieb hat er auch schon, ab 1956 gibt es ihn auf Wunsch mit verlngertem Radstand. Und wenn es der modellgepflegte LT 600 ist, treibt ihn ein Quermotor mit kettengetriebener, oben liegender Nockenwelle an.

Helden des Wirtschaftswunders: Nachkriegs-Transporter

Das bisschen Luxus von Kristallglas-Ascher und -Vase gnnte sich der Erstbesitzer aber. Vllig original ist dagegen das dunkle Holzarmaturenbrett des LT.

Es gibt ihn auch als Kastenwagen, doch so kauft ihn kaum einer. Wer den Lloyd LT verstanden hat, nimmt ihn mit sechs Sitzen. "Ein sachliches Auto fr sachliche Menschen", schreibt der Tester Paul Simsa 1959 und wnscht sich "leicht herausnehmbare Seitenfenster", weil er sich an der schwachen Belftung strt. Es htte gepasst zum frugalen Charme des Lloyd, dem sein Flei zum Schicksal wurde. "Oft waren die LT schon nach fnf Jahren fertig", sagt Arno Burmester (55), Lloyd-Sammler und Besitzer des blauen Foto-Vans von 1956. Der hatte Glck und lebte bei einem Eierhndler, der ihn trocken lagerte und wenig fuhr. Am Lloyd kanns nicht gelegen haben. Sicher, zum Schnelltransporter taugt er mit seinen 19 PS nicht, und der luftgekhlte Zweizylinder ist kein Typ der leisen Tne. Und doch bringt der LT seine Insassen mit Anstand unter. Erst mssen sie ihn mit eingezogenen Kpfen betreten. Doch dann sitzen sie bequem auf seinen Karopolster-Sitzen, schauen auf offen liegendes Fachwerk und das dunkelhlzerne Armaturenbrett und fhlen sich wie im Nebenzimmer einer norddeutschen Dorfkneipe. Fehlt nur der Kachelofen in der Ecke, aber dafr ist zumindest im kurzen LT kein Platz mehr. Viel Raum fr sechs, aber nicht frs Gepck: Auch den grten Nachteil aller spteren Vans kannten sie also schon, die Lloyd-Leute der 50er.

Technische Daten

Er versteckt sich im Souterrain, dabei war der Zweizylinder des LT 600 ein modernes Motrchen mit oben liegender Nockenwelle und bis zu 25 PS.

Lloyd LT 600: Motor: Luftgekhlter Zweizylinder-Viertaktmotor, vorn quer oben liegende Nockenwelle, ber Kette angetrieben, ein Solex-Fallstromvergaser Bohrung x Hub 77 x 64 mm Hubraum 596 ccm Leistung 19 PS bei 4500/ min max. Drehmoment 38 Nm bei 2500/min Antrieb/Fahrwerk: unsynchronisiertes Dreiganggetriebe, ab Juli 1957 vollsynchronisiertes Vierganggetriebe, Krckstockschaltung Vorderradantrieb Radaufhngung vorn an zwei Querblattfedern, hinten Pendelachse an Lngsblattfedern Reifen 5.00-15, ab Juli 1957 5.60-13 Mae: Radstand 2350 mm (auf Wunsch ab Nov. 1956 auch 2850 mm) L/B/H 3517 (lang: 4017)/1515/1617 mm Leergewicht 665 kg Zuladung 485 kg Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 80 km/h Verbrauch 6,5 l N/100 km Neupreis: 4660 Mark (1956, langer Radstand zzgl. 100 Mark).

Historie

Einstieg vorn rechts, dann nach hinten durchkrabbeln: Aber dann sitzen sechs Leute im Lloyd bequem. Den sichtbaren Holzrahmen haben alle LT gemeinsam.

Volkstmliche Autos mit hohem Nutzwert machen Borgward in den 1920er- und 30er-Jahren gro, doch die hchsten Stckzahlen erreicht er in den 50ern mit seinen Lloyd-Kleinwagen. Der Lloyd 300 beginnt 1950 als Limousine (LP), gefolgt von Coup (LC), Kombi (LS) und Kastenwagen (LK). Ende 1952 startet Borgward den LT 500 mit neu entwickeltem 400-ccm-Zweitakter (13 PS) und bewirbt ihn als "neuen Fahrzeugtyp, den Groraum-Pkw" Deutschlands erster Kompaktvan. Den LT 500 gibt es als Sechssitzer, Kasten- und Pritschenwagen. Im September 1955 machen ihn die Bremer zum LT 600 mit Zweizylinder-Viertaktmotor (19 PS). Im November 1956 rckt eine 50 cm lngere LT-Version ins Programm, im Juli 1957 erhlt der LT 600 ein vollsynchronisiertes Getriebe, 13- statt 15-Zoll-Rder sowie ein Stahlblech-Dach. Die Kabine bleibt bis zum Produktionsende im Frhjahr 1961 eine Fachwerk-Konstruktion mit blechbeplanktem Hartholz-Gerippe. Bis Mitte 1954 sind auch Tren und Seitenteile des LT mit formgepressten, kunstharzgetrnkten und naturgemaserten Hartholzplatten verkleidet. Lloyd baut 24.668 LT 500/600, darunter 19.937 Sechssitzer. 

Plus/Minus

Nein, keine Heimwerker-Bastelei, das gehrt so! Lloyd schraubte in den LT, was der Normteile-Katalog hergab, ein Holzkltzchen hlt die Schliefalle fest.

Borgwards kleiner Van ist ein Meilenstein, den kaum einer kennt Plus oder Minus, das mssen Lloyd-Leute heute fr sich selbst entscheiden. Als Oldtimer fr die ganze Familie taugt ein LT jedenfalls noch immer, sofern die Sippe duldsam und die Landschaft flach ist, denn auch die 19-PS Version luft fr heutige Begriffe laut und langsam, und der Zweitakter mit 13 PS ist eigentlich nur fr gelegentliche Schaufahrten geeignet. Wie bei allen Lloyd macht die Technik keine Probleme, auch die blechernen Karosserieteile und die schlichte Innenausstattung lassen sich leicht restaurieren, aber die Holzteile eines LT sollten gut erhalten oder fachgerecht saniert sein. Da das Gerst immer etwas arbeitet, sind Risse in der Blechbeplankung und nicht vllig dichte Tren keine K.o.-Kriterien, sondern Originalmngel, die auch gute LT betreffen. Frs ewige Leben waren diese Autos nicht gedacht umso schner, wenn es trotzdem klappt.

Ersatzteile

Neuteile aller Art sind Glcksache, manche Sammler hten erstaunliche Lagerbestnde. Gebrauchte Teile fr die Technik tauchen auf Teilemrkten und auch bei Ebay noch recht hufig auf und kosten nicht viel, weil zahlreiche Lloyd-Limousinen als Teiletrger in Scheunen und Schuppen berlebt haben. Karosserieteile fr den Lloyd LT sind schwer zu bekommen, weshalb Restaurierungsobjekte unbedingt komplett und nicht zu morsch sein sollten. Eine faule Holzkonstruktion ist zwar zu retten, aber rentabel ist so was in der Regel nicht.

Marktlage

Weniger als 50 Lloyd LT haben hierzulande berlebt, die Kleinwagen-Szene schtzt ihre Seltenheit und historische Bedeutung: Ein guter LT 600 kostet mindestens 10.000 Euro, Spitzenstcke knattern allmhlich der 20.000er-Grenze entgegen. Restaurierungsobjekte mit Substanz mssen deutlich unter 5000 Euro liegen.

Empfehlung

Okay, kein Transporter der 1950er guckt so treuherzig wie ein Lloyd LT, aber er ist nun mal selten und nicht mehr billig. Das genaue Gegenteil trifft auf die Lloyd-Limousinen und -Kombis zu: Selbst sehr gute Lloyd 600 und Alexander kosten nicht viel mehr als 6000 Euro und sind agiler als der grere LT. Wenns nur ums Fahren geht und nicht um die Van-Geschichte, macht der Normal-Lloyd glcklicher.

Autor: Christian Steiger

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