Maserati Biturbo Serie I

Maserati Biturbo Serie I

— 20.09.2011

Amaretto ist ein geiles Zeug

Sentimento grandioso per Italia, ein großes Herz für alles Italienische, ist eine gute Voraussetzung, um mit einem Maserati Biturbo glücklich zu werden. Geld hilft natürlich ebenfalls.

Alejandro De Tomaso wollte das ganz große Rad drehen, als er die marode Modeneser Edelschmiede Maserati 1975 von Citroën übernahm. Nicht mehr wie bisher mit etwa 500 Autos pro Jahr kleckern, sondern richtig klotzen, mit Tausenden kleiner Maserati im Format eines BMW E21 und mit den Fahrleistungen eines Ferrari 308. Resultat: Der Maserati Biturbo wurde 1981 vorgestellt, bestaunt wie ein UFO – entsprechend viele Kunden bestellten ihn. Und waren bald ernüchtert: Der neu entwickelte V6-Motor mit seinen 18 Ventilen und zwei Turboladern sorgte zwar für ordentlich Druck, doch auch für mächtigen Ärger. Der Biturbo erwarb sich einen geradezu legendär schlechten Ruf und die Verkaufszahlen purzelten. 1982 wurden weltweit über 5000 Biturbo verkauft, wenig später kaum mehr die Hälfte, was der Marke Maserati nicht abträglich war.
Weitere Autos der Jahrgänge 1981 und 1982
Audi 100 C3 Bitter SC BMW 528i DeLorean
Ford Sierra Mercedes 190 VW Santana

Die kantige Front erbte der Biturbo vom großen Bruder Quattroporte, dabei ist der Schrumpf-Maserati viel kleiner.

©A. Perkovic

Denn dass es heute die Marke mit dem Dreizack noch gibt, ist zum großen Teil dem kleinen Biturbo zu verdanken. Die Biturbo-Familie überlebte die Fiat-Übernahme 1993 und blieb im Programm, es gab Limousinen, Cabrios und Coupés mit Motoren bis zu 2,8 Liter Hubraum und weit über 300 PS. Quattroporte, Kyalami und Merak führten verkaufstechnisch im Vergleich ein Schattendasein. Ein frühes Exemplar der ersten Biturbo-Serie aufzutreiben ist wahrscheinlich schwerer, als einen Achtzylinder-Ghibli von 1969 zu finden. Hans Spies, Meister und Betreiber des gleichnamigen Autohauses in Köln-Sürth, hat einen. Er parkt vor der schneeweißen Halle, glänzt mit seinem graugrünen Lack in der Sommersonne und sieht neben einem Mercedes W108 und einigen BMW sehr zierlich aus. Die Proportionen erinnern an einen BMW 3er, nur gedrungener, flacher, kürzer wirkt er. Doch immer noch sehr stimmig, elegant, mit einem Hauch der klassischen Klarheit einer Renaissance-Fassade.

Kleines Auto, großer Name: Maserati Biturbo Spyder

Bei 2,51 Meter Radstand bietet der Biturbo vier Sitze, einen akzeptablen Kofferraum und einen 80-Liter-Tank.

©A. Perkovic

Obwohl es gern gesagt wird, stammt das Design des kleinen Maserati nicht von Giugiaro – der entwarf den Quattroporte III, der als Vorlage für den Biturbo-Entwurf diente. Und auch nicht Zagato, dort entstanden später nur die Spyder-Versionen. De Tomaso hatte den Designer Pierangelo Andreani von Pininfarina abgeworben, um Autos für Maserati und Motorräder für Moto Guzzi und Benelli zu entwerfen. Für Motorradfreunde: Das Design der Guzzi Le Mans III, der Benelli 604 sowie der Cagiva-Modelle Elefant und Alazzurra stammen ebenfalls von Andreani. Meister Spies hat Vertrauen in seinen Maserati: "Er läuft", sagt er, "meine Jungs haben einen neuen Zahnriemen eingebaut und alle Verschleißteile gewechselt, also könnt ihr einfach fahren." Ein paar Einschränkungen gibt er uns noch auf den Weg: Die Umrüstung der Klimaanlage sei noch nicht erfolgt und der Fensterheber in der Beifahrertür ohne Funktion. Kein Problem, es ist schließlich der vermutlich einzige Tag dieses Sommers, an dem das Thermometer auf 35 Grad steigt.

180 PS aus zwei Liter Hubraum

Die Sitze haben nur Stoffbezüge und das Lenkrad sieht eher billig als nach Maserati aus,

©A. Perkovic

Hauptsache, dem 90-Grad-V6 vorn wird nicht zu warm um die Kurbelwelle. Der springt jedenfalls – ganz entgegen seinem schlimmen Ruf – sehr bereitwillig an, läuft ein wenig schüttelig im Leerlauf, hängt dann aber brav am Gas. Es ist schon eine etwas abenteuerliche Konstruktion, die der Biturbo der ersten Serie mit sich herumträgt: Zwei Turbolader (einer pro Zylinderbank) pusten Druckluft in einen Weber-Vergaser, durch den anschließend das benzinhaltige Gemisch durch zwölf Einlassventile in sechs Brennräume strömt. Dabei ist auch noch ein Einlassventil pro Brennraum etwas größer, wodurch das Gemisch in einen verbrennungsfördernden Drall versetzt wird. Das funktioniert so gut, dass aus nur zwei Liter Hubraum 180 PS und 256 Newtonmeter Drehmoment geschöpft werden – Downsizing im Jahre 1981.

Autos der 70er: Die Italiener

Ein besonders sparsames Auto ist der Biturbo deswegen aber nicht. Wer öfter den nachdrücklichen, doch sehr gleichförmigen Turboschub auskostet, muss mit mindestens 15 Liter verbleitem Super rechnen. Weil die Maserati-Ingenieure das wussten, quetschten sie einen 80-Liter-Tank über die Hinterachse. Befüllt wird der über eine Klappe in der rechten C-Säule, die sich mit einem der vielen Dreizack-Logos tarnt. Die 180 PS sind auch in diesem 30 Jahre alten Maserati von der kräftigen Sorte. Bei Ampelstarts bügelt er mühelos moderne Diesellimousinen und klingt dabei, wie ein Maserati eben klingen soll: voll, trompetend, ein wenig schmutzig, aber nie ordinär laut. Das macht lull und lall, wenn man zu lange hinhört, schlimmer als jeder Amaretto. Meister Spies will sich von dem Biturbo trennen, falls ihn jemand unbedingt haben will. Also besser nicht so genau hinhören! 

Historie

Der Biturbo-V6 ist eine kapriziöse Diva, auch wegen des unter Turbodruck gesetzten Vergasers.

©A. Perkovic

Der erste Biturbo wird im Dezember 1981 vorgestellt, der Verkauf in Italien beginnt im Frühjahr 1982. Die Exportversion hat 2,5 Liter Hubraum und bis zu 200 PS. 1983 kommt der S mit Ladeluftkühlern und 210 PS. Ebenfalls 1983 debütiert die viertürige Variante 425, ein Kompakt-Quattroporte, erst 1985 kommt der 420 mit Zweiliter. Als dritte Karosserievariante folgt 1984 der bei Zagato gebaute Spyder (ja, bei Maserati mit y geschrieben) mit Stoffdach, kürzerem Radstand und überarbeitetem Interieur. Ab 1986 erhalten alle Versionen Einspritzanlagen statt der Vergaser. Ab 1988 gibt es leistungsgesteigerte Modelle mit vier Ventilen pro Zylinder (2.24 etc.). Zudem entfällt die Typenbezeichnung Biturbo, die verschiedenen Versionen werden nur noch nach Hubraum und Zahl der Türen oder Zahl der Ventile bezeichnet (422, 222 etc.). Eine Besonderheit ist der Karif, ein Hardtop-Coupé mit dem kurzen Radstand des Spyder. Die Modelle Shamal, Ghibli II und Quattroporte IV überleben als Topmodelle sogar die Fiat-Übernahme. Der V6 erhält ein zusätzliches Zylinderpaar und wird zum V8. Der Quattroporte wird als letzter Biturbo 2000 eingestellt.

Technische Daten

Maserati Biturbo Serie I: Motor: V6, vorn längs eingebaut • zwei Turbolader • eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderbank, angetrieben über Zahnriemen, drei Ventile pro Zylinder • Gemischaufbereitung: ein Weber-Doppelvergaser • Bohrung x Hub 82 x 63 mm • Hubraum 1998 ccm • Verdichtung 7,5 : 1 • 132 kW (180 PS) bei 6000/min • 253 Nm bei 3500/min • Antrieb: Fünfgang-Schaltgetriebe (auf Wunsch Dreistufenautomatik) • Hinterradantrieb • Fahrwerk: Einzelradaufhängung vorn mit McPherson-Federbeinen, Querlenkern, Stabilisator, hinten Einzelradaufhängung mit Schräglenkern, Schraubenfedern, Stabilisator • Scheibenbremsen vorn und hinten • Reifen 195/60 R 14 • Maße: Radstand 2514 mm • Länge/ Breite/Höhe 4153/1714/1205 mm • Leergewicht 1100 kg • Tankinhalt 80 l • Fahrleistungen/ Verbrauch: 0–100 km/h: 6,5 s • Spitze 215 km/h • Verbrauch 11,7 l Super (98 Oktan)/100 km (Drittelmix 1983) • Neupreis: circa 40.000 Mark (1983)

Plus/Minus

Das Maserati-Wappen ist geschätzte 20-mal auf dem Auto zu sehen.

©A. Perkovic

Böse Zungen sagen gern, wenn bei einem Maserati beide Rückleuchten gingen, sei etwas anderes kaputt. Das ist zwar nicht nett, doch leider auch nicht ganz falsch. Der Biturbo kam noch etwas unausgereift auf den Markt. Defekte an den Turboladern, der Elektrik, der Hinterachse oder Zahnriemenrisse können jederzeit auftreten. Mängel an der Ölversorgung der Nockenwellen führen bei manchen Fahrzeugen zu Motorschäden. Rost ist ebenfalls nicht selten, vor allem an Türen, Radläufen, Schwellern, den üblichen Verdächtigen. Verwohnte Innenräume sind beinahe typisch. Zu den positiven Seiten zählen die sehr guten Fahrleistungen und die sportlichen Fahreigenschaften in unauffälliger Verpackung.

Ersatzteile

Bei offiziellen Maserati-Händlern ist für den Biturbo nicht mehr viel zu holen. Doch einige freie Händler kümmern sich um die Ersatzteilversorgung des Mini-Maserati. Einiges ist nicht mehr oder nur gebraucht lieferbar, wie etwa die luftgekühlten IHI-Lader der ersten Serie. Die Überholung eines verschlissenen Laders kostet etwa 700 Euro. Ebenfalls nicht mehr zu haben sind Bremsscheiben hinten oder die Plastikabdeckung des Zahnriemens. Der Zahnriemen ist dagegen für 80 Euro lieferbar, die Spannrollenlager für 100 Euro. Viele Verschleißteile sind ebenfalls preiswert: Bremsscheiben vorn kosten nur 100 Euro, die Wasserpumpe ist für 350 Euro zu haben. Teuer sind die Arbeitskosten, denn einen Biturbo sollte man nur echten Fachschraubern anvertrauen.

Marktlage

Frühe Vergaser-Biturbo mit dem kantigen Armaturenbrett sind in gutem Zustand so gut wie nicht zu finden. In Italien ist das Angebot größer, die Zweiliter-Biturbo sind eine Alternative zum so gut wie ausgestorbenen in Deutschland verkauften 2,5-Liter-Modell. Das H-Kennzeichen könnte einen kleinen Preisschub auslösen.

Empfehlung

Der Weg nach Italien liegt natürlich nahe, doch auch dort werden gute Zweiliter-Biturbo nicht verschenkt. Hier hilft eventuell eine Nachfrage in Klubs oder Fan-Foren, die Mitglieder haben oft gute Kontakte in den Süden und helfen gern bei der Suche nach intakten Biturbo. Zuverlässiger und leichter zu finden sind die späteren Versionen mit Einspritzung, die es teilweise sogar mit geregeltem Katalysator gibt.

Autor: Heinrich Lingner

Fotos: A. Perkovic

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